Widerstand gegen die Spychermatte

WIKON ⋅ Die Gemeinde soll durch das Projekt «Wohnen mit Dienstleistungen» ein neues Dorfzentrum erhalten. Doch eine neu formierte IG sieht beim Grossprojekt diverse Knackpunkte.
12. April 2017, 07:29

Ernesto Piazza

ernesto.piazza@luzernerzeitung.ch

Im Wikoner Dorfteil Adelboden soll auf einer Gesamtfläche von rund 17 000 Quadratmetern – das entspricht ungefähr zweieinhalb Fussballfeldern – eine Überbauung entstehen. Geplant sind 77 Wohnungen im Segment 2? bis 5? Zimmer für zirka 150 Einwohner – samt Dorfladen, Spitex-Ambulatorium oder Mittagstisch.

Für das Projekt «Wohnen mit Dienstleistungen» will Wikon gemeindeeigenes Land verkaufen. Am 21. Mai entscheidet der Souverän an der Urne über die Veräusserung der Spychermatte an die Tellco Immobilien AG, Schwyz. Stimmt das Volk diesem Schritt zu, ergäbe dies für die Gemeinderechnung einen einmaligen Buchgewinn von 5,9 Millionen Franken. Die Exekutive hat den Betrag beim Voranschlag 2017 bereits berücksichtigt. Dieser schliesst mit einem Plus von 4,7 Millionen Franken.

Zumindest Land im Baurecht abgeben

Jetzt meldet sich allerdings die Interessengemeinschaft (IG) «Wikon nachhaltig und kontrolliert» zu Wort. Die Gruppierung wurde wegen des Themas Spychermatte neu ins Leben gerufen. Aktuell umfasse sie zirka zehn Personen und sei auch politisch abgestützt, sagt Sprecher Beat Schultheiss.

Doch woran stören sich die IG-Mitglieder konkret? Man habe das beim Projektstart definierte Ziel aus den Augen verloren, schreibt die IG. «Mit diesen Wohnungen und der damit verbundenen Möglichkeit, Dienstleistungen zu nützen, sollte ursprünglich den älteren Wikonern ein möglichst langes, selbstständiges Wohnen zu Hause ermöglicht werden», sagt Schultheiss. Das würde sich auch positiv auf die Sozialkosten der Gemeinde auswirken. Heute müssten nämlich Heimplätze beim Feldheim in Reiden beansprucht werden.

«Wir gehen bei der Spychermatte von einem Renditeobjekt aus», erklärt die IG weiter. Denn die damals festgelegten Ziele und Vorgaben seien nicht weiterverfolgt worden. «Sie waren aber für den Kanton die Voraussetzung, dass er dem Projekt bei der Vorprüfung grünes Licht erteilte.» Das Projekt wolle alles ein bisschen, aber nichts sei sicher, kritisiert die IG. «Wenn man nach genauen Zahlen fragt, spricht sogar der Gemeinderat vom Blick in die Glaskugel», erklärt Schultheiss. Die IG moniert zudem, dass die Infrastruktur der Gemeinde nicht auf ein so starkes Wachstum ausgelegt sei. Wikon hat aktuell rund 1500 Einwohner.

Mit den bereits bekannten Landparzellen und deren Überbauung wäre es auch ohne die Spychermatte möglich, ein genügend grosses Wachstum zu erzielen – und dies erst noch mit guten Steuerzahlern, so die Gruppierung. Zuzüger, die Wohnungen in einem höheren Preissegment mieten oder kaufen, würden eher mit den Aktivitäten der noch zu gründenden Wikon Dorf AG (Ausgabe vom 10. Februar) angelockt. «Sie könnten dem Fiskus zusätzliche Einnahmen bringen.»

Mit dem geplanten Schritt, die beiden Landparzellen an den Investor (Tellco AG) zu verkaufen, moniert die Interessengemeinschaft «Wikon nachhaltig und kontrolliert» auch «einen unnötigen Zwischenverdiener». Mit dem Deal verliere die Gemeinde Geld. Die Tellco sei keine soziale Institution, sondern eine professionelle Anlegerin mit dem einzigen Ziel, den Gewinn zu maximieren. Zumindest möchte die Gruppierung, dass die Fläche nicht verkauft, sondern im Baurecht abgetreten wird. Das sei die einzig nachhaltige Lösung. Weiter ist sie überzeugt, dass ein so grosser Landverkauf bei der jetzigen Zins- und Raumplanungs­situation nicht sinnvoll wäre. So vertritt sie die Meinung, das Projekt zurückzustellen und eine vom Investor losgelöste Variante umzusetzen. Als Alternative kann sie sich eine Wohnform auf genossenschaftlicher Basis vorstellen.

«Landverkauf bringt benötigte Steuereinnahmen»

Gemeindepräsident René Wiederkehr verteidigt das Projekt. «Wikon hat ein grosses strukturelles Defizit. Wir müssen auf der Einnahmenseite gezielte Entwicklungsschritte machen. Dieser Landverkauf bringt die dringend benötigten Steuereinnahmen, womit sich gravierende Steuererhöhungen verhindern lassen. Gleichzeitig bietet das Projekt die Möglichkeit, den derzeit fehlenden Wohnraum zu schaffen und mehrere gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben zu erfüllen.» Auch die Regierung habe das Projekt gelobt. «Aus all diesen Gründen ist die Spychermatte die beste Variante für Wikon», gibt sich der Gemeinderat überzeugt. Am 20. April wird die Exekutive an einer weiteren Informationsveranstaltung die Abstimmungsvorlage präsentieren.


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