Tötungsdelikt von Hohenrain: Täter beschuldigen sich gegenseitig

KRIMINALGERICHT ⋅ Ein 24-jähriger Brasilianer ist 2009 in Hohenrain auf offener Strasse erstochen worden. In der Gerichtsverhandlung hat der Verteidiger des beschuldigten Mazedoniers am Dienstagvormittag für eine Überraschung gesorgt.

14. März 2017, 12:59

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Noch bevor die Befragung der Beschuldigten beginnen konnte, forderte der Verteidiger, dass der Vorwurf der vorsätzlichen Tötung gegen seinen Mandanten fallen gelassen wird.

«Ich habe einen Haufen Fragen», sagt der Verteidiger und steht auf, als ihn die Richterin fragt, ob es Vorfragen gäbe, die vor der Verhandlung geklärt werden müssten. Das Verfahren wegen vorsätzlicher Tötung sei einzustellen, fordert der Anwalt sogleich. Ein Raunen geht durch den Saal. Könnte der Prozess, auf den die Angehörigen seit sieben Jahren warten, jetzt platzen? Die Ausführungen des Verteidigers scheinen genau darauf abzuzielen.

Um die Forderung des Anwalts zu verstehen, muss man wissen, dass sich die drei Angeklagten gegenseitig beschuldigen, den Bauernpraktikanten 2009 nach dem Seetaler Barfestival in Hochdorf getötet zu haben. Zunächst galt der dritte Mann, der sich im Kosovo aufhielt und nicht befragt werden konnte, als dringend tatverdächtig. Aus diesem Grund wurde das Untersuchungsverfahren wegen vorsätzlicher Tötung gegen den erwähnten Mazedonier – den Mandanten des rabiat auftretenden Rechtsanwalts – vor mehreren Jahren bereits eingestellt. Dieser Entscheid war bereits rechtskräftig, als die Staatsanwaltschaft die Untersuchung wieder aufnahm. Der Grund waren Aussagen des dritten Beschuldigten, der erst 2015 im Kosovo und später in der Schweiz zur Sache befragt werden konnte. Dies war allerdings nur möglich, weil dem Mann freies Geleit zugesichert worden ist – auch für die Verhandlung vom (heutigen) Dienstag.

Verteidiger des Mazedoniers nicht zur Befragung eingeladen

«Dies ist mehr als blauäugig», poltert der Anwalt des Mazedoniers. «Damit öffnet die Staatsanwaltschaft Tür und Tor für die Lügerei», denn dem Kosovaren werde ja ohnehin nichts geschehen – egal was in der Verhandlung passiere. Er als Verteidiger des Mazedoniers sei nicht zur Befragung in den Kosovo eingeladen worden, weshalb die Verfahrensrechte verletzt worden seien. «Höflich ausgedrückt stellt dies Willkür dar.» Die Staatsanwaltschaft habe sich einen unrechtmässigen Vorteil verschafft. In Anwesenheit eines Verteidigers hätte sie nicht die gleichen sprachlichen Tricks anwenden können, betonte der Anwalt. Die Protokolle der Befragungen seien daher ungültig und das Verfahren wegen vorsätzlicher Tötung daher wieder einzustellen.

Die Staatsanwaltschaft sieht die Angelegenheit naturgemäss anders. «Ohne freies Geleit wäre eine Befragung nicht möglich gewesen. Aber ich betone: Der dritte Beschuldigte hat im Kosovo nichts gesagt, was er in der Schweiz nicht wiederholt hätte», so der Ankläger. Die Untersuchung sei rechtmässig abgelaufen.

Mazedonier beschuldigt Kosovaren

Die Verhandlung wird unterbrochen, das Gericht befindet über die Vorfragen, das Publikum muss den Saal verlassen. Es folgen bange Minuten vor der Türe. Wenn die Richter diese Anträge gutheissen, ist der Prozess geplatzt. Die Beratung dauert zehn Minuten. Dann ist klar: Auf die Forderung, den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung gegen den beschuldigten Mazedonier fallen zu lassen, gehen die Richter nicht ein. Jetzt folgt der eigentliche Prozess. Und er beginnt mit der Befragung des 35-jährigen Mazedoniers.

Der Mazedonier behauptet, nicht er, sondern der Kosovare habe auf den jungen Bauernpraktikanten eingestochen. Er sei mit diesem am Abend in Emmenbrücke unterwegs gewesen, als ihn sein serbischer Bekannter anrief. «Wir gingen zum Fest nach Hochdorf und haben etwas getrunken.» Plötzlich habe man mitbekommen, dass auf der anderen Strassenseite eine Schlägerei im Gange gewesen sei. «Der Bekannte, der schon vor uns da war, hat von einem Brasilianer einen Faustschlag bekommen, er hatte Blut im Gesicht.» Der 18-jährige Serbe habe sich das nicht bieten lassen wollen und war auf Rache gesinnt. «Wir machten uns auf den Weg nach Hochdorf und sind rumgefahren, als wir die Gruppe von Brasilianern entdeckt haben.»

Aus dem Kofferraum habe sein Kollege ein Pfefferspray genommen, er selbst habe sich mit einem Hammer bewaffnet. «Um mich zu wehren und den anderen Angst zu machen. Nie hätte ich damit jemanden verletzen wollen», behauptet er. Während der Serbe und er auf den jungen Mann losgingen, der seinem Kollegen die Faust verpasst hatte, habe sich der Kosovare weiter oben an der Strasse mit den anderen geprügelt. «Plötzlich rief er, er habe einen erstochen und wir müssten abhauen.» Da sind wir zurück zum Auto gerannt.

Was folgt ist eine ziemlich abenteuerliche Geschichte, wie die Tat vertuscht werden sollte. Man habe sich am Abend darauf in einem Restaurant getroffen und da habe ein Vertrauter der Familie beschlossen, dass die Schuld dem Serben in die Schuhe geschoben werden solle – weil dieser noch nach Jugendrecht verurteilt würde und es schliesslich «seine Schlägerei» gewesen sei. Der Kosovare, der eigentliche Täter, sollte derweil flüchten. «Ich fand das aber nicht richtig, ich wollte nicht mitmachen. Aber ich hatte Angst, dass sie meiner Familie etwas antun, wenn ich mit der Polizei rede. Deshalb habe ich lange geschwiegen. Aber jetzt sage ich die Wahrheit.»

Die Befragung der beiden anderen Beschuldigten steht am Nachmittag auf dem Programm.


folgt mehr im Laufe des Nachmittags...
 

Zur Vorgeschichte

Was in den frühen Morgenstunden des 8. August 2009 geschah, ist in dieser Form im luzernischen Seetal beispiellos. Ein junger Mann, gerade mal 24 Jahre alt, wird auf offener Strasse erstochen. Er stirbt an Ort und Stelle. Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage hat Polizei und Staatsanwaltschaft lange beschäftigt. Inzwischen ist der Tatablauf soweit klar, dass am Dienstag (14.März) vor dem Kriminalgericht Luzern gegen drei mutmassliche Täter Anklage erhoben wird. Wegen vorsätzlicher Tötung und Angriffs.

(ber)

Hinweis: Mehr zum Fall lesen Sie hier.

Video: Tötungsdelikt Hohenrain

Im August 2009 wurde ein brailianischer Bauernpraktikant brutal niedergestochen. Ab Dienstag (14. März) wird der Fall vorm Luzerner Kriminalgericht verhandelt. (Tele 1, 12. März 2017)




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