Tötungsdelikt Hohenrain: Die Geschichte des unbekannten Dritten

KRIMINALGERICHT ⋅ Gute neun Stunden dauerte am Dienstag der Prozessauftakt gegen drei balkanstämmige Männer, die 2009 in Hohenrain einen Brasilianer kaltblütig erstochen haben sollen. Am Nachmittag wurde endlich der Mann befragt, nach dem die Polizei sechs Jahre lang gesucht hatte. Seine Aussage gibt dem Fall eine neue Wende.
14. März 2017, 20:08

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Am frühen Nachmittag scheint es, als sei der Fall eigentlich klar. Einer der Beschuldigten, ein heute 35-jähriger Mazedonier, hatte gerade seine Sicht der Dinge dargelegt – und sein Pultnachbar auf der Anklagebank – ein 25-jähriger Serbe – bestätigt diese Version der Geschichte in weiten Teilen. Demnach hatte der Serbe am Barfestival im Hochdorf einen Faustschlag ins Gesicht bekommen. «Ich habe nur einen Streit schlichten wollen, da habe ich eine kassiert. Das hat mich wütend gemacht», erzählt der muskulöse Serbe. «Ich wollte mich einfach rächen für den Faustschlag, ihm auch eine verpassen, mehr nicht.»

Er sah seine Chance gekommen, als er kurze Zeit später im Auto des Mazedoniers sitzend, die Gruppe Brasilianer sah, die ihm seine Blessur eingebracht hat. Er forderte seinen Kumpel auf, sofort anzuhalten. Kaum stand das Auto still, stürmte er auf den jungen Mann zu, an dem er sich rächen wollte. Seine Bekannten rannten ihm hinterher. Der eine hatte einen Gerüstbauhammer in der Hand. Auf der einen Seite sei dieser flach – auf der anderen «wie ein Messer» gewesen, so beschreibt es der Serbe. Zu zweit attackierten sie den Brasilianer von dem sie glaubten, er habe dem Serben eine reingehauen. «Mein Kumpel hielt ihn im Schwitzkasten, ich habe ihn mit dem Hammer geschlagen.» Welche Seite des Werkzeugs er benutzte – er weiss es nicht mehr. Aber klar, er habe sich völlig im Griff gehabt. «Ich habe nicht mitbekommen, was die anderen gemacht haben, ich habe mich nur auf den einen konzentriert.»

Doch plötzlich habe der Dritte im Bunde, ein Kosovare, laut geschrien, dass sie abhauen müssten. «Mein Kumpel rief weg und ich automatisch hinterher. Im Auto hat der andere uns dann gesagt, er habe den einen versehentlich gestochen.» Die drei seien dann zu seinem Kumpel gefahren – und später habe ihn der Mazedonier nach Hause gebracht. Am nächsten Tag habe ihn die Polizei abgeholt. «Es ist traurig, was passiert ist. Es hätte bei einer Schlägerei bleiben sollen. Aber ich finde es nicht korrekt, wenn ich für etwas bestraft werde, das ich nicht gemacht habe.»

Kosovare erzählt andere Geschichte

Ja, in den frühen Nachmittagsstunden scheint der Fall so gut wie gelöst. Aber es kommt anders. Erstmals erfährt die Öffentlichkeit nun, wie sich das ganze aus Sicht des Kosovaren abgespielt hat, der wenige Tage nach der Tat in seine Heimat verschwunden ist.

Er habe den Serben an dem Abend das erste Mal gesehen, erzählt er. Eigentlich habe er gar nicht ans Barfestival mitgehen wollen, aber weil er kein Auto hatte und er mit dem Mazedonier unterwegs war, sei ihm nichts anderes übrig geblieben. Die erste Schlägerei vor dem Festgelände habe er nur aus der Ferne mitbekommen. Sie seien dann relativ zügig verschwunden, weil er, der Kosovare, gar keine Aufenthaltsbewilligung gehabt habe und nicht riskieren wollte, von der Polizei erwischt zu werden. Also hätten sie sich auf den Heimweg gemacht, als der Serbe seinen Kumpel angerufen habe. Ob er ihn wohl abholen könne, er habe keinen Bus mehr. «Das haben wir dann auch gemacht.» Man sei Richtung Hohenrain gefahren, als dem Serben die Gruppe Brasilianer aufgefallen sei. «Die beiden haben auf Deutsch miteinander gesprochen, ich habe nichts verstanden.» Er habe den Serben gebeten, nicht auszusteigen. «Das ging aber nicht, er war sehr aufgeregt und wollte sich unbedingt rächen.» Also seien die beiden anderen ausgestiegen und er habe gesehen, wie sich der Serbe wie ein Berserker auf einen der brasilianischen Jungs gestürzt habe. «Er hat angefangen, mit dem Hammer auf ihn einzuschlagen. Er traf ihn mehrfach. Ich habe ihm gesagt, es solle aufhören und habe versucht, ihn von dem Jungen wegzureissen. Aber er war sehr verschwitzt, ich rutschte ab. Er war einfach nicht zu stoppen.» Da müsse die Sache mit dem Messer passiert sein. Wie genau, das wisse er auch nicht. Er selbst sei nicht bewaffnet gewesen.

Nach der Flucht in die Wohnung des Mazedoniers habe man die Kleider und die Werkzeuge entsorgt. Danach seien er und der Mazedonier früh zur Arbeit gegangen. Bis zu dem Zeitpunkt habe er noch gar nicht gewusst, was wirklich passiert sei. In der Mittagspause aber sei der Mazedonier auf ihn zugekommen und habe zu ihm gesagt, er dürfe nichts über ihn aussagen. Sonst, das schwöre er beim Leben seines Sohnes, würde er ihm das nie verzeihen. Erst als er er am Abend erfahren habe, dass der Junge gestorben war, sei ihm die ganze Tragweite bewusst geworden. Als dann einige Tage später angekündigt wurde, die Polizei würde bei der Arbeit Befragungen durchführen, sei er zurück in den Kosovo gefahren. «Ich hatte Angst, gegen die anderen auszusagen.»

Ausbildung zum Pharmazeuten

Er habe das Ganze hinter sich gelassen und eine Ausbildung zum Pharmazeuten gemacht. «Bis 2015, da habe ich erfahren, dass die anderen die ganze Schuld auf mich geschoben haben. Ich habe mich nach einer Vorladung bei der Polizei gemeldet. Nun bin ich hergekommen, um die Wahrheit zu erzählen. Ich hatte kein Motiv, diese jungen Männer anzugreifen. Sie hatten mir nichts getan und den Serben kannte ich noch keine zwei Stunden.»

Herauszufinden, wie genau der Brasilianer mit dem Messer getroffen wurde und noch vor Ort verstarb, ist nun Sache der Richterinnen und Richter. Für Mittwoch sind die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der drei Verteidiger angekündigt. Der Staatsanwalt wird für den Serben, der die Tat angezettelt hatte, wegen Angriffs eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren beantragen. Die beiden Mittäter – der Mazedonier und der Kosovare – sollen zusätzlich wegen vorsätzlicher Tötung oder wegen Teilnahme an einer solchen verurteilt werden. Sie sollen – je nach Einschätzung des Gerichts – sechs oder zehn Jahre ins Gefängnis. Bei dem Mazedonier wird ein zusätzliches Jahr wegen häuslicher Gewalt beantragt.

Video: Tötungsdelikt Hohenrain

2009 wurde in Hohenrain ein 24-jähriger Brasilianer getötet. Der Lehrmeister des Brasilianers, Paul Achermann, wartet seit über sieben Jahren auf Gerechtigkeit. (Tele 1, )



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