Die geplante Revitalisierung der Sure gefällt nicht allen

OBERKIRCH ⋅ Die Sure soll im Bereich des Hofbachs revitalisiert werden. Das Projekt am westlichen Ufer des Sempachersees ist umstritten. Der Vorwurf der Gegner: Die Natur werde der Freizeitnutzung geopfert.
08. Februar 2018, 05:00

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

Gestern Mittwoch flatterte ein Flyer in die Oberkircher Haushaltungen. Der Absender: das Nein-Komitee zur Revitalisierung der Sure in Oberkirch. «Über 200 Oberkircher haben unser Anliegen unterschrieben», sagt Berufsfischer Thomas Hofer. Er ist einer der Köpfe des überparteilichen Komitees, dem unter anderem auch Nationalrat Albert Vitali (FDP) angehört.

Eigentlich ist die Sure das verbindende Landschaftselement in der Region Sursee – an ihr scheiden sich aber in Oberkirch derzeit die Geister. Konkret, wenn es um den Hochwasserschutz und die Revitalisierung geht.

Im Zuge der grossen Hochwasserschutzmassnahmen im Raum Sursee gibt es auch ein paar kleinere Projekte. So soll der Oberlauf der Sure in Oberkirch im Bereich Hofbach für 2,6 Millionen Franken revitalisiert und ökologisch aufgewertet werden. 80 Prozent der Kosten würde der Bund übernehmen. Der Rest würde aus einem Fonds bezahlt, den die Gemeinde bereits geäufnet hat.

Darüber können die Oberkircher am 4. März abstimmen. Die Besonderheit: Die Oberkircher dürfen zwar konsultativ über die Revitalisierung befinden. Doch das letzte Wort über die Realisierung hat der Kanton. Der Gemeinderat hat sich für dieses Vorgehen entschieden, weil er sich verspricht, mit der Unterstützung der Bevölkerung das grösstenteils von ihm gestaltete Projekt rascher vorantreiben zu können.

Gegner vermuten eine «Mogelpackung»

Die Broschüre der Gemeinde bewirbt das Projekt wie folgt: Neu gestaltete Uferbereiche würden die Gewässerqualität steigern sowie neuen Lebensraum für viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten schaffen. «Durch die geplanten Massnahmen wird ein wichtiges Naherholungsgebiet langfristig erhalten», steht dort geschrieben.

Bei Thomas Hofer läuten bei diesen Worten die Alarmglocken. «Hinter dem Begriff der Revitalisierung versteckt sich eigentlich, dass man die Sure zum Freizeitangebot ausbauen möchte.» Hofer spricht gar von einer «Mogelpackung». Denn was von Kanton und Gemeinde als natürliche Naherholung angepriesen werde, sei eigentlich ein «Disneyland».

Bei genauerem Hinsehen falle nämlich auf, dass es nicht um ein Zurück zur Natur gehe, sondern um neue Zugänge zur Sure und den Ausbau der Wege zu einer «Flaniermeile». Die Befürchtung: Bald nehmen Littering, Reinigungsaufwand, Lärmimmissionen sowie Nachtruhestörungen zu.

Der Gemeinderat wundert sich

Die Kiesbänke, welche diese Zugänge schaffen sollen, sind Hofer ein besonderer Dorn im Auge: «Die Sure mit Kiesbänken auszustatten, mag für einige vielleicht schöner aussehen, natürlich ist es nicht.» Weil: «Kies hat es in der Sure in den letzten 10 000 Jahren nie gegeben.» Indem man den Baumbestand und die Wurzelbestockung entferne, fehle zudem wichtiger Schatten und Schutz für die Fische, die Wassertemperatur in diesem Bereich steige. «Diese Kiesbänke als Brutstellen für Forellen zu verkaufen, ist schlicht falsch», enerviert sich Berufsfischer Hofer.

Seiner Ansicht nach braucht die Sure gar keine Revitalisierung. «Wieso soll man hier die Sure wiederbeleben? Die Sure ist nicht tot.» Im Gegenteil, die Natur sei intakt: «Hier leben etwa seltene Bachmuscheln, auch viele Fischarten, manchmal sieht man auch den Eisvogel. Es wäre Wahnsinn, wenn jetzt hier die Bagger auffahren würden», sagt er.

Anderer Meinung sind die Ornithologen. In einer Mitteilung von vergangener Woche äussern sie sich positiv zum vorliegenden Projekt. «Die Vielfalt an Vögeln, Insekten und Kleinlebewesen wird steigen», sagt René Hardegger, Präsident des Ornithologischen Vereins der Region Sursee. Es sei gelungen, verschiedensten Ansprüchen gerecht zu werden, urteilt er.

Inzwischen hat sich auch ein Ja-Komitee formiert, das sich aus Anwohnern zusammensetzt, welche die Revitalisierung der Sure begrüssen (Ausgabe vom 31. Januar). Schliesslich setzt sich auch der Gemeinderat mit Überzeugung für das Projekt ein.

Sacha Heller (FDP), Bauvorsteher von Oberkirch, sagt dazu: «Für mich stehen diese Vorwürfe etwas quer in der Landschaft: Wir haben das Projekt auf seine Umweltverträglichkeit hin prüfen lassen – alle kantonalen Dienststellen und auch der Bund haben uns grünes Licht gegeben.»

Gemeinde führt Informationsanlass durch

Es werde etwa ein Schutzgürtel am Ufer geschaffen, in dem weder Jauche oder Kunstdünger noch Pestizide eingesetzt werden dürfen. «Das nützt schliesslich auch den Fischen», so Heller. Die Wege seien zudem künftig weiter vom Ufer entfernt als heute. Und zur Freizeitnutzung: «Schon heute schwimmen vereinzelt Kinder mit ihren Luftmatratzen die Sure hinab.» Der Bach sei aber zu wenig breit und werde auch in Zukunft nicht schneller fliessen. «Ich glaube nicht, dass es künftig viel mehr werden.»

Der nächste Termin im Kalender von Heller und Hofer: Am 19. Februar führt die Gemeinde eine Informationsveranstaltung zum Surenraum durch. Gegnern und Befürwortern wird dann ein Zeitfenster von 10 Minuten zur Verfügung stehen, ihre Argumente darzulegen. Im Anschluss kann die Bevölkerung ihre Fragen stellen, und es soll ein Film über die Revitalisierungsthematik gezeigt werden.


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