Angst und Panik auf der «Winkelried»

GROSSÜBUNG ⋅ Im Luzerner Seebecken hat gestern eine gross angelegte Einsatzübung der regionalen Notfalldienste stattgefunden. Beim simulierten Brand eines Kursschiffes wurden Einsatzkräfte auf Herz und Nieren geprüft.
11. November 2017, 18:23

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch


Plötzlich wird es laut auf dem Schiff: «Feuer! Feuer!», ruft eine Stimme aus dem Inneren der «Winkelried». Nach einem Motorenschaden ist das Kursschiff der Seefahrtsgesellschaft Luzern (SGV) manövrierunfähig und kollidiert mit einer Naue. Der Zusammenstoss führt zum Brand im Motorenraum. Zunächst blicken die Passagiere auf dem Oberdeck noch leicht amüsiert um sich, aber die Stimmung an Bord wird zunehmend ernster. Wenig später breitet sich auf dem gesamten Unterdeck des Schiffes dichter Rauch aus. Und unter den Fahrgästen der «Winkelried» keimt die Panik auf.

Glücklicherweise sind sowohl der Brand wie auch die Panik der Gäste nur simuliert. Unter dem Namen «Nebelhorn» fand gestern vor der Werft der SGV im Luzerner Seebecken eine gross angelegte Einsatzübung statt. Rund 250 Mitglieder der Luzerner Polizei, Feuerwehren aus den Kantonen Luzern, Nidwalden und Schwyz, Rettungsdienste, SGV und weitere Fachspezialisten standen während der knapp dreistündigen Übung im Einsatz. Gegen 50 Statisten mimten zudem die teils schwer verletzten Passagiere an Board des Schiffes. 

 

Absprachen zwischen Einsatzkräften getestet 

Die Übungsleitung hatte der Luzerner Feuerwehrinspektor Vinzenz Graf. «Für die Einsatzkräfte gab es kein Drehbuch. Sie kannten lediglich das Datum der Übung, nicht aber das Szenario.» Nachdem diese am frühen Nachmittag den entsprechenden Notruf erhielten, konnte man den Grosseinsatz auf dem Werftgelände der SGV in Echtzeit mitverfolgen. «Es geht in erster Linie darum, zu prüfen, wie die Absprachen zwischen allen beteiligten Akteuren verlaufen und ob die Koordination untereinander klappt», erklärte Graf vor Ort. 

So konnte etwa beobachtet werden, wie Feuerwehr, Sanität und Polizei auf dem Gelände der SGV ihre mobilen Einsatzzentralen aufbauten, während gleichzeitig die ersten Feuerwehrmänner an Bord der «Winkelried» gebracht wurden. Dort mussten sie sich durch den verrauchten Innenraum des Schiffes zum fiktiven Brandherd im Motorenraum durchkämpfen. Aber auch die panischen Passagiere forderten Aufmerksamkeit. So musste beispielsweise verhindert werden, dass ein Mann vom oberen Deck ins kalte Wasser sprang. Andere mussten entweder beruhigt oder medizinisch versorgt werden. 

Mit Sägemehl wurde zudem auch noch das Auslaufen von ÖL simuliert. So hatten von der Ölwehr bis zur Notfallseelsorge, alle möglichen Einsatzkräfte ihren Teil zu leisten. 
«Die ersten 15 Minuten waren wie erwartet ziemlich chaotisch», resümierte Michel Scheurer, Leiter Produktion bei der SGV, bei einem ersten Zwischenfazit. Insbesondere technische Aspekte der Kommunikation (Überlastung der Frequenzen) mit der Feuerwehr und der Polizei machten zu schaffen. Scheurer machte auch darauf aufmerksam, dass bei einem echten Vorfall über 1000 Personen an Bord sein könnten – darunter auch viele nur bedingt mobile Seniorinnen und Senioren sowie Touristen.

In der Folge habe sich der Einsatz aber zunehmend positiv entwickelt. Diesen Eindruck teilte auch Feuerwehrinspektor Vinzenz Graf. «Die erwähnten technischen Herausforderungen werden sicher erste Priorität bei der Nachbearbeitung der Übung erhalten.» Insgesamt verfolgten 15 «Schiedsrichter» die Übung vor Ort. Es handelt sich dabei um Mitglieder von anderen Feuerwehrkorps – so etwa aus Basel. Ihre Beurteilungen werden in den Abschlussrapport der Übung Nebelhorn einfliessen.

Beobachter aus Deutschland

Vom Geschehenen beeindruckt war jedenfalls Thomas Kunz von der Feuerwehr Karlsruhe. Zusammen mit einigen Kollegen verfolgte Kunz die Übung als Gast. «Wir planen für das kommende Jahr in den Rheinhäfen in Karlsruhe eine ähnliche Übung, da ist es ein Glücksfall, dass wir hier schon erste Erfahrungen sammeln können», erklärt Kunz. «Der Aufwand, mit der diese Übung hier aufgezogen wurde, ist jedenfalls eindrücklich.»

  • Das Übungsszenario: Ein Kursschiff der SGV stösst mit einer Naue zusammen. Es gibt viele Verletzte und einen brennendnen Motorraum. Die Feuerwehrleute werden mit kleineren Booten zum Kursschiff gebracht. (© Roger Grütter (LZ))
  • Auf dem gemäss Szenario manövrierunfähigen und brennenden Schiff befinden sich noch Passagiere. (© Roger Grütter (LZ))
  • Auch Passagiere, die gemäss Szenario bei der Kollision von Bord ins Wasser gefallen sind, müssen gerettet werden. (© Roger Grütter (LZ))

Am Samstag hat im Luzerner Seebecken eine Grossübung der regionalen Notfalldienste stattgefunden. Simuliert wurden eine Kollision und ein Brand eines Kursschiffes.


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