Entscheid für Siegerprojekt an der Kapellgasse fiel einstimmig

LUZERN ⋅ Der geplante Neubau an der Kapellgasse 4 bleibt umstritten. Dessen Ausgestaltung sei eine sehr spezielle Aufgabe – nicht nur für Luzern, sagt der Stadtarchitekt.
03. Oktober 2017, 05:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Das Gebäude an der Kapellgasse 4 in der Luzerner Altstadt, in dem heute das Modegeschäft C&A eingemietet ist, soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Die Bauherrschaft, das in Deutschland und der Schweiz tätige Immobilienunternehmen Newport, hat in Absprache mit der Stadt und einer Jury sieben Architektenteams zu einem Projektwettbewerb eingeladen. Sieger wurde das Projekt «Nocturne» der Zürcher Architekten Joos&Mathys, wie der uns vorliegende Jurybericht zeigt (Ausgabe vom 14. September). Das Siegerprojekt muss aber noch optimiert werden. Unter anderem geht es dabei um die Dachlukarnen; deren Volumen wird von der Jury als «massig» bezeichnet. In einer nicht repräsentativen Umfrage unserer Zeitung kam das Siegerprojekt nicht gut an (Artikel vom 14. September »).

Wir befragten nun den Luzerner Stadtarchitekten Jürg Rehsteiner und die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder (beide Mitglieder der Jury) zu den speziellen Herausforderungen beim Planen eines Neubaus mitten in der Luzerner Altstadt.

Wie anspruchsvoll ist die Aufgabe, für diese städtebauliche Lage einen passenden Neubau zu entwickeln?

Grünenfelder: Es handelt sich um eine städtebaulich und architektonisch äusserst anspruchsvolle Aufgabe. Aus diesem Grund wurde ein entsprechendes Wettbewerbsverfahren durchgeführt. Das Preisgericht hat sich letztendlich übrigens einstimmig für das Projekt «Nocturne» ausgesprochen.

Rehsteiner: Ein Neubau im Kontext der Kern-Altstadt ist tatsächlich eine sehr spezielle und – nicht nur für Luzern – sehr seltene Aufgabe. Die Aufgabe und die Vorgehensweise wurden deshalb mit der Bauherrschaft im Vorfeld über lange Zeit und intensiv diskutiert. Für die Stadt war von Anfang an klar, dass, wenn neu gebaut wird, ein Konkurrenzverfahren zwingend ist. Entsprechend wurden das Beurteilungsgremium besetzt und qualifizierte Architektenteams eingeladen.

In anderen ortsbildgeschützten Zonen, etwa an der Obergrundstrasse, wehrte sich die Denkmalpflege gegen den Abriss bestehender Gebäude und gegen Neubauten (siehe Kasten unten). Nun soll an prominentester Lage in der Altstadt ein massig wirkender Neubau möglich sein. Widerspricht sich die Denkmalpflege da nicht?

Grünenfelder: Das heutige Gebäude an der Kapellgasse ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (Isos) als störend eingetragen. Für allfällige Neubauten in der Ortsbildschutzzone A gelten natürlich höchste Anforderungen. Deshalb wurde auch ein Wettbewerbsverfahren mit einer namhaften Fachjury durchgeführt.

Rehsteiner: Auch in der Schutzzone A sind Neubauten ausnahmsweise und unter Bedingungen möglich. Und zwar dann, wenn ein Bau nicht dem Sinn und Zweck der Schutzzone entspricht. Diese Bedingung ist im Fall des Gebäudes an der Kapellgasse 4 erfüllt. Das Gebäude von 1965 ist im Isos als störend verzeichnet.

Was ist der Unterschied zwischen den städtebaulichen Situationen an der Obergrundstrasse und an der Kapellgasse?

Grünenfelder: Die städtebaulichen Situationen sind sehr verschieden. In der Altstadt (Schutzzone A) hat es eine mittelalterliche Parzellen- und Wegstruktur, parallel zur Reuss verlaufende Gassenräume mit kleineren Quergässchen sowie eine geschlossene Bauweise. An der Obergrundstrasse (Schutzzone B) handelt es sich um ein Villenquartier mit grosszügigen Gärten und Einzelbauweise.

Die Bevölkerung ist sehr interessiert am Neubauprojekt. Wie kann man die Anliegen der Stadtbewohner am besten in die Ausgestaltung des Projekts einbeziehen?

Rehsteiner: Vertreter aus dem Quartier waren eingebunden und in der Vorphase und im Wettbewerb mit involviert. (Pierre Rügländer, Präsident des Quartiervereins Altstadt, war Mitglied des Sachpreisgerichts, Anm. der Red.)

Hätte man anstelle des vom Bauherrn durchgeführten Wettbewerbs mit nur sieben Teilnehmern nicht besser einen offenen Wettbewerb unter der Ägide der Stadt und der Denkmalpflege mit mehr Teilnehmern durchgeführt?

Grünenfelder: Es ist richtig und wichtig, dass ein qualifiziertes Wettbewerbsverfahren durchgeführt wurde. Es liegt am privaten Grundeigentümer, ob er bereit ist, ein offenes Verfahren durchzuführen.

Rehsteiner: Für die Stadt ist es in so einem Fall wichtig, dass in einem (begrenzten) Verfahren trotzdem die wichtigen «Spielregeln» eingehalten werden und die Qualität sichergestellt ist. Ebenso entscheidend ist, dass auch ein entsprechend qualifiziertes Teilnehmerfeld und ein qualifiziertes Beurteilungsgremium dabei sind. Das war in diesem Verfahren sicher der Fall.

Viele bezeichnen das heutige Gebäude an der Kapellgasse als «hässlichen Betonblock». Andere finden es gar nicht so schlecht. Ihre Meinung?

Rehsteiner: Das Gebäude mit Baujahr 1965 ist ein Vertreter seiner Zeit. Damals wurde der Ausdruck des Neuen, Zeitgemässen sicher viel höher gewertet als die Rücksichtnahme auf den historischen Bestand.

Braucht es überhaupt einen Neubau? Könnte man das Gebäude nicht einfach stehen lassen?

Grünenfelder: Für dieses Gebäude gilt selbstverständlich die Bestandsgarantie. Das heutige Gebäude ist nicht von denkmalpflegerischem Interesse. Vor diesem Hintergrund entscheidet die Eigentümerschaft, wie sie im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten mit dem Gebäude umgeht.

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