Sie beschreibt Paris nach den Anschlägen

LUZERN ⋅ Gestern wurden an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Luzern Diplome verteilt. Als beste Bachelorarbeit wurde jene von Anja Glover ausgezeichnet. Darin dokumentiert die Willisauerin das Leben junger Pariser.

18. März 2017, 08:01

Natalie Ehrenzweig

kanton@luzernerzeitung.ch

Während mehrerer Monate verbrachte Anja Glover viel Zeit auf den Plätzen und in den Strassen von Paris, im Quartier der im November 2015 attackierten Clubs. Nach den Anschlägen wurde der Hashtag «jesuisenterrasse», der das Pariser Lebensgefühl zurückholen soll, zu einer Art Lebensmotto. Die 24-Jährige beobachtete, hörte zu, tauschte sich aus, lernte den Slang. Und schrieb dar­über die beste Bachelorarbeit ihres Jahrgangs im Fach Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Soziologie. Gestern erhielt sie an der Diplomfeier der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern ihr Diplom und ihre Auszeichnung.

Anja Glover hat in ihrem jungen Leben schon viele Erfahrungen gesammelt. Nachdem sie mit ihren drei Schwestern von Schwamendingen nach Willisau gezogen war, begann sie als 14-Jährige beim «Willisauer Boten» als Journalistin zu arbeiten, was ihr für die Bachelorarbeit zugutekam. «Darum sagte mir die ethnografische Arbeit sehr zu. Schreiben mache ich sowieso am liebsten.» In Paris sei es sehr spannend gewesen, Zeit mit den Menschen zu verbringen und zu ergründen versuchen, welche kulturspezifische Bedeutung das «En terrasse»-Sein für die jungen Erwachsenen hat. «Ich habe eine sehr dichte Beschreibung abgeliefert, ich glaube, darum wurde die Arbeit prämiert», vermutet sie.

«Fühle mich frei in Paris»

Zum ersten Mal reiste Anja Glover nach Paris, nachdem sie in Portugal-Ferien Pariser kennen gelernt hatte. «Damals besuchte ich Freunde und verbrachte viel Zeit mit Tanzen. Dann fuhr ich für einen Monat nach Paris, um Französisch zu lernen. Ende 2015 absolvierte ich in Paris mein Austauschsemester – in der Zeit, als die Anschläge verübt wurden», erzählt sie. Nach der Attacke auf «Charlie Hebdo» habe sie Angst gehabt. «Doch wenn man so nah am Geschehen ist und einem doch nichts passiert, dann fühlt man sich nicht mehr so verwundbar und denkt, dass die Chance, direkt betroffen zu werden, eher unwahrscheinlich ist.»

Anja Glover ist immer noch in Paris, hat jetzt ihren Masterstudiengang dort begonnen. «Paris gefällt mir sehr. Ich fühle mich dort frei, nicht fremd. Das Kulturengemisch ist sehr inspirierend, an jeder Ecke gibt es Tausende Geschichten zu erzählen», schwärmt sie. Doch sie komme immer gern und oft nach Hause: «Ich geniesse die frische Luft, das gute Wasser, die Sauberkeit hier. Die Seen vermisse ich in Paris.» Reisen ist sowieso eine ihrer Leidenschaften. «Man sagt ja, es sei wie bei den Pflanzen, die müssen auch zwischendurch mal umgetopft werden», lacht sie.

Während sie in Paris weiterstudiert, arbeitet sie als Texterin und Journalistin für Schweizer Agenturen, auch als freie Mitarbeiterin für unsere Zeitung. «Mir passt das sehr gut so. Ich bin nicht der Typ für einen geregelten Tagesablauf.» Das Leben geniessen, Zeit mit Freunden und Familie verbringen, Spass haben und tun, was einen interessiert: Das ist das Credo von Anja Glover. Und sie ist überzeugt, dass auch deshalb ihre Bachelorarbeit gut geworden ist: «Weil ich etwas gemacht habe, was mich sehr interessiert und mir Spass gemacht hat. Wir haben in der Schweiz das Privileg, fast alles machen zu können. Viele wissen das gar nicht zu schätzen.»

Anja Glover weiss ihre Möglichkeiten durchaus zu schätzen. «Wir hatten nicht viel Geld, aber meine Mutter hat uns immer vorgelebt, dass wir in unserem Leben etwas machen sollen, was uns Spass macht.» Es sei gut, wenn einem nicht alles in den Schoss falle. «So kann man etwas dafür tun. Deshalb habe ich auch schon mit 14 angefangen zu arbeiten», sagt sie. Arbeiten, also schreiben, wird sie auch noch nach ihrem Masterabschluss, ist sie überzeugt. «Wo ich den Master abschliesse, darüber bin ich mir noch nicht im Klaren.» Am Sonntag geht es zurück nach Paris. «Aber ich komme sicher wieder heim. Doch, doch», lacht sie.


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