«Die Kesb sollten umbenannt werden»

LUZERN ⋅ Den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden weht seit ihrer Einführung ein steifer Wind entgegen. Die Luzerner Expertin Diana Wider stellt fest, dass einzelne Kesb in der Vergangenheit unsensibel waren. Sie plädiert für einen Imagewechsel.
02. Juli 2017, 04:39

Bürokratisch, teuer, viel zu weit weg von den Betroffenen: Die Kesb ist seit ihrer Einführung 2013 in Rekordzeit zur umstrittensten Behörde der Schweiz geworden. Alle paar Monate macht eine neue Schreckensgeschichte die Runde, die deren Inkompetenz beweisen soll.

Wie aber steht es wirklich um deren Arbeit? Wenn eine das weiss, ist das Diana Wider. Die Juristin und Sozialarbeiterin ist nicht nur Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, sondern auch die Generalsekretärin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz, kurz Kokes. Diese nationale Organisation verbindet die kantonalen Aufsichtsbehörden miteinander.

Die schwierigen Anfänge der Kesb waren Thema eines Referats, das Wider kürzlich in Zürich hielt. «Einzelne Kesb waren in der Vergangenheit unsensibel», sagte sie klar und deutlich. Dabei komme gerade dem Umgang mit Angehörigen eine grosse Bedeutung zu. Als Knackpunkt und gleichzeitig «umstrittensten Artikel» bezeichnet Wider den Art. 420 im neuen Zivilgesetz. Dieser regelt den Einbezug von Ange­hörigen. Früher gingen die Behörden automatisch davon aus, dass die Eltern grundsätzlich in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen – auch über deren Volljährigkeit hinaus. Das hat sich mit dem neuen Gesetz geändert. Die sogenannte «erstreckte elterliche Sorge» gibt es nicht mehr. Stattdessen werden Eltern heute als Beistände eingesetzt – oft mit den weitgehend gleichen Pflichten wie Berufsbeistände.

Jeder Kanton machte es anders

Zwar ist es gemäss Gesetz möglich, Familienangehörige von der Inventarpflicht, der Berichterstattung und der Rechnungsablage zu entbinden. Nur wurde dies in den Kantonen gemäss Wider bislang sehr unterschiedlich gehandhabt. Im Gesetz heisst es, «Entbindungen» seien möglich, «wenn Umstände es rechtfertigen». Manch eine Kesb interpretierte diese Formulierung dahingehend, dass bei der Gewährung von Erleichterungen grosse Zurückhaltung an den Tag gelegt werden sollte. So gerieten die Behörden in die Kritik, weil sie es mit den Formalitäten übertrieben genau nahmen – und die Kosten entsprechend stiegen. Um die Praxis zu vereinheitlichen, erarbeitete die Kokes unter der Führung von Wider Grundsätze, nach denen sich nun die Kesb schweizweit richten sollen. Das bestätigte Ende März auch der Bundesrat. Konkret heisst es im Merkblatt:

  • In erster Linie kommen Angehörige in Betracht, wenn es darum geht, dass ein Beistand eingesetzt werden soll. Eltern werden – wenn keine gewichtigen Gründe dagegen sprechen – gemeinsam als Beistände eingesetzt.
  • Es wird immer geprüft, ob Angehörige als Beistände teilweise von ihren Pflichten entbunden werden können. In der Regel werden Erleichterungen gewährt. Dies fordert zudem eine parlamentarische Initiative von CSP-Nationalrat Karl Vogler (OW), welche diese Woche von der zuständigen Kommission des Nationalrats gutgeheissen wurde.
  • Es ist möglich, dass statt eines ausführlichen Berichts über die Entwicklung des Betroffenen ein einfacher Fragebogen ausgefüllt wird. Auch soll die mündliche Berichterstattung möglich sein.
  • Nach Möglichkeit soll auf Gebühren verzichtet oder der tiefstmögliche Ansatz gewählt werden.
  • Statt formellen Verfügungen sollen wenn möglich normale Briefe verschickt werden.

Gegenüber den Fachleuten, die das vom «Europa Institut» organisierte Referat besuchten, bekannte sich Diana Wider zudem zu einer einfacheren Kommunikation mit Betroffenen und Angehörigen. «Die Kokes macht sich stark dafür, dass vermehrt mündlich kommuniziert wird.»

Kesb als Schutz-, nicht als Kontrollbehörde

Bei aller Kritik am Einbezug von Angehörigen dürfe man aber eines nicht vergessen, so Wider: «Die Kesb muss die Interessen der betroffenen Person vertreten – nicht diejenigen der Angehörigen.» Denn die Bedürfnisse von bebeiständeten Menschen seien nicht immer deckungsgleich mit denjenigen der Familie. Das Ziel sei, dass die Kesb als Schutz- und Unterstützungsbehörden wahrgenommen werden – und von ihrem Image als Kontrollbehörde wegkommen. «Möglicherweise braucht es einen entsprechenden Namenswechsel, um diesen Imagewechsel zu vollziehen», sagte Diana Wider mit einem ­Augenzwinkern.

 

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch


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