Sie ist der Hölle eines syrischen Gefängnisses entronnen

LUZERN ⋅ Die Frauenrechtlerin Amal Naser hat in einem syrischen Gefängnis Monate des Grauens erlebt. Heute kämpft sie von Luzern aus weiter für Frieden in ihrer Heimat – und wurde nun für ihr Engagement ausgezeichnet.
06. Mai 2017, 13:00

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch
 


Amal Naser ist eine herzliche Gastgeberin. Zum Gespräch in ihrer kleinen Wohnung mitten in der Stadt Luzern tischt sie frische Schokokuchen auf. Dazu gibt es schwarzen Tee. Wenn sie spricht, hat Amal fast immer ein Lächeln auf dem Gesicht.

Die gemütliche Atmosphäre steht allerdings in hartem Kon­trast zu der Geschichte, die sie an diesem Morgen erzählt. Die Frauenrechtsaktivistin hat sich seit den 1990er-Jahren für die Rechte von Arbeiterfrauen eingesetzt. Der Volksaufstand 2011 gegen das Regime von Bashar al-Assad war für sie mit grossen Hoffnungen verbunden. «Es war wie ein Traum. Endlich konnten wir unsere Forderungen laut herausschreien», erinnert sich die 50-Jährige. Wenn sie heute in den Nachrichten sieht, was aus dieser friedlichen Bewegung geworden ist, kommen ihr die Tränen.

Friedensaktivistin wurde als Terroristin verhaftet

Unter der Ägide der UNO stellte Amal ein Projekt der syrischen Frauen für den Frieden auf die Beine. Im Ausland nahm sie an vielen Friedenskonferenzen teil – im Januar 2014 auch in Genf. Nach ihrer Rückkehr wurde sie plötzlich vom Geheimdienst verhaftet. Sie sei eine islamische Terroristin, warf man ihr vor – obwohl sie keine Muslima ist.

Wenn Amal schildert, was sie während der Haft erlebt hat, ist das nur schwer zu ertragen. Sie wurde mit zwölf anderen Frauen in eine Zelle von drei Quadratmetern gesteckt. Die Mitgefangenen waren zwischen 13 und 86 Jahre alt. Eine war schwanger. «Als sie ihr Kind zur Welt brachte, nahm man es ihr weg und warf die Mutter zurück in die Zelle. Sie war erst 15 Jahre alt. Wir harrten nächtelang sitzend aus, damit das Mädchen sich hinlegen und wenigstens ein bisschen von der Geburt erholen konnte», erzählt Amal.

«Wir waren Nummern, keine Menschen»

Der Frauentrakt war mit dem Männertrakt durch einen Sichtschlitz verbunden. «Das wurde bewusst so gemacht. Die Insassinnen mussten zusehen, wie ihre Männer, Brüder und Söhne brutal gefoltert wurden.» Doch nicht nur psychisch wurden die Frauen misshandelt. Die Musliminnen unter den Gefangenen wurden täglich geschlagen. Amal als Atheistin wurde weitgehend verschont. «Nachdem, was ich erlebt habe, kann ich aber nachvollziehen, warum viele Muslime in Syrien radikalisiert sind und zur Waffe greifen», sagt Amal.

Die Frauen trugen die ganze Zeit über die Kleider, die sie bei ihrer Verhaftung am Leib hatten. Es gab keine Hygieneartikel und keine Möglichkeit, sich zu duschen. Viele wurden krank. Wenn jemand starb, wurden die Leichen durch die Gefängnisgänge getragen, damit alle sie sehen konnten. Sie waren nummeriert. «1540. Diese Zahl war an einem der Toten angebracht. Ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen. Wir waren keine Menschen. Wir waren nur Nummern.»

Während ihrer Haft übten Organisationen wie Amnesty International Druck aus, um die Freilassung von Amal zu erlangen. Nach vier Monaten gelang dies. Allerdings musste sie jederzeit damit rechnen, erneut verhaftet zu werden. Deshalb entschied sie sich zur Flucht. Da sie zu einem internationalen Kongress in Zürich eingeladen war, erhielt sie ein Visum für die Schweiz. So konnte sie regulär einreisen und hier ein Asylgesuch stellen. Sie wohnt heute mit ihrem Mann in Luzern. Ihre Tochter ist noch immer in Syrien. Die Behörden haben einen Familiennachzug nicht bewilligt.

Engagement für traumatisierte Kinder

Hier will Amal ein Projekt ins ­Leben rufen, um traumatisierte syrische Kinder zu betreuen, ­Arabisch-Unterricht zu geben und ihnen zu zeigen, wie Konflikte gewaltlos gelöst werden können. «Wenn der Krieg vorbei ist, sollen sie nicht als Fremde nach Syrien zurückkehren.» Für ihr jahrelanges Engagement für die Menschenrechte in Syrien wurde Amal heute in Bern mit dem Somazzi-Preis ausgezeichnet.

Auf Deutsch bedeutet Amal Hoffnung. «Ich habe nie eine Person angetroffen, zu welcher der Vorname so gut passte», sagte Manon Schick, die Geschäftsleiterin Amnesty International Schweiz, in der Laudatio. Tatsächlich sprüht Amal Naser ­einen Optimismus aus, für den man sie angesichts ihrer Erlebnisse nur bewundern kann.

Hinweis: Amal Naser ist zurzeit im Dokumentarfilm «Rue de Blamage» von Filmregisseur Aldo Gugolz zu sehen. Der Film läuft im Kino Bourbaki, Luzern (wir berichteten).


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