Bröckeln nun auch bei uns die Berge?

KLIMAERWÄRMUNG ⋅ Gletscher schmelzen, Permafrost taut auf. Das erhöht die Gefahr von Bergstürzen wie jüngst in Bondo GR. Die Zentralschweiz ist davon zwar weniger betroffen, kleinere Felsstürze sind allerdings nicht auszuschliessen.
04. September 2017, 05:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Schon 1932 schrieb Alpenforscher Albert Heim: «Die Bergstürze sind normale Erscheinungen der Gebirge. Im Gebirge, besonders im Hochgebirge, haben sie ihr Heimatrecht.» Bergstürze, so tragisch ihre Folgen auch sind, gehören zum geologischen Alltag. Auch künftig werden solche Ereignisse nicht zu vermeiden sein. Im Gegenteil: Vorfälle wie am 23. August in Bondo GR dürften sogar noch gehäuft auftreten, besonders im Hochgebirge. Grund dafür ist die Klimaerwärmung: Einerseits schmelzen Gletscher und stützen so Hänge weniger ab. Diese werden folglich instabiler. Andererseits erhöht auch der schwindende Permafrost die Gefahr von Stein- und Felsstürzen.

Von diesen Entwicklungen ist in der Zentralschweiz am ehesten der Kanton Uri betroffen. Hier befinden sich die höchsten Gipfel und auch die grössten Vergletscherungen (siehe Kasten) der Region. Wie bei sämtlichen Schweizer Gletschern schmilzt das ewige Eis auch hier rasant dahin. Dass dies aber zu einer erhöhten Bergsturzgefahr führen würde, beobachten die Urner Behörden zurzeit nicht. Das bestätigt Lukas Eggimann vom Amt für Forst und Jagd Kanton Uri. Das liege sicher auch daran, «dass die meisten Gletscher im Kanton Uri nicht in einem stark vertieften Taleinschnitt verlaufen», so Eggimann weiter. Folglich hätten sie auch keine grosse Stützwirkung auf die Hänge. Trotzdem überwachen die Urner Behörden rund 20 Felsbereiche oder Rutschhänge, verteilt über das ganze Kantonsgebiet.

Was das Auftauen des Permafrostes betreffe, habe man weder im Siedlungsgebiet und auf Verkehrswegen noch in abgelegenen Gebirgsgegenden eine markante Häufung von Steinschlägen ­­ oder Felsstürzen festgestellt, hält ­Eggimann weiter fest. «Gewisse Schwierigkeiten gibt es deswegen lediglich bei der Bergstation der Gemsstock-Luftseilbahn.»

Obwalden: Nur zwei Bergstürze in 20 000 Jahren

Von schwindendem Permafrost und schrumpfenden Gletschern ist ausserhalb des Kantons Uri nur noch die Titlisregion in den Kantonen Ob- und Nidwalden betroffen. Auch dort sei ein Ereignis wie in Bondo zwar «nicht auszuschliessen, aber dennoch aktuell unwahrscheinlich», sagt Roland Christen, Amtsstellenleiter vom Amt für Wald und Landschaft Kanton Obwalden. In den letzten 10 000 Jahren hätten sich auf Obwaldner Kantonsgebiet lediglich zwei grosse Bergstürze ereignet: einer in Engelberg (Gebiet Laub–Trübsee–Gerschni, vor 10 000 Jahren), wohl ausgelöst durch einen kräftigen Niederschlag, und einer in Kerns (Stanserhorn, vor rund 2200 Jahren), vermutlich ausgelöst durch ein Erdbeben.

Auch der Nidwaldner Kollege Rudolf Günter vom Amt für Wald und Energie hält einen Bergsturz vom selben Ausmass wie in Bondo für «unwahrscheinlich». «Uns fehlt das vergleichbare Relief.» Immer rechnen müsse man hingegen mit kleineren Felsstürzen oder Steinschlägen. Der letzte grössere Felssturz auf Nidwaldner Kantonsboden ereignete sich im Humligentobel bei Wolfenschiessen und datiert ins 18. Jahrhundert zurück.

Bergstürze und Felsabbrüche ereignen sich aber punktuell auch dort, wo Gletscherschmelze und Permafrostschwund keine Rolle spielen. Diese schmerzliche Erfahrung musste man 1806 auch im Kanton Schwyz machen. Beim Goldauer Bergsturz rutschten damals rund 40 Millionen Kubik­meter Fels ab – zehn Mal so viel wie in Bondo – und begruben 457 Menschen unter sich. Voraussetzung für einen solchen Bergsturz sind eine gebirgige Topografie und eine Felsbeschaffenheit mit Klüften, weichen oder anderen trennenden Schichten. «Solche Ereignisse sind jedoch sehr selten und kündigen sich in der Regel an», erklärt Lukas Inder­bitzin vom Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Schwyz. Auch wenn derzeit nichts auf ein Sturzereignis hindeutet, überwacht der Kanton einige, meist «kleinere Objekte». Auch grössere Gebiete wie den Rossberg in den Gemeinden Arth und Steinerberg sowie den Schwarzstock in Muotathal behält man im Auge. «Diese Objekte verhalten sich zurzeit ruhig. Deshalb werden nebst regelmässigen Begehungen detaillierte Messungen nur alle drei Jahre durchgeführt.»

Keine Messungen finden im Kanton Luzern statt. Hier rechnet man, wenn überhaupt, dann «bloss» mit kleineren Felsstürzen. Eine Ausnahme bildet aber die Rigi-Südwestflanke in der Gemeinde Weggis. «Diese steht unter Dauerbeobachtung», sagt Urs Zehnder, Abteilungsleiter Naturgefahren Kanton Luzern.


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