Den Tod ins Leben integrieren

SEELSORGE ⋅ Immer mehr Menschen werden im engsten Familienkreis beigesetzt. Durch diese «Privatisierung» des Sterbens könnten Chancen für die Trauerarbeit verloren gehen, finden zwei Seelsorgende aus Luzern.
13. April 2018, 08:14

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die Gesellschaft ist im steten Umbruch. Teil dieses Umbruchs – insbesondere in der westlichen Gesellschaft – ist das wachsende Bedürfnis nach Individualität, wenn nicht gar Anonymität. Diese Tendenz zur Individualisierung ist selbst im Bereich Tod und Bestattung immer ausgeprägter, was auch die Seelsorge vor neue Herausforderungen stellt. Von einer «Privatisierung des Abschiednehmens» etwa redet Herbert Gut, Seelsorger und Gemeindeleiter der Pfarrei St. Johannes in Luzern. Seine Erfahrung zeigt, dass immer mehr Menschen vor ihrem Ableben verfügen, dass ihr eigenes Begräbnis nur im engsten Familienkreis stattfinden soll. Vermehrt wird auch der Wunsch ausgedrückt, dass niemand vom Tod der Person erfahren soll oder erst im Nachhinein. «Man darf sich aber guten Gewissens fragen, ob es richtig ist, ganz allein über sein Begräbnis zu bestimmen», sagt Herbert Gut und gibt zu bedenken: «Wichtig ist herauszufinden, wer welche Bedürfnisse hat.» Damit denkt er in erster Linie an die Familienangehörigen, aber auch an Freunde und gute Bekannte, denn ist der Wunsch des Verstorbenen ausdrücklich eine stille Beisetzung, so könne das für die Hinterbliebenen eine Belastung sein.

Dies weiss auch Verena Sollberger aus Erfahrung. Die Seelsorgerin und Pfarrerin der Luzerner Lukaskirche hält fest, dass eine Trauerfeier letztendlich nicht nur für die verstorbene Person, sondern genauso für diejenigen gedacht ist, welche im Leben des Verblichenen eine Rolle gespielt haben. «Selbst im letzten Willen sollte man ein gewisses Mass an Rücksicht walten lassen, zumal das Abschiednehmen ein wichtiger Teil der Trauerbewältigung darstellt», betont Verena Sollberger. Auch dürfe eine Verfügung des Verstorbenen hinterfragt werden, wenn bei den Hinterbliebenen tiefe Gewissenskonflikte entstehen. «Dann sollte man einen Weg suchen, der die Bedürfnisse beider Seiten gleichermassen respektiert.»

Emotionaler Kraftakt

Der Wunsch nach einer stillen Beisetzung darf auch dann in Frage gestellt werden, wenn er von den Familienangehörigen kommt. Durch den Ausschluss von Freunden und Bekannten bleibt diesen ein wichtiger Weg der Verarbeitung verwehrt. «Zum einen ist den Angehörigen oft nicht bewusst, mit wie vielen Menschen der Verstorbene im Leben zu tun gehabt hat. Menschen, die ihm auch gerne die letzte Ehre erweisen würden», so Verena Sollberger. «Zum anderen kann die Erkenntnis, dass viele Freunde und Bekannte am Tod eines geliebten Menschen Anteil nehmen, für die Angehörigen eine Kraftquelle sein.» Denn nicht nur für sie seien Trauer und Schwere der Situation am Grab umso bedrückender, je weniger Menschen der Bestattung beiwohnen, sondern auch für die Seelsorgenden könne es zum emotionalen Kraftakt werden.

Herbert Gut und Verena Sollberger wissen auch, dass manche Angehörige darauf verzichten möchten, dass ihnen am Grab kondoliert werde. Dafür haben sie durchaus Verständnis, weisen aber darauf hin, dass das Kondolieren, sprich das ausgesprochene Anteilnehmen, eine Tradition mit nicht zu unterschätzender Wirkung ist. «Das muss nicht mal mit einem Händedruck geschehen. Oft reicht ein Augen-Blick oder einfach die Präsenz in Zeiten der Trauer», sagt Herbert Gut hierzu. «Kondolieren heisst den Schmerz teilen. Wenn eine grössere Gemeinschaft die Last der Trauer zusammen trägt, hat dies oft eine sehr trostvolle und kraftvolle Wirkung auf die Trauernden.» Dies könne vielleicht gerade in unserer Zeit wieder neu entdeckt und geschätzt werden.

Ein weiteres Tabuisieren des Sterbens

Worin aber gründet dieser immer häufiger geäusserte Wunsch nach einer stillen Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Die Seelsorger sehen ganz unterschiedliche mögliche Ursachen. Nicht nur können – abgesehen vom Respekt gegenüber dem letzten Willen des Verstorbenen – eine emotionale Überforderung der Hinterbliebenen oder auch schwierige Familienverhältnisse dafür verantwortlich sein, häufig spielen auch Scham für Trauer und Tränen in der Öffentlichkeit oder der in dieser Situation öfters verengte Blick auf die eigenen Bedürfnisse eine Rolle.

Durch die «Privatisierung» von Tod und Begräbnis befürchten die Seelsorger ein weiteres Tabuisieren des Sterbens. «Der Tod soll ins Leben integriert werden», findet Herbert Gut.«Die Konfrontation mit der Endlichkeit trägt in sich die Chance, dass man sich bewusst wird, was wirklich wichtig ist im Leben.» Überdies sei der Mensch – auch wenn er ein Individuum ist – Teil der Gesellschaft. So sei auch das Menschenbild der Kirche. «Und diesem christlichen Menschenbild entspricht die ‹Vereinzelung› nicht», sagt Gut, und Verena Sollberger fügt an: «Hinter dem Abschiednehmen steckt letztendlich auch ein theologischer Gedanke: der stärkende gemeinsame Glaube innerhalb der christlichen Gemeinschaft.»

Gangbare Wege finden

Die beiden Seelsorgenden möchten die Menschen einladen, bei der Beisetzung einer verstorbenen Person die Öffentlichkeit nicht auszuschliessen, sofern es die Umstände zulassen. Und noch wichtiger: «Es ist empfehlenswert, in der Familie frühzeitig miteinander über die jeweiligen Bedürfnisse zu reden. Bei Unsicherheiten stehen wir örtlichen Seelsorgenden gerne beratend zur Seite. Im Gespräch zeigen sich oft gangbare Wege, wie die verschiedenen Wünsche berücksichtigt werden können.»


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