Katalanen in Luzern: «Das weckt Erinnerungen an Franco-Zeit»

REFERENDUM ⋅ Die Frage der Unabhängigkeit Katalaniens spaltet das spanische Festland. Das morgige Referendum der Separatisten lässt auch in Luzern kaum einen Iberer kalt.
30. September 2017, 07:40

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Sie sei perplex und auch wütend, dass die Situation so weit eskalieren konnte. Fátima del Olmo (42) ist eine in Nidwalden lebende Madrilenin mit klarer Position, aber auch mit viel Empathie gegenüber den katalanischen Befindlichkeiten. Trotzdem kann sie der Abspaltungsbewegung wie so viele Spanier ausserhalb Kataloniens kaum etwas abgewinnen.

«Das Referendum in dieser Form hat natürlich keine Berechtigung, da es gegen die Verfassung verstösst und somit illegal ist», sagt Fátima del Olmo, die an der Luzerner Dornacherstrasse eine spanische Buchhandlung mit angeschlossener Sprachschule führt. Ihre Wut richtet sich entsprechend gegen die politischen Exponenten vor Ort. Mehr noch sieht sie allerdings die konservative Zentralregierung in Madrid in der Verantwortung: «Sie hat die Situation lange völlig falsch eingeschätzt und nicht auf Dialog gesetzt. Und nun diese Überreaktion, dieses völlig unverhältnismässige Polizeiaufgebot. Wohin soll das führen?», fragt sie sich – und ist damit nicht allein. «Eine meiner katalonischen Freundinnen ist beunruhigt, dass die Situation am Wochenende eskalieren könnte.» Eine andere Freundin breche jeweils fast in Tränen aus, wenn man auf das Thema zu sprechen komme.

«Regierung giesst Öl ins Feuer»

Am Telefon wirkt diese Freundin, Lluisa Garrido (46), dann aber gefasst. Sie ist in Barcelona aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus dem Süden, aus Andalusien. In den Siebzigern zogen sie nordwärts, um in der prosperierenden katalanischen Metropole zu arbeiten. Lluisa Garrido wiederum war später jahrelang in Madrid und Alicante tätig, bevor sie einen Schweizer heiratete und nach Rothenburg zog. «Ich bin also nicht nur Katalanin, sondern auch Spanierin – und zurzeit sehr traurig», gibt sie unumwunden zu. «Vor allem, weil wir das Schwierigste schon geschafft hatten. Nach Francos Diktatur lernten Spanier und Katalanen in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben. Entsprechend gibt es viele gemischte Ehen – auch in meiner Familie.» Das alles sei derzeit zerstört. Schuld sei die Politik, die ein grausames Machtspiel austrage. Auch die Medien sieht sie in der Verantwortung, weil sie die extremen Meinungen überproportional bedienten.

Die aktuellen Bilder der Guardia Civil in Barcelona sind für Lluisa Garrido nur schwer zu ertragen. «Diese korrupte, spanische Regierung ist dermassen arrogant und dumm», ereifert sie sich. Bislang habe es in Katalonien weder Tumulte noch Ausschreitungen gegeben. «Trotzdem lässt die Regierung Militär und viel Polizei auffahren, um eine Abstimmung zu verhindern. Damit giesst sie Öl ins Feuer und weckt Erinnerungen an die Franco-Zeit.» Aufgrund der jüngsten Entwicklung weiss Lluisa Garrido derzeit nicht mehr so recht, was sie von der Abspaltungsidee halten soll: «Ich war total dagegen. Aber wenn Madrid die Waffen sprechen lässt anstatt den Dialog zu suchen, müssen wir vielleicht tatsächlich einen neuen Weg beschreiten.» Sagt’s und verweist auf ihren Schweizer Ehemann: «Er hat selber 13 Jahre in Barcelona gelebt und ist ganz klar für die Abspaltung.»

Aus einer anderen Region, nämlich aus der Gegend bei Vigo, stammt eine 60-jährige Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Als Galizierin habe ich nicht Spanisch als Muttersprache, sondern eben Galizisch; dennoch fühle ich mich durch und durch als Spanierin.» Mit einer möglichen Abspaltung Kataloniens habe sie darum Mühe und rät allen Katalanen, nicht einem populistischen Trend hinterherzurennen: «Schon mein Grossvater sagte: Folge nicht der Herde, sonst machst du am Schluss ‹mäh, mäh›.»

Pathetischer Appell für die Einheit

Weniger rustikal und trotzdem in ähnlichem Sinne äussert sich Padre José Eusebio Sánchez Domínguez. Der Priester der spanischen Mission in Luzern hat in der ­letzten Ausgabe des Pfarrblatts «Gong» ein «Manifesto por la unidad de España» veröffentlicht: Auch er sei als Abkömmling der Kanarischen Inseln Teil einer autonomen Gemeinschaft an der Peripherie Spaniens: «Ja, es stimmt: Wir sind und fühlen ­anders, und es gefällt uns, anders zu sein. Gleichzeitig fühlen wir uns als Teil eines Ganzen, als Teil Spaniens.» Nicht ohne Pathos appelliert er an die Katalanen, sich der jahrhundertelangen gemeinsamen Vergangenheit zu erinnern. «Die Einheit hat uns gross und stark gemacht.» Dem Nationalismus erteilt Padre José eine Absage, weil er ausschliesse statt integriere. Schliesslich widerspricht er der Aussage, Spanien bediene sich bei den Katalanen. Denn der wirtschaftliche Erfolg Kataloniens ebenso wie des Baskenlandes sei nicht zuletzt den Einwanderern aus anderen spanischen Regionen zu verdanken.

Man merkt auch in Luzern: Die innerspanische Krise lässt keinen Iberer kalt. «Übrigens interessieren sich auch meine Schweizer Spanischschüler dafür», sagt Fátima del Olmo. Während der letzten Lektionen habe man kaum über etwas anderes gesprochen. Persönlich hoffe sie, dass in den nächsten Tagen nichts Dramatisches passiere, Gewalt das schlimmstmögliche Szenario sei und nicht zur Realität werde und die Stimmung nicht langfristig zerstört bleibe. «Im Übrigen müssen wir schnellstmöglich zum Dialog zurückfinden.»


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