Junge Erwachsene verlieren sich in der virtuellen Welt

STADT LUZERN ⋅ Sie sitzen Tag und Nacht vor dem Computer und sind nicht fähig, auf eigenen Beinen zu stehen: Bei Jungen stellt die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde diesen Trend immer häufiger fest – und appelliert an die Eltern.
29. Juli 2017, 08:27

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Das Problem, mit dem sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zunehmend beschäftigen muss, lässt sich am ehesten mit Game-Sucht beschreiben. Davon betroffen sind junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren, die meist noch zu Hause wohnen und über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen. Statt sich um ihre Zukunft zu kümmern, verbringen sie Stunden vor dem Computer und flüchten sich in die virtuelle Welt. In solchen Fällen ordnet die Kesb eine Begleit- oder auch Vertretungsbeistandsschaft an. Auf diesen neuen Trend wies die Behörde kürzlich an einer Medienkonferenz hin (Ausgabe vom 14. Juni).

In der Stadt Luzern sind es derzeit ungefähr 50 junge Männer, die aus diesem Grund einen Beistand erhalten, wie Angela Marfurt, Präsidentin der Kesb Stadt Luzern, sagt. Wie viele es in Vorjahren waren, ist nicht bekannt, die Kesb bestätigt jedoch eine Zunahme in den letzten Jahren. Weil die digitale Generation zusehends das Erwachsenenalter erreicht und die Schulzeit mit geordneten Strukturen hinter sich lässt, dürfte die Zahl in Zukunft weiter ansteigen. Marfurt betont: «Die Kesb wird nur aktiv, wenn jemand wegen dieser Sucht sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, seine Ausbildung vernachlässigt und darum im Arbeitsmarkt nicht Fuss fassen kann. Wenn hingegen jemand, der sonst auf eigenen Beinen steht, seine gesamte Freizeit mit Gamen verbringt, so ist das seine Sache.»

Viel Freizeit verstärkt die Abhängigkeit

Bei Frauen sei eine Game-Sucht zwar kaum ein Thema, dafür stelle bei ihnen vermehrt die Abhängigkeit vom Handy ein Problem dar. Dass viele die Sucht nicht in den Griff bekommen und manchmal jahrelang finanziell von den Eltern abhängig bleiben, weiss Berufsbeiständin Astrid Estermann aus Erfahrung. Sie ist zudem Bereichsleiterin des Erwachsenenschutzes der städtischen Kesb. «In der Regel sind die jungen Männer gesund und intelligent. Aber in der virtuellen Welt können sie sich teilweise völlig verlieren. Dabei spielt nicht selten auch Cannabis eine Rolle.» Die Konsequenz davon: Schulabstinenz, Lehrabbrüche – und sehr viel Freizeit, um noch tiefer in die Abhängigkeit zu sinken.

Im Extremfall kann sich das laut Angela Marfurt wie folgt auswirken: «Einer unserer Klienten sass immer in seinem abgedunkelten Zimmer, wusste nicht, ob Tag oder Nacht ist, und spielte dann am Band Online-Games mit Spielern irgendwo auf der Welt. Das Zimmer verliess er nur, um mal auf die Toilette zu gehen oder sich in der elterlichen Küche etwas zu essen zu holen.» Dass es so weit kommen kann, rührt laut Marfurt daher, dass die Eltern ein solches Familiensystem häufig mittragen – und zwar nicht unbedingt, weil sie schlechte Eltern sind. «Die Konfrontation mit dem erwachsenen Sohn zu suchen, ist in einer solchen Situa­tion natürlich alles andere als einfach.» Denn meistens falle die Antwort aggressiv oder ignorant aus. Und so würden es die Eltern irgendwann bleiben lassen. «Sie trösten sich dann damit, dass sie ihr Kind immerhin zu Hause in Sicherheit wissen statt irgendwo auf der Strasse und mit Drogen», so Marfurt.

Im äussersten Fall droht die Fremdplatzierung

Um zu verhindern, dass die jungen Männer irgendwann zu Sozialfällen werden, versucht die Kesb, diese familiären Strukturen aufzubrechen und die Eltern zu unterstützen. «Bei Minderjährigen können wir einen solchen Unterbruch notfalls mit einer Fremdplatzierung erreichen», erklärt Marfurt. Bei mündigen Erwachsenen bestehe diese Möglichkeit nicht mehr. Dann sei der Handlungsspielraum der Kesb eingeschränkt: «Wir können ­einen Beistand einsetzen, der die Jungen motiviert und allenfalls den Kontakt zu spezifischen Beratungsstellen herstellt.» Das Ziel sei dabei immer, dass die jungen Erwachsenen «ihr Leben selbstständig führen, gestalten und finanzieren können».

Im Gegensatz zu den Beratungsstellen verfügt die Kesb laut Astrid Estermann jedoch noch über eine weitere Kompetenz: Ein Beistand kann wenn nötig das Taschengeld der jungen Erwachsenen verwalten und hat so ein Druckmittel in der Hand. «Das hilft manchmal – und sei es, wenn der Computer kaputt geht und der Betroffene dann realisiert, dass er mit seinen 28 Jahren selber keinen neuen kaufen kann», sagt sie. Viele der Jungen seien dabei durchaus willens, ihr Leben zu verändern. Denn zufrieden sind sie ab einem gewissen Zeitpunkt meistens nicht. Doch selbst dann geschieht das nicht einfach von heute auf morgen. Estermann: «Bis eine Besserung eintritt, kann es bis zu mehreren Jahren dauern.»


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