«Das ist kein Chaot, das ist ein Verbrecher»

FANGEWALT ⋅ Im Prozess gegen den Pyrowerfer von Luzern fordert die Bundesstaatsanwaltschaft eine vierjährige Gefängnisstrafe. Die Verteidigung spricht von einem Schauprozess.
08. August 2017, 20:16

Gerhard Lob, Bellinzona

kanton@luzernerzeitung.ch

Er erscheint adrett gekleidet. Ganz in Schwarz. Der Bart ist kurz getrimmt. Die Hornbrille passt. Irgendwie wie ein perfekter Schwiegersohn. Doch die Straftatbestände, für die sich der bald 24-jährige S.T. aus Herisau seit gestern vor Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten muss, sind gravierend: mehrfache Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase, schwere Körperverletzung, mehrfache Sachbeschädigung, mehrfache Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz. Die Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Gefängnis.

Es geht um Vorfälle beim Super-League-Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vom 21. Februar 2016 in der Swisspor-Arena. Der Beschuldigte hielt sich damals im für die St. Galler Fans reservierten Sektor auf. Von dort hat er zwei Rauchkörper und zwei Sprengkörper aufs Spielfeld geworfen. Videoaufnahmen von Überwachungskameras, die gestern im Gericht zu sehen waren, zeigen, wie er sich zuvor vermummte.

Nach der Detonation eines heftigen Blitzknalls erleidet ein 48-jähriger Luzerner auf dem Zuschauerrang einen massiven Hörsturz. Kurz zuvor war sein Sohn noch als Einlauf-Kid aufs Spielfeld gelaufen. Seit diesem Vorfall ist die Hörfähigkeit massiv reduziert. Er leidet seither unter einem Trauma. Gestern sagte er als «Auskunftsperson» vor Gericht aus und berichtete von nächtlichen Flashbacks, die ihn seit diesem Vorfall begleiten.

Der mutmassliche Täter aus Herisau hat sich dazu gestern nicht geäussert. Er machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Einzig zu seiner Person gab der gelernte Schreiner, der als Barkeeper in St. Gallen sowie im mütterlichen Betrieb arbeitet, einige Erklärungen ab, sprach von «einem ganz normalen Leben». Und beteuerte zur allgemeinen Überraschung, Fussballspiele nur selten zu besuchen. Warum er 1651 Feuerwerks- und Rauchkörper und weitere Geschosse in seinem Schlafzimmer hortete, wo sie sichergestellt wurden, blieb ein Rätsel.

Staatsanwalt beurteilt Taten als hinterhältig

Bundesstaatsanwalt Hansjörg Stadler bezeichnete die zur Last gelegten Taten des Angeklagten in seinem Plädoyer als hinterhältig und rekonstruierte dessen Verhalten im Fanblock im Detail. «Dass er niemanden verletzen wollte, ist eine reine Schutzbehauptung», so der öffentliche Ankläger. Er forderte für die verschiedenen Delikte neben den vier Jahren Freiheitsstrafe auch eine Busse in Höhe von 500 Franken. Der Anwalt des hörgeschädigten Familienvaters erklärte: «Das ist kein Chaot, sondern ein Verbrecher.» Er forderte noch 60 000 Franken an Genugtuung für seinen Mandanten.

Ganz anders die Verteidigerin des Beschuldigten. Sie forderte in ihrem Plädoyer einen Freispruch in allen Anklagepunkten mit Ausnahme der Sachbeschädigung des Stadionrasens. Sie bestritt insbesondere, dass das pyrotechnische Material überhaupt als Sprengstoff klassifiziert werden könne. Zudem habe ihr Mandant keinerlei Absicht gehabt, Personen zu gefährden. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Detonation und dem Hörschaden liesse sich nicht herstellen. Ihr Mandant gebe aber zu, damals «einen unverantwortlichen Seich» gemacht zu haben. Der Bundesanwaltschaft warf sie vor, mit diesem als Pilotprozess klassifizierten Verfahren «Fussballfans in die Ecke von Terroristen schieben zu wollen». Das Urteil wird heute eröffnet.

In Schweizer Stadien ist der Herisauer nicht mehr zu sehen. Nach dem Match vom Februar 2016 erhielt er ein zehnjähriges Stadionverbot.

 


Leserkommentare

Anzeige: