Die Debatte um Kunststoffrecycling entflammt in Grossdietwil

SONDERSAMMLUNG ⋅ Verbrennen oder verwerten? Die Meinungen über Abfall aus Kunststoff sind geteilt. Der Gemeinderat von Grossdietwil führt nun eine separate Sammlung ein – mit gemischten Gefühlen. Eine Tagung soll Klarheit bringen.
09. Oktober 2017, 04:38

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

In diesen Tagen erhalten die Einwohner von Grossdietwil besondere Post: einen kostenlosen Sammelsack für Kunststoffab­fälle. In diesem können Folien und Plastikflaschen entsorgt werden, aber auch Eier- und Guetzli­verpackungen oder Joghurtbecher. Weitere Sammelsäcke sind im Dorftreff und in der Metzgerei für 2.50 Franken pro Stück erhältlich. Die gefüllten Säcke können bei der Sammelstelle Stahlermatten abgegeben werden. Dies geht aus der aktuellen «Dietler Dorfzytig» hervor.

Nur: Macht das separate Sammeln von Kunststoffen überhaupt Sinn? Die Meinungen sind geteilt. Eine Studie der Zentralschweizerischen Umweltdirektorenkonferenz hat vor zweieinhalb Jahren ergeben, dass sich die Vor- und Nachteile des Sammelns oder Verbrennens die Waage halten (Ausgabe vom 23. Mai 2015).

Gemeinderat zweifelt – Einwohner überzeugt

Zweifel hat auch der Gemeinderat Grossdietwils. Gemeindeammann Josef Müller: «Wir haben schon vor einem Jahr überlegt, eine Kunststoffsammlung einzuführen. Der Gemeinderat kam dann aber zum Schluss, dass über den Nutzen Zweifel bestehen.» Nun werde das Angebot trotzdem eingeführt – auf Wunsch der Einwohner.

Die Sammelsäcke stammen von der Hediger Recycling AG in Büron. Die Kosten würden über die Sackgebühren abgegolten. Vorausgesetzt, es gebe im Werkhof keinen Mehraufwand, entfallen auf die Gemeinde keine Kosten, sagt Müller. Er fügt an: «Ich bin gespannt, ob sich diese Sammlung bewährt.»

Grossdietwil gehört zum Gemeindeverband für Abfallverwertung Luzern-Landschaft (Gall). Dieser forciert wie alle anderen Luzerner Abfallverbände die separate Kunststoffsammlung nicht, wie Geschäftsleiter Bernhard Indergand erklärt. Mit den Abgabestellen für sogenannte PE-Flaschen (etwa von Shampoos) bei den Grossverteilern sei bereits ein gutes Angebot vorhanden. Indergand ist mit der Studie der Zentralschweizer Umweltdirektoren einig: «Eine neue Studie, welche im Auftrag von acht Kantonen, verschiedenen Verbänden und dem Bundesamt für Umwelt durchgeführt wurde, kommt zu einem ähnlichen Schluss.»

Die Nachteile des Kunststoff-Recyclings liegen einerseits bei der breiten Palette der Kunststoffarten. PE ist nicht gleich PET, beide unterscheiden sich auch von Tetrapacks. Diese Stoffe zu sortieren, bedeutet einen grossen Aufwand. Oder wie es der Bund ausdrückt: «Dem verhältnismässig kleinen ökologischen Nutzen stehen hohe Kosten gegenüber.» Auf der anderen Seite haben die erdölhaltigen Kunststoffe einen ­höheren Brennwert als übriger Abfall, was besonders neuen, effizienten Anlagen wie der Renergia in Perlen zusätzliche Energie liefert: Die Stromproduktion läuft damit auf höheren Touren. «Nicht zuletzt aufgrund der tiefen Erdölpreise ist das Recyceln von Kunststoffen für die abnehmende Industrie in den letzten Jahren weniger attraktiv geworden», wie auch Gall-Geschäftsleiter Bernhard Indergand sagt. Bei der ­Hediger Recycling AG war am Freitag niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Was die aktuelle Studie der Kantone, des Bundes und der Verbände jedenfalls rät, ist: Bei der Kunststoffverwertung sollten Insellösungen vermieden werden, weil sie nicht effektiv sind. Nun gibt es im Kanton Luzern zumindest eine solche Insellösung. Robert Schnyder, Teamleiter Abfallbewirtschaftung bei der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie, kennt das Problem. «Separatabfälle, zu denen Kunststoffe gehören, sind in der Regel Sache der Gemeinden», sagt Schnyder. Da habe auch der Kanton keinen Einfluss. Einzige Ausnahme sei der Abfallverband Real rund um Stadt und Agglomeration Luzern. Dieser ist auch für Separatabfälle zuständig.

Die Debatte rund um die Kunststoffsammlung brennt also weiter. Immerhin: Am 14. November findet ein Treffen zwischen Kantonen, Gemeindevertretern, dem Bund, Branchenverbänden und Kunststoffverwertern statt. Das Ziel: Eine gemeinsame Stossrichtung definieren, wie mit Kunststoffabfällen künftig umgegangen werden soll.


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