«Unser Wald ist im Aufbruch»

LUZERN ⋅ Seit gut zwei Monaten ist er der oberste Förster im Kanton. Uns sagt Bruno Röösli, was sich 2017 für die Waldbesitzer ändert und warum diese von Städtern teils heftig beschimpft werden.

16. Oktober 2016, 05:00

Im Nottelerwald, hoch über Nottwil, wächst so was wie der Wald der Zukunft. «An diesem Ort können die Entwicklung des Luzerner Waldes sowie die Strukturen beispielhaft aufgezeigt werden», sagt Bruno Röösli (46). Seit August leitet er die Abteilung Wald der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern. Kein leichter Job. Den über 12 000 Eigentümern, denen die 42 000 Hektaren Wald gehören, gilt es, gerecht zu werden – nur in Appenzell Ausserrhoden gibt es schweizweit einen höheren Anteil an Privatwald. Je mehr Besitzer es gibt, umso mehr Meinungen prallen aufeinander. Eine Herausforderung sei das, sagt Röösli.

«Eines meiner Ziele ist es, die Zusammenarbeit unter den Eigentümern und den Austausch mit ihren Organisationen noch mehr zu stärken.» Schon heute sind viele Waldbesitzer in regionalen Waldorganisationen zusammengeschlossen (siehe Kasten). «Hier müssen wir weiter ansetzen.» Nur so könne das Potenzial des Luzerner Waldes wirklich ausgeschöpft werden.

Wald ist für Luzern wichtiger als Tourismus

Aktuell liegt die Wertschöpfung der Luzerner Wald- und Holzbranche bei gut 1,3 Milliarden Franken. Das sind rund 6 Prozent der totalen Bruttowertschöpfung im Kanton Luzern – und 1 Prozent mehr, als der Tourismus generiert. Die Zeiten für die Wald- und Holzwirtschaft waren aber schon besser. Obwohl die Holzbaubranche regelrecht boomt, findet das Luzerner und allgemein das Schweizer Holz wenig Absatz: Die Konkurrenz von Billigholzimporten ist zu gross, und spezialisierte Firmen im Inland, welche die Bäume verarbeiten, haben eine beschränkte Kapazität. Und was vor allem in Luzern zutrifft: Noch wird zu wenig auf koordinierte Holzschläge gesetzt – viele Eigentümer erledigen die Arbeiten in ihrem Wald lieber in Eigenregie. Die Folgen sind kleinere Holzmengen und ein deutlich grösserer Aufwand beim Absatz.

Kommt hinzu: Der Wald dient nicht nur der Wirtschaft, sondern auch dem Schutz vor Lawinen und Steinschlägen. Er ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere, Erholungs- und Freizeitraum. All diese Interessen unter einen Hut zu bringen, ist Teil der Arbeit von Röösli und seinem Team. Auch das ist keine leichte Aufgabe, wie Beispiele zeigen: Mit dem revidierten Waldgesetz, das 2017 in Kraft tritt, ist der Kanton etwa verpflichtet, Anpassungen an den Klimawandel vorzunehmen und gezielt Schädlinge zu bekämpfen. Dies heisst unter anderem, dass der Wald künftig durchmischter und mit widerstandsfähigeren Baumarten gestaltet wird. In der Baubranche bisher wenig beachtete Arten wie Ahorn, Buchen, Linden oder Eichen werden vermehrt die Wälder schmücken – diese Diversität steht gegenwärtig aber im Clinch mit der Wirtschaftlichkeit.

Ein zweites Beispiel, welches die unterschiedlichen Bedürfnisse aufzeigt, betrifft dicht besiedelte, städtische Gebiete. «Es gibt teils heftige Reaktionen von Anwohnern oder Waldbesuchern, die sich über die Holzereiarbeiten beklagen», sagt Röösli. Einerseits stören sie sich an temporär gesperrten Wegen, andererseits würden sie die Arbeiter als «Baummörder» und das Holzfällen als «Schlachten» betiteln. Und zusätzlich sind da noch die Mountainbiker, die ebenfalls ihre Ansprüche auf den Wald geltend machen. Kurzum: «Wir müssen künftig vermehrt das gegenseitige Verständnis fördern und Aufklärungsarbeit über die Bedeutung der Waldbewirtschaftung leisten», sagt Röösli. Er fasst sein Resümee nach gut zwei Monaten im Amt mit folgendem Satz zusammen: «Der Wald ist derzeit auf vielen Ebenen im Aufbruch.»

Am besten sehe man das im Nottelerwald. Nachdem der Sturm «Lothar» am 26. Dezember 1999 ganze Waldstriche zerstört hatte, schlossen sich hier die Waldeigentümer der regionalen Waldorganisation an. Mithilfe des Kantons wurde stellen­weise aufgeforstet, Laubbäume kamen zu den traditionellen Nadelbäumen hinzu – ein Vorbild auch für die anderen Luzerner Wälder. «Aus dem ‹Lothar› haben wir unsere Lehren gezogen», versichert Röösli. «Wir sind inmitten der Arbeiten, um einen möglichst vielfältigen Wald aufzubauen.»

Christian Hodelchristian.hodel@luzernerzeitung.ch


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