Wie Kriens zur Gewerbesiedlung wurde

GESCHICHTE ⋅ Von Wasserrädern und Fusionsbemühungen – in seinem neusten Buch erzählt der Historiker Jürg Studer Spannendes aus der Geschichte von Kriens. Eine wahre Fundgrube sind die zahlreichen historischen Fotos.

24. November 2016, 05:00

Einst war der Krienser Talboden eine unwirtliche Schwemmebene und Auenlandschaft. Vom Pilatus herabstürzende Bergbäche überfluteten sie bei Unwettern regelmässig. Kein Mensch wohnte hier. Deshalb gibt es aus der Bronzezeit aus diesem Gebiet nur einen einzigen Fund, ein spätbronzezeitliches Schaftlappenbeil (1350–800 v. Chr.), ausgegra­ben im Gebiet Sternmatt. Auch aus der Römerzeit gibt es nur wenige Funde. Beim Wydenhof wurde eine Sesterz-Münze entdeckt. Erst mit der Einwanderung der Alemannen um 700 nach Christus kam es zu ersten Besiedlungsversuchen, zunächst wohl an den Hängen des heutigen Sonnenbergs und Schattenbergs.

Mit diesem Rückblick in die Frühzeit beginnt der Krienser Historiker Jürg Studer seinen soeben erschienenen dritten Band «Geschichte und Ereignisse» in der Reihe der «Krienser Kulturzeugen». Das gut 100-seitige Buch wartet mit spannenden Erzählungen und teils noch unbekannten Fakten auf.

Wasserkraft als Wirtschaftsmotor

Bis übers Mittelalter hinaus bildete die Land- und Forstwirtschaft neben einigen wenigen Gewerbebetrieben die einzige Einnahmequelle der Krienser. Entscheidend für die Entwicklung des Gewerbes war der Krienbach, dessen Wasserkraft mittels Wasserrädern die Maschinen antrieb. So entstanden entlang des Krienbachs zahlreiche Gewerbebetriebe, wie Papiermühlen, Sägereien und Knochenstampfen. Die Namen Stampfeli, Sensen- und Hammerschmiede, Feldmühle, Pulvermühle, Kupferhammer und Langsäge erinnern uns heute noch daran.

1592 wurde in Kriens der so- genannte Ehehaftenkanal ausgehoben. Ehehaft – ein veralteter Begriff. Er bedeutete «rechtsgültig» und stand vor allem für Wassernutzungsrechte. Der Ehehaftenkanal diente als Ergänzung zum Krienbach, da dieser nicht immer gleich viel Wasser führte. Ein kompliziertes Netz natürlicher und künstlicher Zu- und Ableitungen ermöglichte es, die Was­serräder effizienter zu betreiben. «In der Blütezeit lieferten zwischen Obernau und Luzern 26 Wasserräder gleichzeitig die Antriebskraft für verschiedene Gewerbebetriebe», so der Autor.

Viele Fotos aus Privatbesitz

Vom Ehehaftenkanal ist heute nichts mehr zu sehen. Auch die Wasserräder wurden nach und nach stillgelegt. Als letzter Zeuge steht heute hinter dem Feldmühleschulhaus eine Knochenstampfe aus dem 19. Jahrhundert. Das grösste Wasserrad der Kupferhammerschmiede, die 1826 zum ersten Schweizer Kupferwalz- und Hammerwerk wurde, hatte einen Durchmesser von 10 Metern und eine Schaufelbreite von 2,5 Metern. Das Werk im heutigen Kupferhammer-Quartier wurde 1906/07 stillgelegt.

Besonders spannend sind die im Buch abgebildeten historischen Fotos. Der Autor hat sie in staatlichen Archiven, aber auch bei Privatpersonen ausfindig gemacht. Sie zeigen etwa die Entwicklung des Siedlungsgebiets Kriensertal von 1905 bis 2014. Wahre Augenweiden sind auch der weitgehend leere Krienser Dorfplatz um 1900 oder die nur von wenigen Autos befahrene Luzernerstrasse Ende der 1940er- Jahre. Zu bestaunen sind auch die ersten Krienser Trams.

Woher kommt der Name «Kriens»?

