Die Spitex bittet zur Kasse

RONTAL ⋅ Wer die Spitex zum Kochen und Putzen braucht, muss in einigen Rontaler Gemeinden ab nächstem Jahr massiv mehr bezahlen – ausser er verdient nicht mehr als 30'000 Franken im Jahr.
01. Dezember 2017, 05:00

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Putzen, Waschen, Einkaufen, Mittagessen kochen: Viele Senioren oder pflegebedürftige Menschen können diese Aufgaben nicht mehr selber erledigen. Deshalb springt hier die Spitex ein, welche neben der Pflege auch hauswirtschaftliche Leistungen anbietet. Im Kanton Luzern galt bisher die Regel, dass sich Klient und Gemeinde nach einem fixen Verteilschlüssel an den Kosten beteiligen. In den Rontaler Gemeinden funktioniert dies zum Beispiel so: Der Klient zahlt 39 Franken pro Stunde, die Gemeinde legt 35 Franken drauf.

Doch nun hat die Spitex Rontal plus eine gewichtige Änderung beschlossen: Der Kostenanteil der Klienten wird künftig je nach Einkommen variieren. Ab 2018 gilt der 39-Franken-Tarif nur noch für Klienten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 30'000 Franken. Alle anderen zahlen mehr. Der Betrag steigt über mehrere Stufen bis zum Maximaltarif von 74.50 Franken, der für all diejenigen gilt, die mehr als 80 000 Franken im Jahr verdienen. Das Vermögen wird dabei zu 5 Prozent ebenfalls angerechnet. Diese einkommensabhängigen Tarife für Hauswirtschaftsleistungen sind im Kanton Luzern ein Novum. Auch im Rontal war die Einführung höchst umstritten. Deshalb beteiligen sich nur fünf von zehn Trägergemeinden der Spitex Rontal am neuen System: Die variablen Tarife gelten ab 2018 in Ebikon, Dierikon, Root, Inwil und Honau. Die Gemeinden Adligenswil, Udligenswil, Buchrain, Gisikon und Meierskappel bleiben dagegen beim alten Modell mit dem Einheitstarif.

Flexible Tarife – wie in den Kindertagesstätten

Mit der höheren Kostenbeteiligung der Klienten wollen die Gemeinden das stetige Wachstum der Gesundheitskosten eindämmen. Der Ebikoner Sozialvorsteher Andreas Michel (parteilos) erklärt, dass man mit einer Flexibilisierung der Tarife in anderen Bereichen gute Erfahrungen gemacht habe – etwa bei den Tagesstrukturen der Volksschule und bei den Betreuungsgutscheinen für Kindertagesstätten.

Die Einführung der neuen Tarife wurde an der Vorstandssitzung von Spitex Rontal plus vor wenigen Tagen beschlossen – gegen den Willen von Präsident Peter Schärli. Der ehemalige Ebikoner SP-Gemeinderat findet den Entscheid «bedenklich und kurzsichtig». Ihn stören nicht so sehr die variablen Tarife an sich als vielmehr die Tatsache, dass der bisherige Einheitstarif plötzlich zum Minimaltarif wird. Damit muss die grosse Mehrheit der Klienten ab 2018 deutlich mehr bezahlen. «Wenn schon, bräuchte es auch Sozialtarife, die tiefer liegen», sagt Schärli.

Ein solches System kennt beispielsweise die Stadt Zürich. Dort sind die Spitex-Tarife zwar ebenfalls einkommensabhängig, liegen mit 31 bis 44 Franken aber deutlich tiefer als im Rontal. Die Gemeinde Emmen wiederum gewährt einkommensschwachen Familien einen Rabatt. Doch die grosse Mehrheit der Spitex-Klienten sind Senioren. Sie seien denn auch die Verlierer des neuen Systems, findet Peter Schärli. «Es ist zu befürchten, dass sie aus Kostengründen künftig auf die Spitex verzichten.» Das könnte fatale Folgen haben. «Weil sie zu Hause ungenügend betreut werden, müssen sie am Ende früher ins Heim. Das kommt die Gemeinden erst recht teuer zu stehen und steht diametral zum gewollten und unbestrittenen Ziel des Kantons und der Gemeinden – ambulant vor stationär», sagt Schärli.

Alternative: Höherer Einheitstarif für alle

Andreas Michel wehrt sich gegen den Vorwurf, das neue Tarif­system sei unsozial. Im Gegenteil: Denn angesichts der stetig steigenden Sozialkosten hätte man schon bald den Einheits­tarif erhöhen müssen – für alle, versteht sich. Dank der höheren ­Kostenbeteiligung für gewisse Klienten könne man nun zu­mindest für die einkommensschwächsten Personen den bisherigen Tarif von 39 Franken beibehalten. «Personen mit tiefen Einkommen oder ohne Vermögen werden künftig nicht mehr zahlen müssen. Es betrifft nur diejenigen, welche auch über die nötigen finanziellen Mittel verfügen.» Das sei auch vernünftig, da es nicht sinnvoll sei, Hauswirtschaftsleistungen mit Steuergeldern zu subventionieren für Personen, welche die Kosten auch selber aufbringen könnten.

Drohen nun Umsatzeinbussen?

Nicht betroffen vom neuen System sind die Tarife für die Spitex-Pflegedienstleistungen. Diese sind gesetzlich geregelt und können im Gegensatz zu den Hauswirtschaftsleistungen nicht verändert werden. Allerdings stellt sich die Frage, ob es überhaupt die Aufgabe der Spitex ist, beim Kochen und Putzen zu helfen. Wer den Maximaltarif von 74.50 Franken bezahlen muss, wird sich künftig wohl nach einer günstigeren Haushaltshilfe umschauen.

Peter Schärli befürchtet denn auch Umsatzeinbussen. Dass die Spitex im Haushalt hilft, findet Schärli sinnvoll. «Die Mitarbeiter sind nicht blosse Reinigungs­kräfte, sondern haben auch einen Betreuungsauftrag und zudem ein grosses Fachwissen, das bei pflegebedürftigen Personen entscheidend ist.»


Leserkommentare

Anzeige: