Grabung sorgt für kleine Sensation in der Zentralschweiz

ARCHÄOLOGIE ⋅ Statt nach Überresten von Herrenhäusern zu graben, haben Archäologen in Triengen ein «kleines Dorf» entdeckt. Die Funde sollen Forschungslücken in der Wirtschaftsgeschichte schliessen.
Aktualisiert: 
13.07.2017, 21:00
13. Juli 2017, 15:13

«Das ist ein spezieller Fund für uns», sagt Jürg Manser, Leiter Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Luzern. Er bezieht sich mit seiner Aussage auf die Grabungsresultate im Heideloch in Triengen. Dabei sind auf einer Fläche von 150 Quadratmetern Zeugnisse der römischen Kulturgeschichte aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus gefunden worden: Fragmente von Mühlstein, ein Messer aus Eisen und Grobkeramik wie etwa Schüsseln. Laut Manser muss man sich einen römischen Gutshof «wie ein kleines Dorf mit Getreidelagern, Ställen und Unterkünften für die Arbeiter vorstellen».

Das Besondere an der Ausgrabung: Es ist in der Zentralschweiz die erste grössere Grabung, die den Landwirtschaftsbetrieb eines römischen Gutshofs zum Vorschein bringt. Bis Anfang 20. Jahrhundert hat man vor allem nach den Ruinen von römischen Herrenhäusern gesucht. Dafür gibt es einen einfachen Grund: «In der Regel findet man bei römischen Villen immer schöne Gegenstände wie beispielsweise Mosaike», sagt Manser. Das bekannteste Beispiel eines solchen Fundes aus einer römischen Villa ist die 30 Zentimeter grosse Bronzestatuette des römischen Götterboten Merkur. Diese wurde 1849 in Hohenrain gefunden.

Dass sich der Fokus der Grabungen in den letzten Jahren geändert hat, liegt an der zunehmenden Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte und den Möglichkeiten, die heute naturwissenschaftliche Analysen bieten. «Punkto landwirtschaftlicher und gewerblicher Nutzung gibt es noch zahlreiche Forschungslücken. Diese versuchen wir nun zu schliessen.» So steht also nicht mehr das prunkvolle Haus der Römer im Zentrum des Interesses, sondern vielmehr die Aktivitäten im römischen Landwirtschaftsbetrieb. «Wir wollen zum Beispiel erforschen, welche Produkte sie damals auf dem Hof hergestellt haben.»

Dass auf dem Areal der Jules Steiger AG, einer Hoch- und Tiefbaufirma, gegraben wurde, kommt nicht von ungefähr. In den 1830er-Jahren hat man auf diesem Gelände bereits Überreste eines römischen Herrenhauses aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus entdeckt. «Da liegt es auf der Hand, dass der dazu gehörende Landwirtschaftsbetrieb in unmittelbarer Nähe liegen muss.» Unmittelbar ist jedoch relativ: Das Gelände misst 6000 Quadratmeter. «Wo wir genau graben sollten, wussten wir anfänglich nicht», sagt Manser. Um nicht die gesamten 6000 Quadratmeter durchsuchen zu müssen, nimmt man geophysische Messinstrumente zu Hilfe. Damit kann man – vereinfacht gesagt – den Boden röntgen und erhält so Anhaltspunkte, wo Mauern liegen könnten. Auf dem Areal der Jules Steiger AG war dies relativ schwierig, da der Belag aus gebrochenem Beton die Messung erschwerte.

Fundstücke werden im Archiv gelagert

Fest steht: Unter den 6000 Quadratmetern liegen noch weitere Fundstücke aus dieser Zeit. Trotzdem wird man Ende August die Grabung beenden. «Wir haben schlicht keine finanziellen Mittel, um auf diesem Areal weiterzugraben.» Die kantonalen Sparmassnahmen gingen auch an der Archäologie nicht spurlos vorbei. 1,4 Stellen musste Manser streichen. Von rund 70 Bauprojekten in archäologischen Fundstellen kann Mansers Team pro Jahr höchstens bei zehn eine Ausgrabung vornehmen. «Der Rest geht für immer verloren», sagt er.

Mit der Bauherrschaft suche man nun einen Weg, den geplanten Werkhof auf dem Areal so umzusetzen, dass die archäologischen Befunde nicht zerstört werden und auch nach Jahrzehnten weiter gegraben werden könnte. Die gefundenen Stücke und Dokumente werden nun im Archiv in Luzern gelagert. So stehen sie für die wissenschaftliche Forschung auch kommenden Generationen zur Verfügung.

 

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch


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