Thomas Schärli: Der ehrgeizige Aussenseiter

STADTRATSWAHL ⋅ Die SVP hat wohl kaum Chancen gegen CVP-Favoritin Franziska Bitzi. Gerade deshalb schlägt nun die Stunde von Thomas Schärli (36).

29. September 2016, 05:00

Schneller als gedacht erhält die SVP wieder eine Chance, in den Luzerner Stadtrat einzuziehen. Mit dem Rücktritt von Stefan Roth (CVP) wurde ein Sitz vakant – gewählt wird am 27. November. Wobei die Chance für die Oppositionspartei äusserst gering ist. Mit CVP-Fraktions­chefin Franziska Bitzi steht eine aussichtsreiche und breit abgestützte Kandidatin zur Wahl. Genau deshalb hat sich SVP-Präsident Peter With gar nicht erst um eine Kandidatur beworben. Er wartet lieber auf die nächsten regulären Wahlen im Jahr 2020.

Withs Verzicht machte aber den Weg frei für Thomas Schärli, der sich als einziger SVPler zu einer Kandidatur motivieren konnte. Motiviert, das ist der 36-Jährige – und wie! Schon vor den Wahlen im Frühling machte er nie einen Hehl aus seinen Ambitionen auf das Stadtratsamt, während sich die Parteioberen Peter With und Fraktionschef Marcel Lingg mit einer eigenen Kandidatur lange schwertaten. Am Tag der Nominationsversammlung im letzten November zog Thomas Schärli zwar im letzten Moment seine Bewerbung zurück, um den Weg frei zu machen für die Kandidatur von Peter With. Er tat dies wohl auf Druck der Partei – Jungspund Schärli war etwas gar ehrgeizig und zu sehr von sich überzeugt. Zudem befürchteten viele etablierte SVPler, dass man mit einem Stadtratskandidaten Schärli völlig chancenlos wäre.

«Die Leute glauben, ich habe keine Chance»

Die Wahlen haben bekanntlich gezeigt, dass auch Peter With auf kein befriedigendes Resultat kommt. So ist nun also Thomas Schärli doch noch zum Handkuss gekommen. Wie schätzt der 36-Jährige selber seine Chancen ein? «Ich bin mir gewohnt, dass die Leute glauben, dass ich keine Chance habe.» Er habe weder Chancen für den Littauer Einwohnerrat gehabt noch für den Grossen Stadtrat oder den Kantonsrat. «Und doch wurde ich überall gewählt.»

Tatsächlich: Bereits als 22-Jäh­riger wurde Thomas Schärli in den Littauer Einwohnerrat gewählt. Bei den städtischen Wahlen 2009 landete er auf dem ersten Ersatzplatz der SVP-Littau-Liste. Schon 2010 rutschte er ins Stadtparlament nach. 2011 schaffte er auf Anhieb den Sprung in den Luzerner Kantonsrat.

Pikant: Dank Schärlis Einzug in den Kantonsrat wurde sein Platz im Stadtparlament frei – ausgerechnet Peter With rückte nach. Der städtische SVP-Präsident verdankt seinen Parlamentssitz also Thomas Schärli. Bei den Nationalratswahlen 2015 trat Thomas Schärli ebenfalls an und machte mehr Stimmen als bekannte Jungpolitiker wie Maurus Zeier (FDP) oder Anian Liebrand (SVP).

Was würde ein Stadtrat Thomas Schärli bewirken? Würde er gewählt, würde er wohl die Finanzdirektion übernehmen. Hat er überhaupt das Rüstzeug dazu? Schärli ist Technischer Kaufmann und Elektromonteur und arbeitet zurzeit im Technischen Dienst bei Coop. «Es gibt auch im aktuellen Stadtrat Mitglieder, die jetzt eine Tätigkeit ausüben, die früher nicht ihr täglich Brot war», sagt Thomas Schärli. Entscheidend seien «ein heller politischer Verstand und Unvoreingenommenheit». Man müsse für dieses Amt auch kein Finanzexperte sein, findet Schärli: «Dafür gibt es Fachleute. Man hört sich deren Meinung an. Aber der politische Entscheid liegt dann bei mir.»

Als Finanzdirektor müsste Thomas Schärli auch die kantonalen Sparbemühungen umsetzen, die nach heutigem Stand für die Stadt zu Mehrkosten in Millionenhöhe führen. Sparbemühungen notabene, über die er als Kantonsrat mitentscheidet. Schärli räumt ein, dass man als Kantonsrat und Stadtrat zwei völlig unterschiedliche Rollen spielt. «Als Kantonsrat, der eine Mitverantwortung fürs kantonale Budget hat, kann ich mich schwer dagegenstellen. Als Stadtrat hingegen muss ich mich dagegen wehren.» Es könne nicht sein, dass der Kanton ständig neue Kosten auf die Gemeinden abwälze. So oder so werde die Stadt aber kaum um weiteres Sparen herumkommen. Einsparungen von 10 Prozent des Budgets seien problemlos möglich. «Man muss es halt nur politisch wollen.» Doch genau daran hapere es zurzeit. «Mit der CVP im Stadtrat ginge es im selben Trott weiter. Mit einem SVP-Mitglied stehen die Chancen besser, dass endlich ein Umdenken stattfindet.»

Bedenken wegen Parkplätzen

Neben den Finanzen ist der Verkehr das zentrale Thema in der Stadtpolitik. Der Stadtrat hat sich bisher für ein neues Parkhaus Musegg stark gemacht, das von den Linken heftig bekämpft wird. Die SVP wiederum hegt grosse Sympathien für das Konkurrenzprojekt Metro Schwanenplatz. Thomas Schärli sagt zum Parkhaus Musegg, dass man das Kosten-Nutzen-Verhältnis prüfen müsse. Grosse Zweifel hat er vor allem wegen der geplanten Kompensation von Parkplätzen in der Innenstadt: dass man den Autofahrern einerseits entgegenkommt und ihnen gleichzeitig Parkplätze in der Innenstadt wegnimmt, sei nicht sinnvoll.

Apropos Verkehr: Im Kantonsrat wollte Thomas Schärli die Gebühr für die erste Fahrzeugkontrolle beim Strassenverkehrsamt abschaffen. Es war – neben einer Anfrage bezüglich Erneuerung der Lichtquellen im Regierungsgebäude – sein einziger Vorstoss im Kantonsparlament. Er wurde abgelehnt.

Thomas Schärli ist Familienvater mit vier Kindern. Hätte er überhaupt Zeit für ein arbeitsintensives Stadtratsamt? So hat beispielsweise CVP-Grossstadtrat Roger Sonderegger bewusst auf eine Kandidatur verzichtet, weil seine Kinder noch klein sind. Für Thomas Schärli, der schon Anfang zwanzig Vater wurde, ist dies kein Thema. Er habe sich schon damals politisch engagiert und immer einen strengen Job gehabt. «Nun sind meine Kinder älter und selbstständiger. Diesbezüglich wird es für mich von Jahr zu Jahr einfacher.»

Robert Knobelrobert.knobel@luzernerzeitung.ch


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