Deshalb stösst O-Bike auf Skepsis

VELOVERLEIH ⋅ Private Anbieter von Leihvelos drängen auf den Schweizer Markt. Chaotische Zustände wie im Ausland sind weitgehend ausgeblieben – weil die Städte zurückhaltend sind. Doch viele zeigen sich offener als Luzern.
06. Dezember 2017, 05:00

Eine gelb-graue Welle hat weltweit zahlreiche Städte überrollt. Praktisch über Nacht wurden die Mietvelos des Singapurer Start-ups O-Bike in Grossstädten verteilt. Diese können per Smartphone-App ausgeliehen werden und – anders als bei herkömmlichen Leihvelos – an einem beliebigen Standort abgestellt werden. Von der O-Bike-Offensive überrascht wurde etwa München, wo die Zahl der Velos von anfänglich 350 schnell auf 1000, dann auf 4000 und schliesslich auf 7000 gestiegen ist. Der Leiter des operativen Geschäfts von O-Bike in Deutschland musste in der Folge als Krisenmanager agieren.

Von solchen Zuständen ist man in der Schweiz weit entfernt, obwohl es auch hier Negativschlagzeilen gab. So entstand in Luzern kurzzeitig Hektik, als mehrere Anbieter Interesse zeigten. Die Stadt konnte in letzter Minute intervenieren. Inzwischen ist klar: Die Stadt bewilligt neben Nextbike vorerst keinen weiteren Veloverleih und will ein Konzept zur Veloförderung ausarbeiten (Ausgabe 29. November).

Luzern ist in vielerlei Hinsicht einzigartig

Frühestens 2019 sollen dann die Lizenzen für den Veloverleih ausgeschrieben werden. Berücksichtigt wird wohl nur ein Anbieter, wie der Stadtrat durchblicken lässt. «Die Platzknappheit spricht eher für einen Bewerber», sagte Verkehrsdirektor Adrian Borgula (Grüne) am 29. November in unserer Zeitung. Möglich wäre aber eine Art Arbeitsteilung, bei der eine Firma nur Elektrovelos anbietet und die andere nur herkömmliche Velos.

Mit ihrem Vorgehen ist die Stadt Luzern in vielerlei Hinsicht einzigartig. Dies etwa, weil es mit Nextbike – anders als in den Grossstädten Bern und Zürich – bereits einen offiziellen Veloverleih gibt. Und dieser ist für die Luzerner erst noch gratis. In Zürich und Bern wird es erst ab nächstem Frühling einen offiziellen Veloverleih geben. Beide Städte setzen auf das Produkt Publibike der Post. Hier fährt die Stadt Luzern also voraus.

Hinterher hinkt sie hingegen bei der Zulassung des Free-Floating-Verleihs, wie das Geschäftsmodell von O-Bike und Co. genannt wird. Ganz unbürokratisch hat etwa Winterthur entschieden, dass O-Bike bis zu 150 Velos in der Stadt verteilen kann. Bei mehr Velos wird eine Gebühr fällig. Auch Zürich lässt O-Bike – mit Auflagen – gewähren. Unter anderem wird vorgeschrieben, dass die Mietvelos nicht mehr als 10 Prozent der Plätze in den grossen Parkierungsanlagen einnehmen dürfen. Anders als in Luzern sieht man in Zürich den Free-Floating-Verleih als Ergänzung zum offiziellen Veloverleih mit fixen Standorten. Auch in Bern will man O-Bike zulassen und betont ebenfalls, dass das Singapurer Produkt das eigene Angebot sinnvoll ergänzen soll.

In Basel lässt man sich noch alle Möglichkeiten offen. Dort will man die Erfahrungen in anderen Städten abwarten und dann über die Zukunft von O-Bike entscheiden. Die Behörden schliessen aber nicht aus, neben dem Verleihsystem mit fixen Standorten auch den Free-Floating-Verleih zuzulassen.

Sicherheitsbedenken im Netz und auf dem Velo

Ob Luzerns Zurückhaltung gegenüber den modernen Verleihsystemen ohne fixe Standorte für die Bevölkerung ein Nachteil ist, darüber lässt sich streiten. Zwar ist es unbestritten für die Nutzer einfacher, wenn sie das ausgeliehene Velo nicht an einem bestimmten Ort abstellen müssen. Allerdings wird die Qualität der O-Bikes, auch der Bremsen, von den Nutzern oft bemängelt. Und nicht selten werden die Velos in Flüssen oder Bäumen entsorgt. Selbst im Zürcher Stadthaus hat man Zweifel, ob das Unternehmen längerfristig auf dem Markt bestehen kann. Zudem machte kürzlich der Bayerische Rundfunk Sicherheitsmängel im Internet publik. Ende November berichtete der Sender, dass die Nutzerdaten bis vor kurzem im Internet frei zugänglich gewesen sind.

 

Christian Glaus

christian.glaus@luzernerzeitung.ch


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