Ältestes Schweizer Dampfboot «Charlotte» auf letzter Fahrt

RUHESTAND ⋅ Das älteste Dampfboot der Schweiz hat sich vom Vierwaldstättersee verabschiedet. Doch das Boot bleibt erhalten – als technisches Denkmal im Verkehrshaus.
20. Juni 2017, 15:33

Isabelle Jost

stadt@luzernerzeitung.ch

Bei traumhaftem Wetter durfte «Charlotte» gestern zum letzten Mal von Brunnen nach Luzern tuckern. Sie ist das älteste erhaltene Dampfboot der Schweiz. Wann es gebaut wurde, ist unbekannt, sicher aber stammt es aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nun hat «Charlotte» ausgedient – wird aber bald im Verkehrshaus der Schweiz zu bestaunen sein. Bei ihrer letzten Fahrt wurde sie vom kleinen Raddampfer «Liberty Belle» und vom weiteren Dampfboot «Zürihegel» begleitet und mit zwei besonderen Begegnungen gewürdigt: Die beiden grossen SGV-Dampfer «Uri» und «Gallia» grüssten beim Kreuzen mit lautem Hornen. Für «Charlotte» war diese Reise eine Premiere und Derniere zugleich: Sie schnupperte das erste mal Luzerner Seeluft, da sie seit dem Jahr 1985 nur auf dem Zürichsee unterwegs war.

Die Besitzer des Bootes, das Ehepaar Kurt und Charlotte Kunz Bolt, fuhren es gestern in seinen neuen, trockenen Hafen, das Verkehrshaus der Schweiz. Mit dabei war auch Flavio Matasci, ein Freund des Ehepaars. Im Verkehrshaus zu sehen sein wird «Charlotte» aber erst ab diesem Herbst. «Zuvor müssen für sie noch der passende Standort in der Schiffshalle geschaffen und kleine Aufbereitungsarbeiten vorgenommen werden», so Mediensprecher Olivier Burger.

Über das neue Exponat mit industriehistorischem Hintergrund freut sich besonders This Oberhänsli, Kurator Schifffahrt: «Es ist ein Schiff, das für den Schweizer Schiffbau eine zentrale Rolle spielte.» So sei «Charlotte» von der Schiffsbaufirma Escher Wyss im Jahr 1895 aus England als Technologietransfer importiert worden. Später baute die Firma selber Dampfboote und entwickelte die Technologie weiter.

Eine Zeugin der industrialisierten Schweiz

Anstelle von Kohle oder Holz wurde das Dampfboot bereits 1880 mit Petrol befeuert, um rund 100 Kilogramm Dampf pro Stunde erzeugen zu können. Heute wird es mit Kerosin betrieben und erreicht so eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h.

Seinen Namen erhielt das Dampfboot nicht etwa von seiner jetzigen Besitzerin, sondern von der Ehefrau des damaligen Betriebsleiters von Escher Wyss – für Charlotte Kunz Bolt, deren Leidenschaft schon lange dem Dampfschiffwesen gilt, ein schöner Zufall. Dank ihres Wissens in diesem Gebiet erlangte sie vor 49 Jahren als 16-jährige Gymnasiastin in Mäni Webers Fernsehsendung «Dopplet oder nüt» den Maximalbetrag von 4000 Franken. Nach diesem Erfolg hatte sie die erste Begegnung mit «Charlotte», denn der Vorbesitzer Bernhard Knell, der durch die Sendung auf sie aufmerksam wurde, lud sie auf eine Schifffahrt ein. Dass sie später, im Jahr 2001, genau diese «Schiffs-Lady» von dessen Sohn Bernhard abkaufen würde, konnte sie damals noch nicht ahnen. Acht Jahre später bekam das Boot noch einen neuen Schliff: Charlotte Kunz Bolt, die selbst Denkmalpflegerin ist, rekonstruierte es in seinen Originalfarben, wobei sie möglichst alles im Ursprungszustand erhalten wollte. Mit der Schenkung des Bootes an das Verkehrshaus wird «Charlotte» nun bald zum technischen Denkmal.

Video: Das letzte Mal Dampf ablassen

Das Dampfboot «Charlotte» hat am Dienstag seine letzte Fahrt angetreten. (Charleen Bretteville, 20.06.2017)

  • Luzerner Zeitung AG
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Das älteste Schweizer Dampfboot «Charlotte» tuckerte heute auf seiner letzten Fahrt von Schwyz nach Luzern. Zukünftig wird das Boot im Verkehrshaus ausgestellt.


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