An den Senioren vorbeigeplant: Selbständigkeit statt Betreuung

WOHNEN ⋅ Städte und Gemeinden treiben den Bau von Alterswohnungen mit Volldampf voran. Möglicherweise schiessen sie am Ziel vorbei.
10. Februar 2016, 05:00

Die Schweiz altert – schnell. Sehr schnell: In vier Jahren wird jede fünfte Person über 65 Jahre alt sein. Bis im Jahr 2030 gar jede Vierte. Dieser Zahlen ist man sich mittlerweile bewusst; der Folgen allerdings noch längst nicht vollständig. Beispiel Wohnen: Den Städten und Gemeinden ist bewusst, dass etwas getan werden muss. So erreichen unsere Redaktion im Wochentakt Meldungen über geplante Überbauungen, die Alterswohnungen vorsehen. Auch die Altersleitbilder werden derzeit vielerorts angepasst. Die Forderungen nach «betreuten Alterswohnungen» sind dabei meist Kernsache.

Eine Studie der Hochschule Luzern hinterfragt nun aber genau diese Stossrichtung. Nach Befragungen von rund 200 Immobilieneigentümern, Investoren, Liegenschaftsverwaltern und Vermarktern kommt die Studie zum Schluss, dass der heutige Wohnungsmarkt nicht auf den kommenden Ansturm von Pensionären vorbereitet ist.

«Klischeehafte Einschätzung»

«Die Immobilienbranche schätzt Pensionierte klischeehaft ein», sagt die Soziologin und Studienleiterin Joëlle Zimmerli. Wenn es um das Thema Wohnen im Alter gehe, dominiere das Bild von gebrechlichen und hilfsbedürftigen alten Menschen. Dies führe dazu, dass Wohnungsanbieter den Fokus auf Wohnen mit Betreuung richten – also nach Wohnen mit fixen Dienstleistungspaketen.

Die Nachfrage nach solchen Wohnungen werde allerdings überschätzt: «Man muss sich bewusst sein, dass ein grosser Teil dieser Personen noch sehr gesund ist», erklärt Zimmerli. «Der Umzug in eine Liegenschaft mit solchen Betreuungsangeboten käme ihnen wie ein Umzug ins Altersheim vor und ist für viele von ihnen unvorstellbar.»

Doch genau solche Wohnprojekte spriessen derzeit im ganzen Kanton aus dem Boden. «Die Nachfrage nach solchen Alterswohnungen wird mittelfristig ziemlich verhalten bleiben», ist Zimmerli überzeugt.

Unterschätzt werde hingegen der Wunsch, in einer Liegenschaft mit Nachbarn unterschiedlichen Alters zu wohnen. Und auch das Alleinwohnen bleibe bei den Babyboomern, die nun in die Pension gehen, im Trend. Deshalb brauche es künftig etwas anderes als viele neue und teure Wohnungen mit aufwendigen Betreuungsangeboten: zahlbarer Wohnraum im Segment der 2?-Zimmer-Wohnung, die aber hindernisfrei – sprich altersgerecht – gebaut ist. Und das nicht nur in den Städten. Im ländlichen Raum würden weiterhin vor allem 4?- bis 5?-Zimmer-Wohnungen gebaut. «Die Immobilienbranche und die Gemeinden gehen von einer falschen Annahme aus, wenn sie so für die Zukunft planen.»

Verwaltungen in der Pflicht

Zimmerli und ihr Forschungsteam nehmen insbesondere die Liegenschaftsverwaltungen in die Pflicht: «Für die Immobilieneigentümer ist es oft schwer zu erkennen, was die Bedürfnisse der Bewohner sind und wo Handlungsbedarf besteht», erklärt Zimmerli. «Die Liegenschaftsverwaltungen sind aber direkt dran an den Mietern und sollten solche Wünsche und Bedürfnisse eigentlich aufnehmen. Allerdings stellen wir fest, dass nur sehr wenig Wissen gesammelt wird.»

Ein Gegenbeispiel sei bei Wohnbaugenossenschaften zu beobachten. Dort könne man oftmals den Bedarf anmelden – beispielsweise, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Innerhalb der Genossenschaftswohnungen werde dann nach einer geeigneten Lösung gesucht, um so auch die grössere Wohnung wieder auf den Markt bringen zu können.

Dass die privaten Liegenschaftsverwaltungen solche Dienstleistungen kaum anbieten, liege auch daran, dass die Immobilienbranche weiterhin boomt und die Nachfrage gross ist. Dies biete wenig Anreiz, um Eigeninitiative zu zeigen. «Es wird viel gebaut, und so machen die Verwaltungen ihr Geld derzeit eher über die Quantität, also die Zahl der betreuten Liegenschaften, als mit der Qualität, sprich der Angebotspalette.»


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