Wetz macht die Pause zum Programm

KUNST ⋅ Als das Ende des Landessenders Beromünster blühte, übernahm der Luzerner Künstler Wetz das Haus und machte daraus einen Treffpunkt der Kunst. Jetzt geht sein Team mit einem neuen Konzept an den Start.
25. Oktober 2016, 00:00

Interview: Thomas Bornhauser

Wetz, vor knapp einem Jahr kündigten Sie öffentlich für das Jahr 2017 eine Pause an und wiederholten diese Botschaft immer wieder. Mittlerweile aber ist durch-gesickert, dass Sie im KKL Beromünster stattdessen eine ganz neue Ausstellung an den Start rollen. Haben Sie das Publikum – sozusagen künstlerisch – verschaukelt?

Davon kann keine Rede sein. Richtig ist, dass ich im letzten Dezember gegenüber einem Journalisten für das Jahr 2017 eine Pause für das KKLB angekündigt hatte.

Weshalb eigentlich?

Rund fünf Jahre lang hatten wir alle unsere Energie in dieses Haus hineingesteckt und so Schritt für Schritt eine künstlerische Institution mit Ausstrahlung weit über unsere Region hinaus realisiert. Das aber geht nicht ohne ganz viel Energie und Anstrengung. Und Anstrengungen wecken das Bedürfnis nach Erholung, nach Pause.

Sie wollten das KKLB also vorübergehend schliessen?

So war es. Dabei dachten wir an eine Pause von einem Jahr.

Und jetzt?

Aus der «Pause für das KKLB ist ein Pausenprogramm für die Besucher im KKLB geworden.

Wie soll man sich das vorstellen? Gibt es statt Kunst künftig im KKLB Yoga oder Entspannungsübungen?

Nein, wir sind und bleiben ein Haus der Kunst. Das heisst aber auch: Wir wollen die Bedürfnisse der Menschen zum Ausgangspunkt unseres künstlerischen Schaffens machen. So ist ja auch der Grundgedanke für unser Pausen-Programm 2017 entstanden.

Der da wäre?

Als wir uns gedanklich die Freiheit nahmen, eine einjährige Pause einzuschalten, da erwachten in unserem Team plötzlich ganz neue Vorstellungen und Ideen. Das Bedürfnis nach Erholungspausen haben heute ja ganz viele Menschen. Man fühlt sich erschlagen von all den Anforderungen und Möglichkeiten unserer Zeit. Das digitale Zeitalter führt zu pausenloser Erreichbarkeit und zu unendlicher Vernetzung. Mit dem Ergebnis, dass sich immer mehr Menschen ausgelaugt fühlen. Das geht dann nicht zuletzt auf Kosten der Kreativität.

Und dagegen tritt Ihr Haus für Kunst und Kultur jetzt an?

So ist es. Wir greifen das Bedürfnis nach Erholung auf und setzen es künstlerisch um. Bei uns wird man auftanken können.

Wie das?

Die Besucher werden zum Beispiel über Kopfhörer das Meer rauschen hören, Windbrisen auf ihrer Haut spüren und auch Algengeruch einatmen. Wir werden den Leuten multimediale Erlebnisse bieten. Und die Besucherinnen und Besucher werden sogar auf Betten im gemeinsamen Saal Entspannung finden. Hinzu kommt eine Indoor-Rauchpause, eine Heinrich-Gartentor-Rutschbahn, eine Urs-Heinrich-Pausenapfel-Installation, zwölf Waschmaschinen für die persönliche Meditation und vieles mehr.

Imaginäre Meer-Erlebnisse – das tönt nach raffiniertem Marketing – und vielleicht auch ein bisschen nach Chilbi.

Mit Chilbi hat unsere neue Ausrichtung nicht das Geringste zu tun. Stattdessen geht es um neuartige Kunst-Vermittlung, und die ist nur möglich, wenn man das Publikum tatsächlich abholt. Nur so können sich die Menschen überhaupt öffnen. Deshalb haben wir uns entschieden, erstmals in der Geschichte dieser Institution eine künstlerisch übergeordnete Klammer, ein überdachendes Thema zu setzen, die Pause.

Wer wird für die Kunst- Vermittlung zuständig sein?

Wir bringen neue und junge Kräfte an den Start, zum Beispiel Rahel De Col, Monika Steiger oder David Bucher. Und gleichzeitig werden grosse Künstlernamen für die Umsetzung unseres künstlerischen Anspruchs bürgen, zum Beispiel Mauricio Dias, Walter Riedweg, Rochus Lussi und andere mehr. Auch unsere KKLB-Filiale von Silas Kreienbühl in Berlin wird ein wichtiger Bestandteil sein. Wir haben ja ein anspruchsvolles Ziel: Wir wollen mit dem KKLB neue Massstäbe setzen.

Neue Massstäbe heisst demnach aber auch die Aufgabe von Altem, Bewährtem?

Das ist so. Die international bekannte Kuh Lotti zum Beispiel wird ein Jahr lang nicht mehr künstlich beatmet. Die wunderbare Rauminstallation von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger wird ein Jahr lang nicht mehr gefüttert. Darüber hinaus werden wir ganz viele Räume frei machen, leeren. Nicht alles, aber das meiste. Und so schaffen wir Raum für Neues unter dem Motto Pause. Ja, dafür bauen wir sogar neue Räume.

Wo holt man sich Anregungen für ein solches Abenteuer?

Das Wichtigste für uns waren die Gespräche im Team. Es ist unheimlich, wie viel Kreativität da gewachsen ist. Und natürlich hole ich mir auch draussen Inspiration. Dazu gehört beispielsweise die Untersuchung internationaler Kunst-Biennalen und die Analyse von Ausstellungskonzepten.

Was fällt Ihnen dabei auf?

An vielen Orten stellt man heute fest, dass Kunsträume spärlicher eingerichtet werden. Es geht darum, die Räume mit weniger Kunstgegenständen zu verstellen und so Raum zu schaffen für die Vorstellungskraft der Besucher.

Am Endpunkt dieser Entwicklung wäre demzufolge der leere Ausstellungsraum.

Radikal zu Ende gedacht: ja. Sicher aber geht es um die Suche nach dem Museum der Zukunft. Und dazu gehört mehr Leerraum als heute. Gleichzeitig bietet mehr Leere eine fantastische Chance für neue künstlerische Ansätze. Nicht umsonst freue ich mich riesig auf dieses Abenteuer im KKLB. Dies umso mehr, als wir radikal die Freiheit nutzen werden, die wir im Vergleich zu klassischen Kunsthäusern mit ihren offiziellen Aufträgen und öffentlichen Geldgebern haben.

Und wenn das nichts wird mit der Pause im KKLB?

Oh, viel eher werden wir im KKLB eine künstlerisch neue Ära einläuten. Nicht umsonst war die Pause für mich als Schüler schon mein Lieblingsfach – und damit bin ich im Leben ja schon ziemlich weit gekommen.

 

Zur Person

Der Luzerner Künstler Werner Alois Zihlmann alias Wetz ist 55 Jahre alt. Als Künstler machte der gelernte Hochbauzeichner und Psychiatriepfleger im Jahr 2009 erstmals internationale Schlagzeilen mit dem von ihm errichteten «KKL Uffikon». Als der Landessender Beromünster schloss, übernahm er die meisten Gebäulichkeiten und machte aus ihnen einen Anziehungspunkt für Kunstschaffende und Interessierte aus dem In- und Ausland. (ThB.)


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