Schaulaufen am Lucerne Festival

GALA ⋅ Lucerne Festival ist, wenn Bundesräte und andere Prominenz über den roten Teppich defilieren und wenn grosses Geld auf den Ideenreichtum der Künstler trifft. Derweil das diesjährige Festivalthema «Identität» zu verschiedensten Interpretationen führt.
Aktualisiert: 
11.08.2017, 22:00
11. August 2017, 21:39

Roman Kühne
kultur@luzernerzeitung.ch

Die Luzerner Stadträtin Manuela Jost (54), im roten Kleid ein erfreulicher Farbtupfer inmitten von dunklen Männeranzügen, sieht in ihrem Beruf auch eine Gefahr. Nämlich dass ihr Job «sehr erfüllt, aber auch ausfüllt». Und weiter: «Man muss in der Politik auf einiges verzichten, das Leben wird stark von der Agenda bestimmt. Für mich ist es in den Ferien der grösste Luxus, mal ohne Terminplan zu leben.» 

Also eine Identität, die von der Arbeit verdeckt, ja verdrängt wird? «Dies zum Glück nicht. Für mich sind mein politisches Engagement und das Interesse an Kultur, speziell an klassischer Musik, starke identitätsbildende Elemente. Wenn ich in offizieller Mission als Stadträtin an der Eröffnungsfeier des Lucerne Festival teilnehmen darf, dann befinden sich diese zwei Identitätsstücke buchstäblich in Harmonie miteinander.» 

Eine Rolle wirbelte Gefühlswelt durcheinander

Sind bei ständigen Rollenwechseln persönliche Krisen nicht geradezu programmiert? Der österreichische Schauspieler und Regisseur Theatermann Heinz Marecek (71) stimmt zu. «Man muss aufpassen, dass die eigene Identität nicht untergeht.» War auch die Fernsehserie «Lindenstrasse», wo Marecek den Bruno Skabowski spielte, ein Gefährdungspotenzial? «Für mich gab es bisher nur eine einzige Rolle», erzählt Marecek, «die mir nahe ging, mein Gehirn, ja meine Gefühlswelt durcheinanderwirbelte. Im Theaterstück ‹Tod eines Handelsreisenden› spielte ich die Titelfigur Willy Loman. Und ich verstand, dass ein solcher Absturz, diese inneren Konflikte alle ereilen und zerstören können.» 

Mode: Stifter oder Störer?

Der Schriftsteller Iso Camartin (73) sieht es hingegen nicht so dramatisch: «Wir spielen alle kurzfristig – zur Unterhaltung der Umwelt – unterschiedliche Rollen. Nach dem Prinzip: Ich bin überhaupt nicht derjenige, für den du mich hältst!» Letztlich aber sei man auch in der Verstellung immer derselbe. «Ob man arbeitet, schläft oder träumt. Der Grund ist: Alle haben wir einen eigenen Körper und vermutlich sogar eine eigene Seele. Man kann sich zwar listig verstellen. Irgendwie entpuppt man sich über kurz oder lang doch als derjenige, der man ist und der man zu sein wünscht.» 

Auch andernorts ist die Identität in Gefahr. Die Modebloggerin Michèle Krüsi (25, Blog «The Fashion Fraction») ist von der Szene nicht nur begeistert: «Eigentlich ist Identität das A und O eines Bloggers. Denn dies ist der Unterschied zu einem Magazin: Ich bin ich! Ein Modeheft wird hingegen von einer ganzen Redaktion gemacht, oft mit wenig Bezug zum Leser.» Aber auch in ihrer Branche bestehe die Gefahr, dass das Geld eine immer grössere Rolle spielt. «Eine Besprechung wird gekauft mit Einladungen und Geschenken. Mir ist es aber wichtig, dass ich meinen Anhängern online genau so echt und ehrlich gegenüberstehe wie meinen Freundinnen im realen Leben.»

Aber sind denn nicht gerade die Mode und ihre Trendsetter etwas, das Persönlichkeit stört? «Kleider machen Leute», sagt Michèle Krüsi. «Dieses Sprichwort ist heute nicht weniger wahr als früher. Wir beurteilen Menschen ganz automatisch auch nach ihrem Äusseren.» Dies gebe uns aber auch Möglichkeiten in die Hand. «Wir können uns bewusst anders kleiden, die Sicht der Menschen auf uns beeinflussen. Im Alltag dürfte allerdings die morgendliche Stimmung der Hauptfaktor bei der Wahl des Kleidungsstils sein.» Womit wir wieder bei der Identität wären, wenn auch nur als Momentaufnahme. Hoffen wir, dass sich der Leute momentane, individuelle Befindlichkeit mit der aktuellen sehr farbenfrohen Herbstmode deckt. 

Halt in Zeiten der Globalisierung

Für den japanischen Botschafter in Bern, Etsuro Honda (62), ist Identität der Fels in der Brandung der Globalisierung. «Für uns Japaner ist unsere Identität ein zentraler Pfeiler. Dies weniger auf individueller Ebene, sondern als Volk. In einer Welt, die immer flacher wird, bleibt die japanische Seele stark. Wir haben nur eine Tradition, ein Volk, eine Sprache. Im Vergleich zur Schweiz mit ihren verschiedenen Sprachzonen ist es für uns auch viel einfacher, diese Einheit zu wahren.» 
Definitiv keine Identitätswirrungen liessen die servierten Häppchen zu. Gurkenrelish und Limonengel, Randenragout und Crevettentoast, Ziegenkäsetortellini und geschmortes Nidwaldner Kalb – kulinarisch wurden von der Küche des KKL wirklich alle Charaktere und Geschmäcker zufriedengestellt.

