Botschafterin eines umstrittenen Ehemanns: Als «Evita» Luzern verzückte

STAATSBESUCH ⋅ Vor 70 Jahren wurde die argentinische Präsidentengattin Eva Perón in Luzern mit grossem Pomp empfangen. Doch nicht alle begrüssten den hohen Besuch – auf der Seebrücke kam es zu einem Zwischenfall.
10. Oktober 2017, 10:40

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Er war als Nazi-Kollaborateur verfemt und höchst umstritten: Juan Domingo Perón, Präsident von Argentinien zwischen 1946 und 1955. Doch Perón hatte eine extrem wirksame Publicity-Waffe: Seine Frau, die Schauspielerin Eva Perón. Die charismatische, jung verstorbene Präsidentengattin war schon zu Lebzeiten eine Legende – ähnlich wie Jahrzehnte später Prinzessin Diana. Eva Peróns Leben wurde mehrmals verfilmt, auch ein Musical gibt es über sie.

Diese schillernde «Evita», wie sie meist genannt wurde, schickte der Präsident 1947 auf Tournee durch das Nachkriegseuropa. Dort sollte sie für die Politik ihres Mannes werben und wirtschaftliche Kontakte knüpfen. Anfang August machte die 29-Jährige auch in der Schweiz Halt. Eine der wichtigsten Stationen war dabei Luzern: Während ihr Besuch in Zürich einige Tage zuvor rein privat war, wurde Evita in Luzern mit allen Ehren empfangen. Das «Luzerner Tagblatt» schildert den Besuch vom 5. August 1947 in allen Details: Am Mittag fuhr die Präsidentengattin im «Roten Pfeil» im Luzerner Bahnhof ein – wegen eines Bremsdefekts mit einer halben Stunde Verspätung. Am Bahnhof wurde sie von Schultheiss Josef Frey, Stadtpräsident Max Wey und Bundespräsident Philipp ­Etter empfangen. Eine spanisch sprechende Luzernerin in Schweizer Tracht überreichte dem hohen Gast einen Blumenstrauss.

Die Rache eines Hilfsarbeiters

Überhaupt schien die halbe Stadt Spalier zu stehen; die Ankunft Evita Peróns war in Luzern ein Riesenereignis. Danach ging es in einer Buick-Limousine weiter Richtung Rathaus. Doch auf der Seebrücke geschah der folgenschwere Zwischenfall: Ein Mann warf faustgrosse Steine auf das Auto, welche die Windschutzscheibe zertrümmerten. Was dann geschah, schildert das «Tagblatt» in dramatischen Worten: «Ein geistesgegenwärtiger Polizeimann des städtischen Polizeikorps erfasste die Situation augenblicklich und fuhr den Demonstranten weisungsgemäss mit dem Motorrad sofort zu Boden.» Wie sich später herausstellte, handelte es sich beim Täter um einen gewissen Fritz Freitag, welcher früher als Hilfsarbeiter in Südamerika tätig war. In Argentinien wurde er allerdings in eine «Irrenanstalt» eingewiesen. Sein Steinwurf in Luzern war offenbar ein Racheakt für seinen Aufenthalt in der Anstalt. Der Anschlag in Luzern war allerdings nicht der ein­- zige Zwischenfall auf Peróns Schweiz-Reise. Einen Tag zuvor wurde ihr Auto in Bern von Mitgliedern der Partei der Arbeit mit Tomaten beworfen. Getroffen wurde allerdings nicht Evita, sondern Bundesrat Max Petitpierre, der neben ihr sass.

Jedenfalls schien Eva Perón den Vorfall in Luzern nicht übel zu nehmen. Nach dem Empfang im Rathaus ging es weiter zu einer Fahrt auf dem Dampfschiff «Stadt Luzern». Gemäss den LNN stellte das Schiff dabei sogar einen Geschwindigkeitsrekord auf – in 1 Stunde 22 Minuten von Luzern zur Tellsplatte.

Doch was wollte «Evita» überhaupt in der Schweiz? Es ging wie erwähnt in erster Linie darum, für die Politik ihres Mannes und die wirtschaftlichen Interessen Argentiniens zu werben.

Die anwesenden Schweizer Politiker übertrafen sich denn auch mit Beteuerungen, wie wichtig die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder seien. Schultheiss Josef Frey unterliess es bei seiner Rede auf dem Dampfschiff auch nicht zu betonen, dass die Schweiz unter anderem dank Lebensmitteln aus Argentinien die Kriegszeit gut überstanden habe.

«Südamerikaner haben noch viel zu lernen»

Die hochumstrittene Figur ihres Mannes wurde beim Besuch Eva Peróns sorgfältig ausgeblendet. Für die wirtschaftlichen Beziehungen sei der Besuch fraglos wichtig, bilanzierten die Luzerner Zeitungen. Doch konnte der Besuch auch politisch etwas bewirken? Diesbezüglich war das «Tagblatt» pessimistisch: Zwar hätten die Südamerikaner von unserer Demokratie sicher «allerhand zu lernen». «Doch ist nicht anzunehmen, dass eine autoritäre Staatsführung an derlei Nutzanwendungen Interesse hätte. Sie würde vor allem ihre eigene Existenz gefährden.» Der Evita-Besuch sei denn auch in erster Linie ein Austausch von diplomatischen Höflichkeiten gewesen, bilanziert die Zeitung weiter – und schliesst mit dem sinnigen Satz «Nützts nüt, so schadts nüt».

Der Evita-Besuch hatte in Luzern übrigens noch ein politisches Nachspiel: PdA-Grossstadtrat Otto Stofer stellte in einer Interpellation kritische Fragen zu den Kosten des Staatsempfangs. Doch Polizeidirektor Paul Kopp konnte den kommunistischen Abgeordneten beruhigen: Evita kostete die Stadtkasse genau 2878 Franken und 40 Rappen. Ein guter Preis, wenn man bedenkt, dass die Schweiz noch im selben Jahr das Handels­abkommen mit Argentinien verlängern konnte.

So berichteten damals die  »» Luzerner Neusten Nachrichten (LNN) und das Luzerner Tagblatt


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