Senioren holen Hilfe aus Osteuropa

PERSONENFREIZÜGIGKEIT ⋅ Ob fürs Putzen oder Einkaufen: Immer mehr ältere Menschen lassen einfache Arbeiten von Frauen aus Polen oder Ungarn verrichten. Die etablierten Organisationen reagieren gelassen.

29. September 2016, 05:00

Möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen: Das ist ein Wunsch vieler Senioren. Um den Alltag weiterhin zu Hause bewältigen zu können, sind sie aber oftmals auf Hilfe des Partners oder der Angehörigen angewiesen. Für alle Beteiligten mag das eine Belastung sein. Haushaltshilfen, die bei den Betagten wohnen und somit während 24 Stunden am Tag anwesend sind, können hierbei Abhilfe schaffen und etwa beim Duschen, Putzen oder Einkaufen behilflich sein.

Die Suche nach geeigneten Betreuerinnen verschiebt sich zunehmend ins Internet. Sucht man etwa für die Region Luzern eine Haushaltshilfe, erscheinen Dutzende Angebote, etwa die Plattformen seniorenpflege24.ch, alterswohnhilfe.ch oder pflegehelden.ch. «Die Zahl der Personalvermittlungsbetriebe nimmt stetig zu», sagt denn auch Peter Schwander, Leiter der Industrie- und Gewerbeaufsicht der kantonalen Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira). Bisher hat die Wira 13 Betrieben, die «hauptsächlich Pflege- und Betreuungsdienstleitungen anbieten», eine entsprechende Bewilligung erteilt. «Vor 2011 waren uns keine derartigen Betriebe bekannt», so Schwander. Denn seit 2011 gilt das Personenfreizügigkeitsabkommen der Schweiz mit diversen osteuropäischen Staaten, wie Ungarn, Polen oder Slowenien.

Mindestlohn: 3370 Franken

Dank des Abkommens können die erwähnten Agenturen einfacher Betreuerinnen mit entsprechender Berufserfahrung aus Osteuropa an hiesige Kunden vermitteln. Dadurch sind die Angebote zum Teil um ein Vielfaches günstiger als etwa in einem Altersheim – und kommen offenbar gut an, wie ein Beispiel zeigt (siehe Kasten). Eine Rundum­betreuung findet man bei den Agenturen ab 4900 Franken. Die Frauen arbeiten oft für drei Monate pro Jahr in der Schweiz. Denn so lange gilt ihr Erwerb als kurzfristige Erwerbstätigkeit und ist bloss meldepflichtig. Wenn eine Arbeiterin länger bleibt, wird eine L- oder B-Bewilligung beantragt, was einen Aufenthalt von einem oder von fünf Jahren ermöglicht, sagt Andreas Szostek, Geschäftsleiter der Baarer Firma pflegehelden.ch. «Die Betreuerinnen sind bei uns angestellt und erhalten einen normalen Arbeitsvertrag», erklärt Szostek weiter. «Für die Frauen lohnt sich die Arbeit hier; sie verdienen viel mehr als in ihrer Heimat.» Genauere Zahlen kann hierzu Sandor Farkas, Vorsitzender der Geschäftsleitung von seniorenpflege24.ch, nennen. «Unsere Mitarbeiterinnen erhalten je nach Qualifikation und Erfahrung mindestens 3370 Franken. In Ungarn etwa würden sie bloss 400 Euro verdienen.» Der Lohn sei zwar nicht mit jenem ausgebildeter Schweizer Fachkräfte zu vergleichen, aber vom Staatssekretariat für Wirtschaft abgesegnet. Lohndumping sei dies also nicht. Im Kanton Luzern hat die Wira bei den 13 bewilligten Arbeitgebern nur in einem Fall missbräuchliche Löhne festgestellt.

Die Anstellungsbedingungen sind für die Osteuropäerinnen also lukrativ. Wie die Wira auf Anfrage unserer Zeitung schreibt, waren 2011 bloss 26 Haus­haltshilfen oder Betreuungspersonen im Kanton registriert, die von der Personenfreizügigkeit mit der EU Gebrauch machten. Letztes Jahr waren es bereits 117 Personen.

Überraschend: Für die hiesigen etablierten Institutionen im Gesundheitsbereich sind die Vermittlungsplattformen keine Konkurrenz. Karin Blättler, Präsidentin des Vereins Haushilfe in Luzern: «Unsere Haushelferinnen betreuen ältere Menschen über eine längere Zeit nur in kurzen bedarfsorientierten Einsätzen von wenigen Stunden pro Woche oder pro Monat. Deswegen sind wir weniger mit anderen Haushilfedienstleistungsanbietern konfrontiert.» Auch für die Spitex sind die Agenturen keine Konkurrenz, wie Peter Schärli, Präsident des Luzerner Kantonalverbandes der Spitex, auf Anfrage sagt. «In Einzelfällen müssen wir die Betreuerinnen unterstützen. Nämlich dann, wenn es um pflegerische Arbeiten geht, welche die Haushaltshilfen nicht tätigen können und dürfen, oder wenn sie überfordert sind – wie dies bei Angehörigen auch der Fall ist.»

Gleiches ist von Claudia ­Husmann zu hören. Sie leitet die Zentralschweizerische Geschäftsstelle des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und -männer: «Da es sich bei den Betreuerinnen meist um nicht qualifiziertes Personal handelt, spüren wir keinen Konkurrenzdruck.» Es reiche aber meist nicht aus, einen Kunden nur als Haushaltshilfe zu betreuen. «Wer eine Betreuung nötig hat, ist gesundheitlich angeschlagen und hat in den meisten Fällen auch eine richtige Pflege nötig, die nur ausgebildete Fachkräfte tätigen können.» Husmann verfolge Entwicklung und Qualität der Angebote der Onlinevermittler deshalb genau.

«Sie macht ihre Arbeit gut»

Betreuung Unsere Zeitung hat mit dem Beistand einer 90-jährigen Frau aus dem Kanton Bern gesprochen. Seit fünf Jahren kümmert sich der Mann, der lieber anonym bleiben möchte, für das körperliche, geistige und finanzielle Wohlergehen der Seniorin. Diese habe leichten Alzheimer, der sich in den letzten Jahren etwas verstärkt habe.

Nach einem Unfall im vergangenen April habe man entschieden, die Betreuung einer Haushaltshilfe abzugeben: «Wir haben uns einige Angebote angeschaut und uns dann für die Plattform pflegehelden.ch entschieden.» Dies auch aus finanziellen Gründen, da die 24-Stunden-Betreuung von Schweizer Anbietern zu teuer sei. Nun lebe seit drei Wochen eine Polin im Haushalt, die auch gut Deutsch spreche. «Wir sind zufrieden», sagt der 69-jährige Beistand, «sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst und macht es gut.» So gut, dass der Hausarzt der Seniorin überlege, die bis anhin durch die Spitex durchgeführte Medikamentenabgabe der polnischen Pflegerin zu überlassen.

Die Haushaltshilfe bleibt noch bis Mitte Oktober. Dann zieht eine neue Haushaltshilfe ein. «Sie macht einen guten Eindruck, im Dossier und auch am Telefon», meint der Beistand. «Wir sehen keinen Anlass, den Anbieter zu wechseln.»
 

Niels Jost


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