«Es ist etwas Rebellisches in unserem Identitätskern»

Eröffnungsrede

Am Sommerfestival wirken Flüchtlinge in einer Mozart-Oper mit oder berichten in einem 40-Minuten-Gratiskonzert über ihre Schicksale. Mit Patricia Kopatchinskaja spielt gar ein ehemaliges Flüchtlingskind aus Moldawien als «Artiste Etoile» die erste Geige. 
Die Beispiele zeigen, dass das Lucerne Festival mit seinem Motto immer stärker aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreift. Noch nie war das so ausgeprägt der Fall wie beim diesjährigen Thema «Identität». Dieses mutet zwar zunächst abstrakt an und kann gar als «angeberisch» oder «prätentiös» missverstanden werden, wie der Schweizer Essayist Iso Camartin gestern in seiner brillanten Eröffnungsrede im Konzertsaal des KKL meinte. Aber sein Referat bewies auch: Je gesellschaftlich relevanter ein Festivalthema ist, desto weniger muss in einer Eröffnungsrede einfach nur von Musik die Rede sein.

Identitätsfragen stellen sich zwar in besonderer Art bei Musikern auf Wanderschaft oder Menschen auf der Flucht. Aber sie betreffen jeden von uns. Und damit auch ein Publikum, das – so Camartin zu den Besuchern des Eröffnungsakts – sich im «Genussmodus» chic gemacht hat für ein «schönes Konzert». Ein Publikum also, das «mit sich im Reinen ist», wie Camartins erste Kurzdefinition der Identität lautete.

Auch die Identitätskarte ist kein Ruhekissen

Aber wirklich mit sich im Reinen können nur Menschen sein, «die es fertigbringen, mit der Welt zumindest im Frieden zu leben und diese nicht nach eigenem Gusto und um jeden Preis umkrempeln wollen, ja die bis zu einem gewissen Grad sogar dafür dankbar sind, dass die Welt so ist, wie sie ist». Das aber wäre, so Camartin, «Weltflucht, sogar Weltfremdheit, oder dann Selbstversessenheit und Realitätsverweigerung».

Damit setzt die Identitätsfrage «Begreifst du, wer du bist?» mehr Fragen in Gang, als der Begriff zu beantworten vermag. Ständig im Fluss ist Identität sowieso, weil sie eine individuelle und soziale Dimension hat. Nach einem Modell des Philosophen Jürgen Habermas verändert sie sich auf einer vertikalen Zeitachse mit den entscheidenden Lebensstufen eines Individuums. Auf der horizontalen Raumachse wird die Identität durch die «Zugehörigkeiten eines Individuums zu sozialen Gruppen» bestimmt. Die Schnittstelle zwischen beiden ergibt die «individuelle Einmaligkeit», die uns die «Identitätskarte» amtlich attestiert.

Aber auch sie ist kein «Ruhekissen», das vor «fundamentalen Selbstzweifeln oder gar Identitätsverlust» schützt. Denn die Klärung der Frage, «ob man authentisch lebt – so wie man ist und sein möchte –», wird «vor jeder wichtigen Entscheidung wieder fällig». Die Entscheidung betrifft wesentlich die Frage, ob man sich durch genetische und soziale Vorgaben durchs Leben stossen lasse, oder ob man dieses «gegen die Zumutungen der anderen» selber gestalte. «Es befindet sich etwas Rebellisches in unserem Identitätskern, etwas Eigenwilliges und Trotziges, sogar Unversöhnliches und Freches», rief Camartin aus, «ohne das wir immer noch näher dem Tierreich als der Menschenwürde leben würden».

Verführungsarsenal der Kunst und der Liebe

Damit ist Identität immer ein «Balanceakt». Wohin die «Überforderung, ganz sich selbst sein zu wollen», führt, machte Camartin mit einem Seitenhieb auf «die krankhaften Egozentriker und Selbstbeweihräucher» klar, die es «bis auf die Präsidentenstühle dieser Welt» schaffen. Ein «Zuwenig an Ich-Identität und an Eigenprägung» ortete er dagegen bei heutigen Jugendlichen, die «Geltung und Anerkennung» nur noch «im Kollektiv, im Anschluss an Peergroups und an Gleichgesinnte» fänden.

Die «gute Nachricht» kam in dieser Rede, die Tiefblick mit Alltagsnähe verband, zum Schluss. Wie Menschen durch Zugehörigkeit und gegenseitiges Vertrauen «ihre Identitätsmängel» beheben könnten, beweise «jedes Liebespaar». Und wie man eine Identität weiterentwickeln und dabei doch unverwechselbar sich selbst bleiben könne, zeigten die «Hochformen von Identität», also die Personalstile in Musik und Kunst.

Zur pointierten Sprache kam ein Schuss Schwärmerei hinzu, als Camartin das am Beispiel von Richard Strauss veranschaulichte, den das Festivalorchester unter Riccardo Chailly anschliessend spielte. Vermutlich sei diese Unverwechselbarkeit sogar leichter im künstlerischen Werk als im Leben zu erreichen, «wo wir ja gern unsere Spiele mit Masken und Verstellungen treiben», meinte Camartin schmunzelnd: «Hand aufs Herz: Wer will denn schon von einem anderen Menschen ganz durchschaut werden? Selbst für Liebende sind Geheimnisse ein strategischer Vorrat ihres Verführungsarsenals.»

Urs Mattenberger

  • rogergruetter.com
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Lucerne Festival ist, wenn Bundesräte und andere Prominenz über den roten Teppich defilieren und wenn grosses Geld auf das Sprudeln der Künstler trifft.

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«Identitär» lautet das diesjährige Motto am Lucerne Festival. Damit will die Veranstaltung immer stärker aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreifen. Viele Besucher trafen sich zum ersten Public Viewing am Inseli.


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