Sparübung zwingt Schüler zu Heimarbeit

BILDUNG ⋅ 4 Millionen Franken spart der Kanton, indem er die Herbstferien bei Gymnasien und Berufsschulen um eine Woche verlängert. Eine Umfrage zeigt: Den verpassten Stoff müssen Schüler nun auf eigene Faust nachholen.

14. Oktober 2016, 07:10

Für die meisten Schüler des Kantons enden heute offiziell die Herbstferien, nicht aber für die rund 20 000 Gymnasiasten, Fachmittelschüler und Lehrlinge, denen der Kantonsrat eine zusätzliche Zwangspause aufgebrummt hat. Von Dolcefarniente dürfte nächste Woche aber wenig zu spüren sein: Viele müssen den Stoff nun selbst aufarbeiten.

Betroffen sind etwa Abschlussklassen der Kantonsschule Alpenquai, Luzern, wie Rektor Hans Hirschi auf Anfrage bestätigt. «Die Schulleitung hat keine Weisungen erlassen. Das Erteilen von Hausaufgaben liegt in der Verantwortung der Lehrer. Sie wissen am besten, was zum Erreichen der Lernziele nötig ist.»

Lehrer: «Ausbildung leidet unter dem Spardiktat»

Laut der Dienststelle Gymnasialbildung haben die Schulleitungen die Lehrer frühzeitig informiert, «dass grundsätzlich keine Arbeit zu leisten ist». Umgesetzt wird dies wie folgt: «Viele Lehrer gaben ihren Klassen Manuskripte ab, mit denen die Schüler die Themen selber vorbereiten können», sagt Remo Herbst, Präsident des Verbands der Mittelschullehrer (VLM). «Denn Arbeit, die nicht bezahlt ist, soll auch nicht geleistet werden.» Der Geschichtslehrer hat seiner Maturaklasse ebenfalls Aufträge gegeben, um auf Kurs zu bleiben. «Trotzdem wird die Ausbildung der Jugendlichen unter dem Spardiktat leiden.»

Gleich sieht dies Benno Wey, Präsident des Verbands der Luzerner Berufsschullehrer (BCH): «Am härtesten trifft es bei uns die Schüler der Vollzeitberufsmatura. Ihnen bleibt nur ein Jahr bis zum Abschluss.» Wey unterrichtet Allgemeinbildung. «Ich habe mehr Hausaufgaben aufgetragen, um die wegfallenden Lektionen zu kompensieren.» Andere wiederum hätten – vielleicht aus Trotz – absichtlich keine Aufträge gegeben, um die Konsequenzen des Entscheids zu verdeutlichen. Wie Herbst beobachtet Wey, dass sich die Schüler dagegen nicht wehrten. «Sie merken, dass solche Sparmassnahmen nicht zu ihren Gunsten sind.»

Doch was ist davon zu halten, dass nun in erster Linie die Schüler das von der Politik eingebrockte Süppchen auszulöffeln haben? Herbert Eugster, Rektor des Berufsbildungszentrums Bau und Gewerbe, das an vier Standorten über 5000 Lehrlinge ausbildet, verweist auf Anfrage an die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung. «Die Schulen sind gefordert, die gesamten Lernziele innerhalb des Schuljahres zu vermitteln», sagt Leiter Christof Spöring. «Selbststudium ist sicher eine Möglichkeit.» Mit welchen Methoden und ob der Stoff aufgearbeitet werde, hänge vom Fach und vom Lernstand der Klasse ab und werde unterschiedlich gehandhabt. Dem pflichtet Alpenquai-Rektor Hirschi bei. «Alle werden sich bemühen, sinnvoll mit der misslichen Situa­tion umzugehen, um den Schaden möglichst gering zu halten.»

Kanton: Selbststudium ist «pragmatische» Lösung

Ob die Mehrheit der Schüler in den Zwangsferien büffeln muss, ist den Dienststellen nicht bekannt. «Es ist durchaus möglich, dass Lehrer ihre Schüler auf die versäumten Lernziele hingewiesen und dazu eingeladen haben, diese individuell nachzuarbeiten», sagt Aldo Magno, Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung. «Das ist eine pragmatische Form, mit dem Problem umzugehen.» Gewisse Klassen würden den Unterrichtsausfall für ihre Maturareise nutzen.

Lehrlinge stehen an den freien Tagen grundsätzlich dem Ausbildungsbetrieb zur Verfügung – ohne zusätzliche Entschädigung. «Sie erhalten ihren Monatslohn unabhängig davon, ob sie im Lehrbetrieb arbeiten, Ferien beziehen, zur Schule gehen oder im überbetrieblichen Kurs sind», sagt Christof Spöring.

Keine Betreuung über den Mittag

Berufstätige Väter und Mütter monierten an Elternabenden, jüngere Kantischüler müssten während der Zwangsferien ohne Betreuung auskommen, ebenso fehle die Möglichkeit der Mittagsverpflegung. «Das ist ein Problem», sagt Remo Herbst vom VLM. Doch die Schulen müssten dafür nicht in die Bresche springen. «Dieses Problem müssen die Eltern, die Wähler unserer Kantons- und Regierungsräte, selber lösen.» Die Dienststelle Gymnasialbildung weist darauf hin, «dass Betreuung während der Ferienzeit grundsätzlich die Aufgabe der Eltern» ist. «Der aktuelle Fall ist bedauerlich, aber wir können es nicht ändern», so Magno.

Auch Bildungsdirektor Reto Wyss hält fest, dass «die Massnahme der unterrichtsfreien Woche nicht ohne Leistungsabstriche umzusetzen ist». Dennoch verteidigt er den Beschluss des Kantonsrats. Die unterrichtsfreie Woche habe es ermöglicht, für 2016 «relativ kurzfristig eine grössere Summe» einzusparen. «Die 4 Millionen Franken stellen einen massgebenden Beitrag zur Gesundung unserer Finanzen dar.» Wyss betont aber, dies sei eine «einmalige Massnahme» und werde «nicht wiederholt».

BCH-Präsident Benno Wey hofft, dass dieses Versprechen eingehalten wird. «Es ist peinlich, dass man aus finanzieller Not in einem der reichsten Länder die Schulen schliessen muss.» Heuer bewahre die Massnahme die Lehrer vor grösserem Übel. «Die zusätzliche Lektion dürfte uns nun einfach ein Jahr später treffen.» Welche Massnahmen des Sparpakets umgesetzt werden, entscheidet der Kantonsrat am 7. November und am 12. Dezember.

Hinweis
Protestaktionen zur Zwangs­ferienwoche: Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr, Flyer und Aktionen auf dem Theaterplatz, Luzern; Dienstag, 18. Oktober, Infostand auf dem Rathausplatz, Willisau.

Evelyne Fischer


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