Tötungsdelikt Hohenrain: Täter begingen weitere Straftaten

KRIMINALGERICHT ⋅ Drei Männer haben 2009 einen 24-jährigen Mann auf offener Strasse angegriffen und niedergestochen. An der Gerichtsverhandlung vom Mittwoch kam ans Licht: Zwei von ihnen sollen auch nach dem Vorfall teils schwere Delikte begangen haben.

15. März 2017, 12:36

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Ein Menschenleben ist das höchste Rechtsgut, dass unser Justizsystem kennt. Und die drei Männer, die heute vor dem Kriminalgericht stehen, haben dieses mit Füssen getreten. Gemeinsam haben sie 2009 nach einem Fest in Hochdorf Jagd auf eine Gruppe von Brasilianern gemacht. Aus einem nichtigen Grund. Sie wollten Rache, weil einer der drei zuvor im Rahmen einer Rangelei einen Faustschlag kassiert hatte.

Am Mittwochvormittag hielt der Staatsanwalt sein Plädoyer. Aus seiner Sicht war es ein heute 30-Jähriger Kosovare, der dem jungen Brasilianer ein Messer in die Brust rammte. Es könne allerdings auch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass es der heute 35-jähriger Mazedonier war. Entsprechend verlangt die Anklage, dass das Gericht beide Möglichkeiten prüft. 

Tags zuvor wurden die Beschuldigten zu der Sache befragt. Dabei stach nicht nur ins Auge, dass keiner die Verantwortung für die Tat übernehmen will. Es entstand auch der Eindruck, keiner würde den eigentlichen Vorfall bedauern. Bedauert wurden lediglich die Konsequenzen, die der Tod des jungen Mannes für die Beschuldigten selber mit sich zog (wir berichteten »).

Das Verhalten von zwei der Angeklagten in den letzten Jahren spricht vielmehr dafür, dass der Tod eines Menschen bei ihnen keinen grossen Eindruck hinterlassen hat. Der Serbe, der nach dem Faustschlag derart auf Rache gesinnt hatte, beschäftigt die Justiz bereits seit Jahren. Als 10-Jähriger geriet er erstmals wegen Diebstählen und Tätlichkeiten mit dem Gesetz in Konflikt. 2005 lieferte er sich im Auto seines Vaters ein Rennen mit einem Kollegen – ein Unfall war die Folge. Ein junges Mädchen verlor dabei sein Leben. Als nächstes wurde er für Raubüberfalle auf Bordelle zu einem zehnmonatigen Aufenthalt in einem Massnahmezentrum verurteilt. Die Unterschrift unter diesem Urteil war noch kaum trocken, als er den besagten Angriff auf die Brasilianer in Hohenrain anzettelte. Seither war er gemäss Anklage in diverse schwere Verkehrsdelikte verwickelt. «Es fällt auf, wie er sich um das Strassenverkehrsgesetz foutiert und immer wieder die gleichen Delikte begeht», sagte der Staatsanwalt. Er beantragt für den Serben eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und eine Busse von 5000 Franken.

Auch der Mazedonier hatte vor dem Vorfall keine weisse Weste. Er hat Vorstrafen wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Strassenverkehrsdelikten sowie Gewalt und Drohungen gegen Beamte. «Sein Verschulden wiegt schwer», sagte der Staatsanwalt. Er sei nicht am vorangehenden Streit beteiligt gewesen, habe seine Kumpels aber dennoch durch die Nacht chauffiert, um die Brasilianer zu finden, die sich wohlgemerkt auf dem Rückzug befanden. «Spätestens als er sich mit dem Hammer bewaffnete wurde klar, dass es nicht nur um Revanche ging», so der Staatsanwalt. Er habe auch in Kauf genommen, dass am Konflikt Unbeteiligte verletzt oder gar getötet würden. „Auch nach dem Angriff mit Todesfolge hat er nicht begriffen, dass Gewalt keine Lösung ist“, so der Staatsanwalt. Mehrfach wurde er angezeigt, weil er seine Frau bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt haben soll. Arztzeugnisse würden die Verletzungen belegen. Weiter soll er unrechtmässig Sozialhilfe bezogen haben, in dem er Einkünfte seiner Frau sowie den Erlös aus dem Verkauf seines BMWs nicht angab. «Das zeigt, dass er nicht gewillt ist, sich an die Gesetze zu halten», so der Staatsanwalt. Er beantragt sieben beziehungsweise elf Jahre Freiheitsstrafe – je nachdem, ob das Gericht ihn als Haupttäter oder als Gehilfe verurteilt.

Der dritte im Bunde ist in der Schweiz nicht vorbestraft. Dennoch wiege auch sein Verschulden schwer. Nicht nur setzte er sich im Wissen in den Kosovo ab, dass die Polizei ihn suchte. «Er machte Jagd auf die Brasilianer, ohne dass diese ihm etwas getan hätten und selbst ohne den Mann zu kennen, der auf Rache sann», so der Staatsanwalt. Er habe in Kauf genommen, dass auch andere getötet würden, in dem er sich bewaffnete. Er habe ein Messer gegen das Opfer gerichtet, das seinem Freund zu Hilfe eilen wollte. «Der Beschuldigte war nicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort, wie er das darstellen möchte. Er hat dort auch das Falsche getan», sagte der Staatsanwalt. Er hält eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren oder sechs Jahren für angemessen - je nachdem, ob das Gericht zum Schluss kommt, er sei der eigentliche Täter oder ein Gehilfe.

Die Plädoyers der drei Verteidiger folgen am Mittwoch im Verlaufe des Tages.


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