So kämpfen Firmen gegen die Grippe

GESUNDHEIT ⋅ Die Grippeimpfung kann vor einer Erkrankung schützen. Manche Unternehmen bieten sie ihren Mitarbeitern darum wieder kostenlos an – oft mit mässigem Erfolg. Das ist auch in den Luzerner Spitälern nicht anders.

25. November 2016, 05:00

Noch sei es ruhig in seiner Arztpraxis, sagt Aldo Kramis, Hausarzt in Emmenbrücke. Damit bezieht er sich auf den geringen Ansturm an Patienten mit dem Grippevirus. «Mitte Januar wird sich die Situation ändern. Dann erkranken erfahrungsgemäss am meisten Menschen an einer Grippe.» Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Kopf- und Halsweh: Das sind die gängigen Symptome. Jährlich treten gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Schweiz zwischen November und April Grippe-Epidemien auf, die 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung betreffen. In einer Saison verursacht die Grippe etwa 100000 bis 250000 Arztbesuche, zwischen 1000 und 5000 Spitalaufenthalte sowie bis zu 1500 Todesfälle.

Dass im Vergleich zu anderen Infektionen so viele Menschen an der Grippe erkranken, hat mit der einfachen Übertragung zu tun: Man kann sich durch Tröpfchen, bedingt durch Niesen, Husten oder Sprechen, anstecken. Oft genügt auch schon der indirekte Kontakt über kontaminierte Oberflächen.

Statt der Impfung gibts nun Früchte

Besonders dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind Berufsgruppen, die viel Kundenkontakt haben – wie etwa Verkäuferinnen bei der Migros Luzern. Das ist auch den Betrieben bewusst. Bis 2014 hat die Migros den Mitarbeitern jeweils die Grippeimpfung finanziert. Weil die Zahlen allerdings rückläufig waren – bei einer Anzahl von 6000 Mitarbeitern in der Zentralschweiz sank die Impfrate von rund 350 auf 250 –, hat man dieses Angebot abgeschafft. Antonia Reinhard, Mediensprecherin Genossenschaft Migros Luzern, begründet den Entscheid so: «Der Nutzen der Grippe­impfung ist in Fachkreisen umstritten. In der Migros Luzern konnten wir diesen mit den Absenzenzahlen nicht nachweisen.» Darum setzt die Migros nun auf eine andere Art der Prävention: Sie verteilt Früchte. Damit werde auf die Wichtigkeit von Früchten hingewiesen, sagt Reinhard und ergänzt: «Wir möchten das Bewusstsein für die eigene Gesundheit schärfen und die Eigenverantwortung ansprechen.»

Beim Grossverteiler Coop erhalten die Angestellten eine 10-Franken-Gutschrift, den sie bei Coop einlösen können, wenn sie sich bei ihrem Arzt oder Apotheker impfen lassen. Ausserdem profitieren die Angestellten von einem Sonderrabatt bei einem pflanzlichen Arzneimittel, welches einer Grippe vorbeugen soll.

Angestellte der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erhalten 30 Franken an die Impfung. Das deckt in der Regel die Kosten: In der See-Apotheke in Luzern kostet die Impfung beispielsweise 25.50 Franken. Jährlich profitieren bei den SBB mehrere hundert Angestellte von diesem Angebot. Der optimale Zeitpunkt, sich den Impfstoff spritzen zu lassen, liegt zwischen Mitte Oktober und Mitte November, wie das BAG schreibt. In der See-Apotheke kann man die Grippeimpfung noch bis Ende Monat machen. Gemäss Geschäftsführer Balthasar Schmid lassen sich dort pro Jahr rund 300 Personen impfen.

Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt die Grippeimpfung unter anderem Angestellten von Spitälern, Alters- und Pflegeheimen oder Kinderkrippen (siehe Kasten). Seit mehreren Jahren führt das Luzerner Kantonsspital während zweier Wochen eine Grippekampagne durch: Die Angestellten können in dieser Zeit die Grippeimpfung kostenlos von einem Arzt machen lassen. Im Jahr 2014/15 haben 12 Prozent des Spitalpersonals dieses Angebot wahrgenommen. Ein Jahr später waren es mit 17 Prozent merklich mehr. Dennoch ist die Impfquote im Gegensatz zu Spitälern in der Westschweiz sehr tief, wie Marco Rossi, Chefarzt der Infektiologie und Spitalhygiene des Luzerner Kantonsspitals, sagt. Er bedauert diese Tatsache, spricht sich gleichzeitig aber deutlich gegen eine Impfpflicht aus. «Jeder Mitarbeiter darf und soll selber entscheiden können, ob er sich impfen lässt oder nicht.»

Zudem räumt Rossi ein, dass der Schutz durch die Impfung teils gering ist. Er macht ein Beispiel: Im Jahr 2014/15 lag die Impfwirksamkeit bei etwa 23 Prozent. Ein Jahr später bei ungefähr 65 Prozent. Zum Vergleich: Die Impfwirksamkeit bei Masern liegt bei 98 Prozent. Diese extremen Schwankungen der Wirksamkeit erklärt der Experte so: «Der Impfstoff gegen das Grippevirus wird jeweils im Februar zusammengestellt. Das Virus kann aber später noch mutieren. Ist dies der Fall, wirkt der Impfstoff nur bedingt.»

Obschon das Bundesamt für Gesundheit beteuert, die Impfung sei der wirksamste Schutz vor einer Grippeinfektion, gibt es gemäss Rossi weitere Massnahmen, um eine Ansteckung zu vermeiden. So rät der Infektiologe den Angestellten, bei einer Erkältung einen Mundschutz zu tragen. «Das funktioniert in unserem Spital sehr gut», hält Rossi seine Beobachtung fest. Zudem sollten Mitarbeiter bei einer Grippeerkrankung mit Fieber zu Hause bleiben. Weiter hat das Luzerner Kantonsspital seit diesem Jahr einen neuen Test zum raschen und zuverlässigen Nachweis der Grippeviren eingeführt. Bestätigt sich der Verdacht, wird der Patient isoliert. Es ist also ein Bündel von Massnahmen, welche die Patienten vor einer im Spital erworbenen Influenza-Grippe schützen sollen. In wie vielen Fällen das Spitalpersonal einen Patienten mit dem Virus infiziert hat, lässt sich nicht genau sagen. Rossi schätzt, dass es nicht mehr als eine Handvoll sind. Bis dato haben sich am Standort Luzern von knapp 6700 Mitarbeitern rund 800, also fast 12 Prozent, impfen lassen.

Auch in der Privatklinik St. Anna in Luzern können sich die Angestellten freiwillig und gratis gegen die Grippe impfen. Vom gesamten Pflegepersonal haben das letztes Jahr 10,7 Prozent getan –das sind doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Yasmin Kunz


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