Tiefer Milchpreis: Bei ihnen ist ausgemolken

REGION ⋅ Tausend Milchbauern in der Zentralschweiz mussten in den letzten acht Jahren ihren Betrieb einstellen. Weil der Milchpreis tief ist, schreiben zwei Bauern aus Buchs seit Jahren Verluste – nun ist eine Lösung in Sicht.
06. August 2017, 05:00

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

Kahl und leer: Einzig eine herumsummende Fliege stört die Ruhe im Stall. Ein paar wenige Kühe liegen an diesem Morgen da, andere grasen auf den Weiden – viele der Tiere haben die Landwirte Philipp Kaufmann (50) und Beat Schaller (45) aus Buchs bei Dagmersellen aber bereits verkauft oder zum Metzger chauffiert.

Fünfzig Milchkühe hatten die stolzen Bauern einst, als sie sich vor gut 14 Jahren zu einer Betriebsgemeinschaft zusammenschlossen. Damals, im Jahr 2003, war die Scheune mitten auf dem 38 Hektaren grossen Hof neun Jahre alt. Mit ein paar Mastschwei­nen, Ackerbau und vor allem der Milchwirtschaft liessen sich zwei Familien ernähren. Der Milchpreis begann in den Folgejahren zu sinken, lag aber immerhin bei 70 oder gar 80 Rappen pro Liter. Jetzt bekommen Schaller und Kaufmann für ihre Milch Suisse Garantie, auch Industriemilch genannt, etwas über 50 Rappen.

Bei Bio- und Käsereimilch sind Preise «akzeptabel»

«Seit drei Jahren machen wir Verluste mit den Milchkühen», sagt Kaufmann. Darum sei nun Schluss. Bis im Oktober wollen die beiden Bauern ihre noch etwas über 30 verbleibenden Tiere verkauft haben – so lange reicht die Futtersilage noch aus. Kaufmann und Schaller sind in bester Gesellschaft. Vor einem Jahr musste bereits der Nachbar seinen Hof umstellen. Und in der ganzen Zentralschweiz haben in den vergangenen acht Jahren 1047 Bauern aufgehört, Kuhmilch zu produzieren. Alleine im Kanton Luzern ging jeder fünfte Betrieb ein oder stellte auf andere Geschäftszweige um (siehe Grafik) – etwa auf Legehennen oder Schweinemast. Letzteres werden aller Voraussicht nach auch Kaufmann und Schaller künftig machen. 250 Mastschweine halten sie schon, 700 sollen es einst werden. «Der Fleischpreis schwankt zwar auch», sagt Kaufmann. «Aber immerhin kann so wenigstens einer von uns von der Landwirtschaft noch leben.» Für beide reiche der Hof jedoch nicht mehr aus. Kaufmann ist gelernter Zimmermann. «Ich werde mir wieder einen Job in dieser oder einer verwandten Branche suchen müssen.» Wohl oder übel.

Kaufmann war gerne Landwirt. Obwohl anfänglich der Bruder den elterlichen Hof übernahm. Vor 17 Jahren stieg auch er ein, weil der Bruder tödlich verunglückte. «Seither hat sich viel getan», sagt Kaufmann. «Bergab mit dem Milchpreis ging es vor gut fünf oder sechs Jahren.» Schuld, dass er nun seine Kühe verkaufen muss, gibt er niemandem. Aber etwas «verkehrt» finde er es schon, wenn der Bund Blumenwiesen mit Beiträgen fördere, statt auf Nahrungsmittel zu setzen. «Aber irgendwie wird es schon weitergehen.» Bei Kaufmann und Schaller ist Zuversicht zu spüren – obwohl ihr Kuhstall noch nicht amortisiert ist.

Andere Landwirte hingegen, die erst vor wenigen Jahren kräftig in ihren Stall investiert haben, können sich einen Ausstieg aus der Milchwirtschaft gar nicht leisten. Die tiefe Milchpreissituation dauere nun schon zweieinhalb Jahre an, sagt Carol Aschwanden, Leiterin Kommunikation der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP). In ihrer Organisation sind unter anderem ein Grossteil der Milchbauern aus den Kantonen Luzern, Uri, Ob- und Nidwalden Mitglieder. Im Frühling liess die ZMP sie befragen, was die Genossenschaft alle drei Jahre tut. Das Ergebnis: «Gegenüber 2014 haben sich die Werte signifikant verschlechtert», wie Aschwanden sagt. «Nur noch gerade 5 Prozent der Milchproduzenten empfinden die heutige wirtschaftliche Lage als positiv.» Und darunter seien vor allem Biomilch- und Käsereimilchlieferanten. Bei diesen – sie haben zusammen schweizweit einen Marktanteil von rund 38 Prozent – sind die Preise laut Aschwanden «gut» oder zumindest auf «akzeptablem» Niveau. «Die Preissituation auf dem Molkereimilchmarkt aber macht unserer Genossenschaft grosse Sorgen.» Gerade mal 40 Prozent der Betriebe geben in der Um­frage an, dass ihr Hof sicher mehr als fünf Jahre bestehen bleibe. Doch was heisst das, wenn eine Vielzahl der Bauern aus dem Milchgeschäft aussteigen muss?

Worst Case: Verlagerung der Produktion ins Ausland

«Der Strukturwandel in der Milchproduktion wird so weiter beschleunigt», sagt Aschwanden. Im «Worst Case» könnte es zu einem «Strukturbruch» kommen. «Das heisst, dass auch Betriebe, die gut aufgestellt sind und langfristig überleben sollten, um die Milchproduktion in der Schweiz sicherzustellen, auf­geben.» Die Folge wäre laut Aschwanden, dass Milch importiert werden müsste oder die Verarbeiter ihre Produktionswerke ins Ausland verlagern müssten.

Sollte dies eintreffen, stehen die Bauern Philipp Kaufmann und Beat Schaller aus Buchs schon an einem anderen Punkt im Leben. In den nächsten Monaten werden sie ihren Stall umbauen – damit sie mit der Schweinemast beginnen können. Doch zuvor steht ihnen der Abschied von ihren noch verbleibenden Kühe bevor. Beat Schaller sagt: «Es wird ein ganz harter Tag sein, wenn die letzte Kuh den Stall verlässt.»


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