Videogames können Brettspielen nichts anhaben

GESELLSCHAFT ⋅ Trotz technologischen Fortschritts boomen Brettspiele. Und sie sind auch künftig nicht wegzudenken, wie ein Experte kürzlich in Meggen erklärte. Denn digitale Spiele haben einen Makel.
20. März 2017, 07:23

Monopoly ist wohl eines der bekanntesten Brettspiele überhaupt. Vor über 80 Jahren wurde dieses erfunden und steht auch heute noch in unzähligen Haushalten. Doch die Vielfalt an Brettspielen ist riesig. Im Laden verliert man schnell den Überblick. Da hilft die rote Spielfigur auf der Verpackung, welche das «Spiel des Jahres» kennzeichnet. Was hinter dieser Auszeichnung steckt, hat der Vorsitzende der Jury von «Spiel des Jahres», Tom Felber, am vergangenen Mittwoch in der Alterssiedlung Sunneziel in Meggen gezeigt.

Angefangen hat die Geschichte des deutschen Vereins «Spiel des Jahres» im Jahr 1978. Bis anhin hatte Amerika mit Spielen wie Monopoly, Scrabble und Cluedo klar die Vormachtstellung auf dem Spielemarkt. Als dann aber die Videogames aufkamen, vernachlässigten die Amerikaner die Brettspiele. Deutschland zwängte sich in diese Lücke und begann, den Spielemarkt zu revolutionieren. «Den deutschen Spieleentwicklern ging es vor allem darum, spannende Spiele zu entwickeln», sagt Felber.

Spannung bis zum Schluss

Bis zum bitteren Ende sollte beispielsweise jeder Spieler die Möglichkeit haben, den anderen wieder aufzuholen. «Es öffnete sich eine vollkommen neue Spielart, wo der Zufall keine grosse Rolle mehr spielte, sondern der Spieler bei jedem Zug eine Entscheidung fällen muss», erklärt Felber. Mittlerweile sei die Auszeichnung «Spiel des Jahres» weltweit bekannt. «Deutschland ist das Hollywood im Brettspielbereich. Und die Brettspiele boomen weiter.»

Wie in vielen anderen Bereichen ist der digitale Fortschritt auch im Spielemarkt sichtbar. Dennoch würden Videogames die Brettspiele nicht verdrängen, sagt Tom Felber. Genau das Gegenteil sei der Fall: Videogames und Brettspiele würden sich ergänzen. «Die Verkaufszahlen für Brettspiele steigen jedes Jahr enorm», sagt Felber (siehe Box). Wenn man allein ist, seien Videospiele natürlich passend. Anders in der Gruppe. Hier haben Brettspiele einen besonderen Reiz, findet Felber. Man sitzt Freunden gegenüber und versucht zu erraten, ob sie bluffen. «Diese Art von Spiel wird die digitale Welt nie ersetzen können.» Zusätzlich habe die Gesellschaft auch gerade wegen der allgegenwärtigen virtuellen Welt wieder vermehrt das Bedürfnis, mit realen Freunden zusammenzusitzen und zu spielen.

400 Spiele pro Jahr testen

Ein Lieblingsspiel hat Tom Felber selbst nicht. Jährlich müsse er in seiner Position als Vorsitzender der Jury bis zu 400 neue Spiele ausprobieren und beurteilen, um schlussendlich das beste Spiel auszuzeichnen. Und das neben seinem eigentlichen Beruf als Journalist. «Fünf Abende meiner Woche sind mit Spielen besetzt», sagt Felber. Der Spieler sei dabei nicht etwa Konsument, sondern eher ein Musiker mit einer Partitur. «Das Spiel ist nur so gut wie seine Spieler», sagt Felber. Aus diesem Grund müsse er ein Spiel mindestens fünfmal und mit verschiedenen Zusammenstellungen von Leuten spielen. «Vielleicht sind es auch einfach einmal die falschen Leute für das richtige Spiel.»

 

Oliver Schneider

region@luzernerzeitung.ch


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