Wie Innerschweizer Indianer bekehrten

LUZERN ⋅ Ein Grossteil der Sioux-Indianer in den USA ist katholisch. Sie wurden durch Innerschweizer missioniert. Ein Luzerner Historiker hat darüber ein Buch verfasst – heute ist die Vernissage.

29. September 2016, 05:00

Was hat der Sonderbundskrieg mit den Indianern Nordamerikas zu tun? «Sehr viel», betont Manuel Menrath (42), Oberassistent für Geschichte an der Uni Luzern. In seiner Dissertation hat sich der Historiker mit der Missionierung der Sioux-Indianer auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Buch, das heute vorgestellt wird.

Mehrere Dutzend katholische Geistliche aus der Schweiz sind nach dem Sonderbundskrieg von 1847 in die USA ausgewandert. Dass besonders Benediktiner aus der Innerschweiz nach Nordamerika übersiedelten, liegt daran, dass die Innerschweizer Kantone als Verlierer aus dem Krieg hervorgingen, so Menrath. «Sie mussten Kriegsschulden begleichen und versuchten, das Geld bei den Klöstern einzutreiben.» Der Kulturkampf zwischen dem liberalen Staat und der katholischen Kirche spitzte sich in der Schweiz zu. Einige Klöster schlossen ihre Türen, und auch Ordensleute in Einsiedeln, Engelberg, Maria Rickenbach, in Melchtal oder Sarnen haben befürchtet, dass sie zumachen müssen», fährt Menrath fort. Aus diesem Grund wagten einige die Überfahrt nach Nordamerika und gründeten Niederlassungen.

Militär steckte Indianer in Reservat

Kurz nach der Schlacht am Little Big Horn von 1876, wo Indianer US-Truppen besiegt hatten, ging das gedemütigte Militär rigoros gegen die Indianer vor und verordnete Reservatszwang. Gleichzeitig entschlossen sich vor allem die ausgewanderten Benediktiner, die Sioux zu bekehren. Sie wollten sie zu frommen Katholiken und sesshaften Bürgern machen. «Der Federschmuck wurde verbannt, die Haare der Indianer wurden abgeschnitten. Indianische Kultur wie der Sonnentanz wurde verboten», sagt Menrath. Und das Schlimmste: Die Büffel, von deren Jagd die Indianer lebten, wurden ausgerottet.

Vorreiter der Missionierung der Sioux-Indianer war der Schwyzer Bischof Martin Marty. Er ging als «Apostel der Sioux-Indianer» in die Annalen ein. Viele weitere gläubige Innerschweizer folgten ihm und beteiligten sich an der «Indianermission». So etwa der Beromünsterer Johann Dolder, der zuvor als Pfarrer in Hochdorf tätig war. Gesundheitlich angeschlagen, kehrte er aber nach zwei Jahren wieder heim.

Der Grossteil der Sioux-Indianer ist auch heute noch katholisch. Viele erlebten die Missionierung als Trauma, ist Menrath überzeugt. «Die Missionare hatten zwar keine böse Absicht. Aber das Verständnis für die vielfältige indianische Kultur fehlte völlig», sagt der Luzerner. Menrath spricht denn auch von einem Ethnozid, einem kulturellen Völkermord. Gleichzeitig unterstreicht der Historiker, dass es ihm nicht um ein Anklagen der Katholiken gehe. «Ich will die Geschichte erzählen, die niemand erzählt.» Denn die Bedeutung der Innerschweizer für die Bekehrung der Indianer sei hier kaum bekannt. Auf Menraths Arbeit aufmerksam geworden ist auch der Einsiedler Abt Urban Federer. Er schreibt im Vorwort zu Menraths Buch: «Vieles von dem, was der Autor zu Recht kritisiert, steht der Botschaft des Evangeliums und auch der benediktinischen Spiritualität diametral entgegen.»

Reservate gleichen Zustand in Drittweltland

Die Thematik der Missionierung ist noch immer aktuell. Viele der rund 150 000 Sioux-Indianer leben nach wie vor in Reservaten. «Die Bedingungen sind miserabel und gleichen jenen in einem Drittweltland», erzählt Manuel Menrath. Für seine Dissertation hat er viel Zeit in den USA verbracht, Archive und Bibliotheken abgeklappert. Und er hat sich mit den Indianern ausgetauscht. Eine besonders faszinierende Begegnung war die mit dem Urgrossenkel von Sitting Bull, dem Anführer der Sioux. «Er konnte stundenlang erzählen und hat trotz der tragischen Geschichte seiner Nation seinen Humor bewahrt.» Sitting Bull, der «sitzende Stier», ist seinerzeit standhaft geblieben und hat sich nicht bekehren lassen. «Wäre es Martin Marty gelungen, hätte dies bei den Indianern den letzten Widerstand gebrochen», sagt Menrath. Sitting Bull bezahlte seinen Widerstand schliesslich mit dem Leben.

Heute kehren immer mehr der Sioux-Indianer wieder zu ihren Wurzeln zurück. «Viele treten aus der Kirche aus und versuchen wieder an ihre ursprüngliche Spiritualität anzuknüpfen», sagt Oberassistent Manuel Menrath. Doch der Weg zurück sei kein einfacher, einige kämen nicht zurecht. Und die Missionare? «Die Kirchen sind toleranter geworden. Die Benediktiner vor Ort setzen sich heute auch für die Indianer ein und interessieren sich für ihre Kultur.»

In seinem nächsten Projekt widmet sich der Historiker nun den Indianern in Kanada.

Hinweis: Die Buchvernissage findet heute an der Universität Luzern (Frohburgstrasse, Hörsaal 9) statt. Sie beginnt um 19 Uhr. Der Anlass ist kostenlos.

Roseline Troxler


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: