Als sich Luzern an die Spitze turnte

JUBILÄUM ⋅ Vor hundert Jahren wurde die Kunstturnerriege des BTV Luzern gegründet. Mit Grössen wie Sepp Stalder und Donghua Li hatte der Verein weltweiten Erfolg. Doch Hoffnungsträger gibt es auch heute.
13. Oktober 2017, 06:55

Jeannette Voltz

stadt@luzernerzeitung.ch

Im Jahr 1948 wird Sepp Stalder Olympiasieger am Reck in London. Ebenfalls in London holt sich Hans Eugster 1956 den Olympiasieg am Barren. Im März 1994 wird Donghua Li Schweizer Meister im Mehrkampf. Nur 28 Monate später ist er auch Europameister, Weltmeister und Olympiasieger am Pauschenpferd. Eines haben die drei Sportler gemeinsam: Sie alle turnten für die Kunstturnerriege des Bürgerturnvereins Luzern (BTV), die es nun seit bereits hundert Jahren gibt. Gegründet wurde sie von Josef Meier und Hans Kühne, die im Jahr 1917 zusammen mit acht Kollegen den Grundstein für den späteren Vereinserfolg legten.

In den Reihen der jungen Riege, die damals 40 Aktive zählte, waren Albert Bachmann und Walter Beck die ersten Weltklasseturner. Sie waren die Stützen des Olympia-Silberteams an den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin. Später, in den 1950er-Jahren, wurde der BTV zur besten Vereinsstaffel der Welt. Den ­Gipfel des Olymps erklomm die ­Riege 1952 mit drei Turnern im Schweizer Olympia-Silberteam.

Einer, der die Geschichte des BTV geprägt hat wie kein anderer, ist Josef «Sepp» Stalder. Als erfolgreichster Kunstturner des BTV hat er die nach ihm ­benannte «Staldergrätsche» am Reck erstmals an den Olympischen Spielen 1948 in London geturnt – und gewann dafür Gold. Viele andere Spitzenathleten schrieben an der Erfolgsgeschichte des Vereins ebenfalls mit, darunter Roland Hürzeler, Ueli Bachmann, Moritz Gasser, Marco Wermelinger, Martin Banzer oder das Brüderpaar Roger und Philipp Sager. Von 2001 bis 2009 zeigten sie Turnen auf Weltklasseniveau.

Langjähriger Trainer verrät das Geheimnis des Erfolgs

Vieles miterlebt hat im Verein Bruno Nietlispach (55): Seit 29 Jahren amtet er beim BTV als technischer Leiter und Trainer. Einst betreute er zum Beispiel den Weltklasseturner Donghua Li – von seiner Ankunft in der Schweiz bis hin zum Olympiasieg in Atlanta. Neben seinem Beruf als Betriebsökonom investierte Nietlispach jahrelang rund 30 Stunden pro Woche für den BTV. Den Erfolg einer Riege, meint er, mache «der Mix» aus: «Zum einen sind es die Medaillengewinner als Aushängeschilder. Sie haben eine wichtige Vorbildfunktion für den Nachwuchs. Zum anderen sind es die vielen fleissigen Turner, die vorne zwar nicht mitturnen, für die Riege aber in anderen Funktionen wertvolle Arbeit leisten.» Das Turnen an sich erfordere sehr vieles. Körperliche Anlagen, Beweglichkeit, Koordination, Kraft und kogni­tive Fähigkeiten seien ebenso unabdingbar wie Talent, Einsatz und ein entsprechendes Umfeld.

Heute gehört der Turner Iman Clayton (14) zu den Hoffnungsträgern der BTV-Riege. Ihm trauen seine Trainer eine Weltklassekarriere zu. Mit acht weiteren Nachwuchsturnern trainiert er im Regionalen Nachwuchszentrum in Malters, einem von sieben Zentren in der Schweiz. Laut Nietlispach ist das Kunstturnen nach den Erfolgsjahren von 1948 bis 1952 wieder auf dem höchstem Niveau. Nach Russland und England besetzt die Schweiz den dritten Platz in Europa. Fünf Schweizer Turner könnten zudem unter den besten fünfzehn der Welt bestehen. Nietlis­pach ist sich sicher, dass sich der BTV auch in 20 Jahren als einer der führenden Vereine in der Schweiz behaupten wird. Denn Nachwuchssorgen plagen ihn nicht: «Bei der Nachwuchsriege, den Saltolinos, haben wir momentan mehr Anmeldungen, als wir Junge aufnehmen können.»


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