Senioren schauen beim Wohnen aufs Geld

PFLEGE ⋅ Immer mehr Altersresidenzen bieten einen Rundum-Service wie im Hotel. Doch viele Pensionäre plagt dabei das eigene Gewissen.
11. Februar 2016, 05:05

Simon Bordier

Im Mai öffnet das neue Seniorenzentrum Vivale Sonnenplatz in Emmenbrücke seine Tore. Die 32 altersgerechten Wohnungen und 54 stationären Pflegeplätze sollen mehr sein als die letzte Station im Leben. Das Zentrum der schweizweit tätigen Vivale AG will den wechselnden Bedürfnissen im Alter durch drei verschiedene Wohnformen entsprechen, erklärt Geschäftsführer Urs Brunner. «In einer Alterswohnung kann man ein selbstständiges Leben mit viel Komfort führen», sagt er. Bei zunehmendem Pflegebedarf könne man zum betreuten Wohnmodell mit Spitex-Diensten wechseln. Und wer sich nicht mehr in der Wohnung zurechtfinde, habe ein Vorzugsrecht auf ein Pflegezimmer. «Man braucht also das lieb gewonnene Umfeld nicht zu verlassen», so Brunner.

Erst die Hälfte vermietet

«Die Wohnungen verfügen über einen modernen Ausbaustandard mit integriertem Notrufsystem», erklärt er. Den Pensionären stehen zudem ein Fitnessraum, eine Bibliothek, Dachterrassen und ein öffentliches Restaurant zur Verfügung. Die Wäscheversorgung, Reinigung sowie Verpflegung würden separat angeboten.

Die monatlichen Pensionspreise bewegen sich für eine 21/2-Zimmer-Wohnung je nach Lage zwischen 1810 und 3020 Franken – sie sind also auch für Normalverdienende, die vorgesorgt haben, tragbar. Die Preisgestaltung auf dem Alterswohnmarkt sei aber nicht immer leicht zu vermitteln, so Brunner. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich der Preis mit einer gezielten Umschreibung des Dienstleistungsangebots rechtfertigten lässt – auch aus Sicht der Interessenten.» Momentan suche man für gut die Hälfte der Wohnungen noch Abnehmer.

Dass Wohnungen mit Dienstleistungspaketen nicht ganz leicht zu vermarkten sind, zeigt auch ein Blick nach Ebikon. Nah beim Bahnhof wurde dort vor zwei Jahren das Alters- und Pflegezentrum Pilatusblick Senevita eröffnet. Es bietet 22 Pflegezimmer und 68 altersgerechte Wohnungen zu Pensionspreisen zwischen 2700 Franken und 3700 Franken pro Monat. Darin inbegriffen ist ein Rundum-Service mit täglichen Mahlzeiten im Restaurant, Notfallbetreuung, Wohnungsreinigung und Unterhaltungsprogramm. Derzeit seien noch 10 von 68 Wohnungen nicht vermietet, erklärt Geschäftsführer Daniel Moser.

«Du hast dein Leben lang hart gearbeitet, nun gönn dir doch ein wenig Luxus.» Diesen Satz hat Moser auch schon zu seinem eigenen 81-jährigen Vater gesagt. Die heutige Generation 80 plus sei es eben nicht gewohnt, sich Privilegien zu genehmigen, sondern wolle möglichst viel vererben. Dies gelte insbesondere in der Region Luzern, wo der Individualismus noch nicht so ausgeprägt sei wie etwa in den Business-Städten Zürich und Zug.

Wird der Markt noch wachsen?

Die unbelegten Wohnungen zeigen, dass sich die Nachfrage nach Alterswohnungen mit fixen Dienstleistungspaketen momentan in Grenzen hält. Es wird sich weisen, ob der Markt noch in den Kinderschuhen steckt, wie Zentrumsleiter betonen, oder ob Senioren mit mittlerem Einkommen grundsätzlich nicht besonders interessiert sind. Eine kürzlich präsentierte Studie der Hochschule Luzern ist da kritisch: In der Immobilienbranche herrsche das Bild von hilfsbedürftigen alten Menschen vor, denen man teure Wohnungen und Dienstleistungen verkaufen wolle. Dabei werde die Selbstständigkeit der Senioren und das Bedürfnis nach günstigem Wohnraum unterschätzt (Ausgabe von gestern).

Erst letzten Herbst hat die Suva 53 relativ günstige Alterswohnungen in Emmen realisiert. Die Überbauung steht neben dem Betagtenzentrum Emmenfeld, das ebenfalls zu dieser Zeit eröffnet worden ist. Der Mietpreis bewegt sich je nach Lage zwischen 1490 Franken für eine 21/2-Zimmer-Wohnung und 2130 Franken für eine 31/2-Zimmer-Wohnung. Wer will, kann die Pflegedienste des angrenzenden Zentrums in Anspruch nehmen und dort Mahlzeiten einnehmen. Dafür zahlt man aber extra.

«Die Nachfrage nach den Alterswohnungen ist gross», meint Richard Kolly, Geschäftsführer der Betagtenzentren Emmen AG. Bereits bei der Eröffnung seien praktisch alle Wohnungen vergeben gewesen. Die gemeinnützig geführte Betagtenzentren Emmen AG könne bei dem Projekt mit der Suva ihre «flexiblen Firmenstrukturen» ausspielen, so Kolly.

Im hohen Preissegment scheinen Alterswohnungen mit Dienstleistungspaketen hingegen recht etabliert zu sein. Die Seniorenresidenz Tertianum Bellerive in Luzern etwa bietet seit sechs Jahren 66 Alterswohnungen und 26 Pflegeplätze in exklusiver Lage. In der Regel gebe es zwei bis vier leer stehende Wohnungen, sagt Geschäftsführer Raymund Neumann. Dies sei aber auf natürliche Fluktuationen zurückzuführen.


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