Der Sieger hat das «Gans-Schläger-Gen»

GANSABHAUET SURSEE ⋅ Bereits dem dritten Schläger gelang an der traditionellen Gansabhauet der entscheidende Säbelhieb. Tausende verfolgten das Spektakel auf dem Surseer Rathausplatz.
Aktualisiert: 
11.11.2017, 21:00
11. November 2017, 17:26

Hannes Bucher

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Nein, der gewaltige Applaus, der am Samstag gegen halb vier Uhr durch das Städtchen Sursee brandet, ist nicht Torgeschrei von einem Fussballplatz. Der Lärm stammt vielmehr von der traditionellen Gansabhauet. Die Arena ist der Surseer Rathausplatz. Und eben ist die erste Gans vom Seil geschlagen worden. 

Raphael Sieger hat es geschafft. Als dritter Schläger an diesem Nachmittag hat sich der 29-Jährige aus Schenkon drinnen im Rathaus den roten Umhang umgeworfen und die Augen verbinden lassen. Dann setzen ihm Zünftler von der Zunft Heini von Uri die goldene Sonnenmaske auf. Unter Trommelwirbel wird er aufs Podest hinausgeführt, das da auf dem Rathausplatz aufgebaut worden ist. 

Wie seine beiden Vorgänger muss auch er sich noch zwei-, dreimal um die eigene Achse drehen. Tausende schauen gespannt zu, wie er sich danach neu zu orientieren versucht – und sich tatsächlich wieder zurechtfindet. Bald lotet Sieger das Seil aus, an dem die Gans hängt. Er geht gezielt vor, nimmt sich Zeit, tastet den Hals des Federviehs ab; ein zweites und noch ein drittes Mal. Dann nimmt er Mass – dann macht er den entscheidenden Schlag, zieht den Dragonersäbel durch. Die Gans ist gefallen, Sieger jubelt. «Ich kann es nicht glauben!» Und aus tiefster Brust folgt ein «Läck-du-mier!» Gute 5000 Zuschauer ringsum jubeln mit, applaudieren. Der 29-jährige Schenkoner ist der grosse Held des Moments. 

Schon der Dritte der Familie 

Noch auf dem Podest nimmt der Glückspilz die Maske vom Gesicht. Die Trophäe für den strahlenden Sieger: die Gans. Er will auch noch den Kopf des Tieres haben, der da noch immer am Seil baumelt. Im Rathaus darf er zuhauf Gratulationen entgegennehmen, und allseits wird ihm «en Guete» gewünscht. «Nun ist der Vater der Einzige, der die Gans noch nicht geholt hat», sagt Raphael Sieger mit einem Lachen. Was er damit meint? Nun, bereits sein Onkel hat es einmal geschafft und vor drei Jahren auch sein Bruder. Vor zwei Jahren ist es ihm selber noch nicht gelungen. Jetzt ist es geschafft. Natürlich, er habe auch Glück gehabt, gesteht er ein. Normalerweise brauche es einige Vorschläger, bis das tote Tier vom Seil geholt werden könne. Dass es bereits beim dritten Schläger klappe, sei selten. Klar, gebe das ein Fest, verspricht Sieger. Im Kollegenkreis soll der Festschmaus stattfinden.

Volksfest mit unklaren Wurzeln

Draussen geht es unterdessen weiter, die zweite Gans baumelt am Drahtseil. Weitere Kandidaten versuchen sich. Auch zwei Frauen sind unter den 50 Ausgelosten – 144 insgesamt wollten dieses Jahr dabei sein. In der zweiten Runde dauert es länger bis zur Entscheidung. Jan Erni aus Sursee gelingt als neunter Schläger schliesslich der entscheidende Säbelhieb. Die zweite Gans fällt. Nochmals folgt grosser Jubel. 

 «Die Gansabhauet ist in Sursee ein zünftiges Volksfest», sagt Beat Felder. Er vertritt die Zunft Heini von Uri in der städtischen Kommission, welche den Anlass organisiert und durchführt – unter tatkräftiger Hilfe der Zunft. Felder erzählt, wie die Herkunft des Anlasses geschichtlich nicht ganz geklärt sei. Aber er habe wohl mit dem Entrichten des Zehnten zu tun, welcher eben am Martini-Tag fällig war. Dabei sei die Gansabhauet als Volksbelustigung mit einhergegangen. 

Ein Spektakel nicht nur für den Surseer Stadtrat und die Zunftmitglieder der Zunft «Heini von Uri» mit ihren Gästen, sondern auch das «gemeine Volk» vergnügte sich gestern offensichtlich. «Das wollte ich einmal persönlich sehen», sagte etwa Josef Bucher aus Wolhusen. «Es ist schon spannend, dass sich dieser mittelalterliche Brauch in unsere Zeit gerettet hat», sagte der Sekundarlehrer. Ist es nicht auch ein etwas brutaler Akt? «Nun, die Gans ist ja tot. Und die Leute spricht der traditionelle Anlass offenbar an.» Auf ihre Rechnung kamen im Übrigen gestern auch die Kinder: Das Päckli ergattern beim Stangenklettern, «Chäszänne» und «Sackgumpe» und der abendliche Räbeliechtli-Umzug waren besonders auf sie gemünzt. 

  • Einer der Sieger der Gansabhauet lässt sich, noch maskiert, bejubeln. (© Pius Amrein  (LZ))
  • Davor gab es einen Einzug ins Städchen Sursee mit den toten Gänsen. (© Pius Amrein  (LZ))
  • Die Gans wird anschliessend an einem Drahtseil aufgehangen. (© Pius Amrein  (LZ))

Am Samstag fand im Städtchen Sursee vor dem Rathaus die Gansabhauet statt. Die eine Gans fiel nach drei, die andere nach neun Schlägen.

Video: Zwei tote Gänse fallen vor dem Surseer Rathaus nach zwölf Schlägen

Drei und neun Hiebe auf den Hals haben zwei tote Gänse am Martinstag in Sursee LU Stand gehalten, bevor ihre Köpfe vom Rumpf getrennt waren. Die traditionelle Gansabhauet hat am Samstag bei Nieselregen rund 5000 Schaulustige vor das Surseer Rathaus gelockt. (Silva Schnurrenberger / SDA, 11.11.2017)

Video: Darum geht es bei der Gansabhauet

Bei der traditionellen Gansabhauet in Sursee wird jeweils zwei toten Gänsen mit einem Schwert der Kopf abgeschlagen. Erlaubt ist ein Hieb pro Person. Der Schläger, der es schafft, eine Gans zu enthaupten, darf sie mit nach Hause nehmen und essen. Michael Blatter aus dem Organisationsteam erklärt im Video, woher dieser archaische Brauch stammt. (Silva Schnurrenberger/SDA, 11.11.2017)




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