Was den Namen «Kriens» betrifft, könnte dessen Vorform «Crientas» gallisch-römischen Ursprungs sein. Dabei handelt es sich nicht um einen Ortsnamen, sondern um eine keltische Flur- und Geländebezeichnung. Das gallische Wort «Crientas» in lateinischer Akkusativ-Mehrzahlform meint Spreu, so Studer: «Es könnte auf das Streueland zurückzuführen sein, das sich im Talboden nach den vielen Renggbach-Überschwemmungen bildete.» Eine definitive Deutung des Namens gibt es gemäss Studer aber weiterhin nicht. Andere Forscher nennen als Ursprung das lateinische «scrientes», übersetzt mit «schreiender Bach».

Erstmals schriftlich erwähnt wurde «Chrientes» in einer Urkunde des Klosters St. Leodegar zu Luzern. Die Schwestern Atha und Chriemhilt, offenbar aus einer reichen Familie stammend, schenkten dem Kloster um 884 alles, «quas in Chrientes habemus» (was wir in Kriens besitzen) – «von der Höhe der Fräkmünd bis an den See und dann in die Mitte des Fusses Reuss», wie es in der Übersetzung des lateinisch verfassten Originals heisst. Kriens war seither einer der 16 Dinghöfe des Klosters St. Leodegar. Atha und Chriemhilt wohnten wohl entweder auf dem Kirchhügel (Burg Kriens) oder dem Schauensee-Felsvorsprung.

Krienser sagten einst Ja zur Fusion

Die ersten Höfe entstanden am Sonnenberg. Autor Studer erzählt die Entwicklung ihrer Namen. Gerratingen, vermutlich vom alemannischen Siedler Gairu oder Gairo abstammend, änderte sich im Lauf der Zeit zu Gerretingen/Gerendingen und heisst heute Ehrendingen. Gründer des Hofs Dattenberg war wohl ein gewisser Datto. Die Waltzenrüti (heute Balzrüti) wurde von Waltzo gegründet. Später wurden auch im Talboden Höfe gebaut. Deren Namen deuten auf landwirtschaftliche Erträge hin: Roggeren und Fenkeren. Viele Höfe waren eng mit dem Kloster verbunden, etwa die Schällenmatt. «Schäll» war der Zuchthengst, zu dessen Unterhalt der Meier verpflichtet war.

Auch allerhand Geschichtliches liefert Studer. 1556 erhielten die Krienser Untertanen dank ihrer Treue zur Obrigkeit von der Stadt Luzern das Recht zur Selbstverwaltung, blieben aber Untertanen Luzerns. 1653 rebellierten die Krienser Bauern gegen die Machtpolitik der Stadt und vertrieben den damaligen Besitzer des Schlosses Schauensee, der Mitglied des Inneren Rats der Stadt war. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, die Anführer wurden hingerichtet.

Was wohl viele nicht wissen: 1934 sagten die Krienser mit 1267 zu 253 Stimmen Ja zur Eingemeindung in die Stadt Luzern. Diese versandete aber, da sich die Verhandlungen in die Länge zogen. Bei einem weiteren Anlauf 1946 wurde die Eingemeindung abgelehnt, da sich die Stellung Kriens’ inzwischen stark verbessert hatte. 2011 schliesslich – daran erinnern sich wohl die meisten noch – lehnten die Krienser eine Fusion mit Luzern klar ab.

Steinwerfen in den Pilatussee verboten

Auch von Aberglaube ist im Buch die Rede. Die verheerenden Krienbach-Überschwemmungen etwa wurden noch bis übers Mittelalter hinaus dem Geist des römischen Landpflegers Pontius Pilatus zugeschrieben, welcher der Legende nach im Pilatussee sein Unwesen treibt. Es war deshalb unter Strafe verboten, Steine in den See zu werfen. Das Verbot wurde 1594 aufgehoben.
 


Hinweis
 

Jürg Studer aus Kriens ist pensionierter Historiker. Zoom

Jürg Studer aus Kriens ist pensionierter Historiker. | Pius Amrein

Autor Jürg Studer (69), aufgewachsen am Dattenberg in Kriens, Gallivater 1995, ist pensionierter Geschichts- und Sportlehrer der Kantonsschule Luzern. Sein Buch «Krienser Kulturzeugen Band 3 – Geschichte und Ereignisse» ist im Brunner Verlag Kriens erschienen und kostet 20 Franken. Die Buchvernissage ist morgen um 18 Uhr im Gallusheim Kriens.



Hugo Bischof


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