Der tiefe Fall eines Ex-CVP-Grossrats

BERN/HINTERLAND ⋅ Für die CVP sass der heute 53-jährige Mann einst im Luzerner Grossen Rat. Am 16. Oktober muss er sich nun vor dem Berner Wirtschaftsstrafgericht verantworten. Der Ex-Politiker wird verdächtigt, gewerbsmässig betrogen zu haben.
08. Oktober 2017, 07:52

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Die 71-jährige Frau nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie über ihren Neffen spricht: «Er ist ein durchtriebener Lügner.» Das ist ein hartes Urteil und bezieht sich auf einen Mann, der einst im Luzerner Hinterland bei einem grossen Teil der Bevölkerung hohes Ansehen und Respekt genoss. Denn der Bauernsohn sass in den 1990er-Jahren für die Christdemokraten im Grossen Rat, wie das Luzerner Kantonsparlament damals noch hiess.

Auch beruflich stand der Hinterländer seinen Mann. Er machte Karriere als Gantrufer. In jenem Beruf also, bei dem sich die Erfolgreichen als Schnelldenker auszeichnen und aufgrund ihrer Eloquenz vereinzelte Radioreporter wie Stotterer aussehen lassen. Das sind längst vergangene Zeiten. Gemäss der Tante begann die Talfahrt des Ex-CVP-Parlamentariers vor rund elf Jahren. Damals erbte der Mann den Bauernhof seines Vaters. Ab diesem Zeitpunkt sei ihm offenbar die Arbeitsmoral etwas abhandengekommen. Denn laut der Pensionärin habe sich der damals 42-Jährige nach der Handänderung wie «ein Pascha» aufgeführt. Die Rolle des Bruder Leichtfusses sollte dem jungen Mann fortan aber nicht gut bekommen. Denn die Liegenschaft in hügeliger Lage ist längst nicht mehr im Besitz des einst ehrbaren Bürgers und der Verkaufserlös wohl längst aufgebraucht. Auch wohnt der Mann seit Jahren nicht mehr in der Napfregion. Anfänglich verschlug es ihn in den Kanton Solothurn. Später dislozierte er in den Thurgau, genauer nach Mattwil, wo er bis vor wenigen Monaten einen Reitstall betrieb. Die Besitzerin des Unternehmens erzählt: «Am 1. Juni wurde er polizeilich weggewiesen.» Der Grund: Ausstehende Mietzinszahlungen von mehreren zehntausend Franken.

Das Schuldenmachen scheint im Leben des ausgewanderten Luzerners in den vergangenen Jahren zu einer Konstante geworden zu sein. So jedenfalls beurteilt das die Berner Staatsanwaltschaft. Sie hat gegen den Mann Anklage erhoben, und zwar vor dem Wirtschaftsstrafgericht. Am 16. Oktober beginnt dort der Prozess. Dem gebürtigen Hinterländer wird unter anderem Folgendes vorgeworfen: Verdacht des gewerbsmässigen Betrugs. Die Deliktsumme wird mit 1,5 Millionen Franken beziffert. Dazu kommt mehrfache Urkundenfälschung.

Wie es mit dem Kiesabbau weitergeht, ist offen

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, sagt der Mann, für den die Unschuldsvermutung gilt, die Forderungen würden sich lediglich auf rund 700 000 Franken belaufen. Und während des Prozesses werde er auch andere Anklagepunkte entkräften. Wie immer der Prozess auch ausfallen wird. Fest steht: Der heute als Bereiter tätige Mittfünfziger hat über Jahre zig Bekannten und Freunden sehr viel Geld abgeluchst. Wie die «Zentralschweiz am Sonntag» bereits im Mai 2016 berichtete, versprach der alt Grossrat seinen Geldgebern stets hohe Zinsen. Was die Rückzahlung der Schulden betraf, stellte der Mann immer in Aussicht, er werde dereinst grosse Einkünfte aus dem Kiesabbau generieren. Also Erlöse aus dem Verkauf von Rohmaterial von jener Liegenschaft, die er längst veräusserte.

Dieser Umstand bedeutet allerdings noch nicht abschliessend, dass der Angeklagte dereinst gar kein Geld aus dem Kiesabbau erhalten wird. Die «Zentralschweiz am Sonntag» sprach in diesem Zusammenhang mit einem Experten, der die Situation vor Ort sehr gut kennt. Und dabei stellt sich heraus, dass sich die Verhältnisse äusserst kompliziert präsentieren. Ohne an dieser Stelle auf die Details einzugehen, zeichnet sich im Vorfeld des Abbaus von zirka 120 000 Kubikmeter Kies eine zähe und langwierige juristische Auseinandersetzung ab. Denn abbauberichtigt sind zwei verschiedene, voneinander völlig unabhängige Firmen. Weiter ist unklar, ob der Luzerner Ex-Grossrat beim Verkauf der Liegenschaft tatsächlich vertraglich hieb- und stichfest vereinbart hat, dass ihm die Gelder aus dem Kiesabbau dereinst auch zufliessen werden. Kommt hinzu, dass der ehemalige Reitstallbetreiber auch noch eine Schwester hat. Diese wird wohl nicht freiwillig auf das Kiesgeld von insgesamt zirka 800 000 Franken verzichten wollen.


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