Neue Zürcher Zeitung, 7. April 2012, 10:23
Warum der Pilatus nicht am Genfersee steht
Pilatus wäscht seine Hände. Ein Gemälde von Matthias Stom (17. Jahrhundert). (Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz)
Der Statthalter Pontius Pilatus, der Jesus zum Tod verurteilt hat, soll laut alten Legenden Selbstmord verübt haben und in Lausanne verscharrt worden sein. Doch anders als Luzern mag sich Lausanne nicht an den berühmten Römer erinnern.
Christophe Büchi, Lausanne
Der römische Statthalter Pontius Pilatus ist uns aus den Evangelien bestens bekannt: als jener Mann, der Jesus von Nazareth zum Tod am Kreuz verurteilt und sich die Hände in Unschuld wäscht. Jesus wird zuvor von den jüdischen Hohepriestern vor Pilatus gebracht und angeklagt, weil er sich zum «König der Juden» erhoben habe, so ist in der Passionsgeschichte zu lesen.
Der römische Statthalter war als Repräsentant des Römischen Reiches, zu dem Judäa damals gehörte, auch oberster Gerichtsherr in der Region. Die genaue Rolle des Statthalters im Prozess gegen Jesus ist allerdings bis heute Gegenstand endloser hochinteressanter Debatten unter Forschern. Und überhaupt sind sein Leben und besonders seine politische Tätigkeit in dem schon damals höchst unruhigen Vorderen Orient weitgehend in Dunkelheit gehüllt, obwohl er auch bei Tacitus und beim jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus erwähnt wird.
Heiliger und Übeltäter
Aber gerade weil man über Pontius Pilatus nicht sehr viel Gesichertes und Genaues weiss, haben sich viele Legenden um ihn herum gebildet. Schon rasch entwickelte sich in der östlichen Christenheit die Erzählung, wonach sich Pilatus nach Jesu Tod zum Christentum bekehrt hat und selbst am Kreuz gestorben ist. Die koptische Kirche verehrt ihn und seine Gattin als Heilige. Mehrheitlich wurde Pilatus aber in der christlichen Tradition negativ bewertet. In mittelalterlichen Erzählungen ist die Rede davon, wie Gott den Mörder seines Sohns bestraft. In den meisten Geschichten nimmt Pontius Pilatus ein böses Ende.
Ein Konzentrat dieser üppig wuchernden Erzählungen findet man in der berühmten «Legenda aurea», einem auf Latein verfassten Kompendium von Heiligengeschichten, das im 13. Jahrhundert vom Dominikaner Jacobus de Voragine verfasst wurde und das bald zum Bestseller der mittelalterlichen Literatur mutierte: Unzählige Maler haben sich über Jahrhunderte hinweg in diesem Buch ihre Motive geholt.
Die «Legenda aurea» erzählt im Wesentlichen dies: Pontius Pilatus muss nach seinem Judäa-Einsatz vor dem Kaiser Tiberius erscheinen und wird zum Tod verurteilt. Er verübt hierauf Selbstmord, und sein Leichnam wird in den Tiber geworfen. Rom wird darauf von Überschwemmungen und Unwettern heimgesucht, so dass man die Leiche Pilatus' wegbringt und bei der französischen Stadt Vienne in die Rhone wirft. Aber auch dort geht der teuflische Spuk weiter, so dass man die Leiche schliesslich in der Stadt Lausanne verscharrt.
Erneut kommt es zu allerlei diabolischem Aufruhr, so dass die Einwohner schliesslich den Toten in den Bergen in einen tiefen Brunnen werfen. – Hier bemerkt Jacobus, der diese Legenden durchaus mit kritischem Blick sichtet, er überlasse es dem Leser, ob er diesen Geschichten Glauben schenken wolle oder nicht.
Interessant ist nun aber, dass diese legendäre Verbundenheit mit Pilatus in Lausanne fast völlig unbekannt ist. Man kann hierzulande von Pontius zu Pilatus eilen und auch die religiösen Würdenträger befragen, kaum jemand hat je vom Link Pilatus–Lausanne gehört. Als mit der Geschichte vertraut stellt sich nur die vormalige Vizedirektorin der Universitätsbibliothek Silvia Kimmeier heraus. Es gibt im Waadtland im Übrigen auch keinen Ort, der irgendwie an Pilatus erinnern würde.
An manchen anderen Orten dagegen ist die Erinnerung an den Römer lebendig, natürlich vor allem in der Gegend von Luzern. Der Luzerner Hausberg verdankt seinen Namen einer seit dem Hochmittelalter verbreiteten Erzählung, wonach die Leiche des römischen Statthalters in einem Bergsee beim «Fractus Mons» liegt. Ab dem 15. Jahrhundert überträgt sich der Name des Toten auf den Berg, der von da an als Pilatusberg bekannt ist.
Bowie als Statthalter
Pontius Pilatus bleibt aber noch an vielen anderen Orten Europas präsent. Das italienische Bisenti, aber auch Ponza im Tyrrhenischen Meer galten lange Zeit als Geburtsort des Statthalters; es gibt ein Pilatus-Schloss im Aostatal, Pilatus-Spuren in Österreich und in Deutschland.
Auch in Literatur und Film lebt Pilatus ruhelos fort. Dies ist beispielsweise der Fall in Michail Bulgakows Roman «Der Meister und Margerita» wie auch im Film «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorsese. Im Film, der nach einer Vorlage von Nikos Kazantzakis gedreht wurde, wird Pilatus vom Musiker David Bowie gespielt. Vergessen ist Pilatus jedenfalls nicht; und zu verdanken hat er dies seinem prominentesten Opfer.
Buchhinweise: Alexander Demandt: Pontius Pilatus. Beck, München 2012. – Colum Hourihane: Pontius Pilate, anti-semitism and the Passion in medieval art. Princeton 2009. – Dorothee Eggenberger und Heinz Horat: Veronika, Pilatus und die Zerstörung Jerusalems. Verlag Hier + Jetzt, Baden 2010.
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