So wird das Theater zur «Salle»

KULTUR ⋅ Die Salle Modulable soll das heutige Luzerner Theater ersetzen. Dabei geht es nicht bloss um ein neues Gebäude, sondern um eine grundsätzliche Neuorientierung der Luzerner Kultur.
22. Juni 2015, 05:00

Interview Robert Knobel

2023 soll die Salle Modulable in Luzern eröffnen. Das haben Stadt, Kanton und die Stiftung Salle Modulable kürzlich bekannt gegeben (Ausgabe vom 16. Juni). Bisher haben sich die Diskussionen vor allem um Standortfragen und ums Geld gedreht. Doch das neue Musiktheater wird auch das Luzerner Kulturleben tief greifend verändern. So haben Stadt und Kanton Luzern die Millionenspende von Mäzen Christof Engelhorn zum Anlass genommen, die Strukturen des heutigen Luzerner Theaters grundsätzlich zu überdenken.

Fest steht bisher, dass das Luzerner Theater nach Eröffnung der Salle Modulable in der jetzigen Form nicht mehr bestehen wird, auch das Haus an der Reuss wird dann aufgegeben. Vielmehr soll das Luzerner Theater in die Salle Modulable integriert werden. Neue Theater-Infrastruktur (NTI) nennt sich das Projekt.

Mehr freie Szene

Was das alles im Detail bedeutet, ist noch unklar. Es zeichnet sich aber ab, dass der ganze Theaterbetrieb viel flexibler werden wird. Das Ensemble mit fest angestellten Künstlern wird höchstwahrscheinlich nicht mehr im heutigen Umfang bestehen. Die Ensembles der drei Sparten im Luzerner Theater umfassen heute zehn Schauspieler, neun Sänger und rund zehn Tänzer. Statt mit hauseigenen Künstlern könnte das Luzerner Theater künftig vermehrt projektbezogen arbeiten – etwa mit externen Künstlergruppen oder mit solchen aus der freien Szene.

Das Luzerner Theater soll in die ­Salle Modulable integriert werden. Wird es künftig noch ein Ensemble geben?

Rosie Bitterli*: Ob es noch ein Ensem­ble in Luzern gibt und in welchen Sparten, wird dannzumal aus künstlerisch-betrieblicher Sicht zu beurteilen sein.

Der Standard in den meisten Städten ist noch immer das System «Dreispartenhaus mit festem Ensemble». Wieso sollte Luzern das aufgeben?

Bitterli: Es geht darum, für Luzern und für ein neues Haus veränderte neuartige Konzepte zu diskutieren. Wir stellen fest, dass bereits die gegenwärtigen Subventionsmittel für die Finanzierung des heutigen Betriebes sehr knapp sind. In die Zukunft gedacht, braucht es hier neue, flexiblere Ansätze für ein Haus, an dem alle darstellenden Künste produzieren können.

Mehr freie Szene, weniger fest angestellte Künstler – damit sinkt die soziale Sicherheit der Künstler.

Bitterli: Das ist ganz und gar nicht das Ziel unserer Arbeit. Es wird auch weiter Anstellungen beim Theater geben. Wir wollen mit einem neuen Konzept für das Luzerner Theater dazu beitragen, dass das Theater in Luzern eine gute und attraktive Zukunft hat. Das ist nicht zuletzt auch im Interesse der Theaterschaffenden.

Das fest angestellte Ensemble ist auch ein Identifikationsfaktor: Die Künstler leben in Luzern, sie sind dem Publikum vertraut.

Bitterli: Die für ein Theater wichtige Identifikation zwischen Bevölkerung und Theaterinstitution muss über das Angebot und die Inhalte erfolgen – über das, was im Haus passiert.

Bis wann sollen die Rahmenbedingungen für die Integration des Luzerner Theaters in die «Salle» definiert sein?

Bitterli: Viel Arbeit wurde im Rahmen des Teilprojektes Theater-Werk Luzern bereits geleistet. Wir werden darüber im Winter im Rahmen des Zwischenberichtes an die Parlamente informieren können. Bis zum Entscheid über das definitive Bauprojekt haben wir dann noch gut drei Jahre Zeit, konzeptionell weiterzuarbeiten. Das Luzerner Theater ist in die Diskussionen massgeblich eingebunden und unterstützt die Entwicklung in die Zukunft.

Welche Rolle spielt künftig das Luzerner Sinfonieorchester (LSO)?

Bitterli: Das LSO ist heute und in Zukunft das Theater- oder Opernorchester. Allerdings soll auch hier die Zusammenarbeit flexibler werden. Das Luzerner Theater möchte die Möglichkeit haben, für einzelne musikalische Projekte Spezialistenensembles zu engagieren. Darüber wird – im Rahmen eines neuen Leistungsauftrages ab 2016 – bereits heute verhandelt.

Das LSO besteht zum grössten Teil aus fest angestellten Musikern. Wird man auch hier künftig stärker auf Künstler aus der freien Szene zurückgreifen?

Bitterli: Das LSO arbeitet bereits heute mit Zuzügern, die zum Teil freiberuflich arbeiten. Inwieweit es zu Kooperationen zwischen LSO und Exponenten der freien Szene kommt, ist ein künstlerischer Entscheid. Das wäre eventuell sehr interessant.

Wir haben jetzt viel über künstlerische und betriebliche Fragen gesprochen. Inwiefern nimmt die Politik darauf Einfluss?

Bitterli: Der Zweckverband Grosse Kulturbetriebe hat die Vorgabe gemacht, dass die heutigen Subventionen in der Höhe von 21 Millionen Franken auch für den künftigen Betrieb ausreichen müssen. Wir wollen aufzeigen, dass das plausibel ist. Schlussendlich wird ein neuer Leistungsauftrag festlegen, was die öffentliche Hand an Leistungen erwartet und was diese kosten dürfen.

Gibt es schon Pläne, was mit dem alten Theatergebäude geschehen soll?

Bitterli: Das ist Sache der Stadt Luzern. Pläne gibt es noch keine. Wir warten zuerst den Standortentscheid ab.

* Rosie Bitterli Mucha (56) ist Chefin Kultur und Sport der Stadt Luzern sowie Gesamtprojekt­leiterin Neue Theater-Infrastruktur (NTI).


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