Düstere Aussichten für Schweinezüchter

MARKT ⋅ In einem Jahr gelten strengere Schutzbestimmungen für Schweine. Rund 60'000 Mastplätze könnten darum verschwinden. Das heisst aber nicht, dass das Fleisch teurer wird. Denn die Mastferkelzucht brummt weiter – es droht ein massives Überangebot.
11. August 2017, 05:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Die Schweinezüchter haben vergessen, wo das Bremspedal ist.» Adrian Schütz ist unmissverständlich in seiner Wortwahl. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzentenverbands Suisseporcs in Sempach. Bald wird das Gesetz deutlich zeigen, wo das Bremspedal ist. Das heisst aber noch nichts. Hintergrund ist eine weitere Verschärfung des Tierschutzgesetzes auf den 1. September 2018 (siehe Box). Demnach werden etwa 60 000 Schweinemastplätze oder 4,5 Prozent wegfallen, schätzt die Schweizerische Schweinhandelsvereinigung (SHV). Adrian Schütz von Suisseporcs nennt dies eine «Gesundschrumpfung», kämpften Produzenten doch schon seit 2014 mit sinkenden Erträgen aufgrund einer leichten Überproduktion.

Noch weist aber nichts darauf hin, dass die Zucht von Mastferkeln ebenfalls bald angepasst wird. Um eine Überproduktion zu verhindern, müssten nämlich rund 7500 Plätze für Muttersauen (von schweizweit 119'

635, Stand 2016) abgebaut werden, schätzt die SHV. Das entspricht einer Bestandsreduktion von über 6 Prozent. Die Tendenz zeigt allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Das sind düstere Marktaussichten – auch für den schweizweit grössten Schweinezucht-Kanton der Schweiz. 39 083 Muttersauen gibt es im Kanton Luzern – das entspricht fast einem Drittel aller Sauen in der Schweiz.

Mehr Ferkel, höheres Schlachtgewicht

Dabei seien die Schweinezüchter auch Opfer ihres eigenen Erfolges, erklärt Schütz. Einerseits werfen Muttersauen immer mehr Mastferkel: Lag der Durchschnitt vor wenigen Jahren noch bei zehn Ferkeln pro Wurf, so liege er nun bereits bei zwölf. Zudem nehme das Schlachtgewicht für Mastschweine kontinuierlich zu. Allein in den letzten vier Jahren sei das durchschnittliche Schlachtgewicht um fast drei Kilogramm angestiegen – auf nunmehr 88 bis 89 Kilogramm. «Gleichzeitig verzeichnen wir einen Rückgang im Schweinefleischverzehr», beklagt Schütz. Daten der Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, belegen dies eindrücklich: Seit 1988 ist der Konsum von Schweinefleisch um fast 30 Prozent eingebrochen – auf 22,5 Kilogramm Schweinefleischkonsum pro Kopf. All jene Entwicklungen drücken auf den Fleischpreis – und letztlich auch auf die Gewinne der Produzenten.

Das Rezept, um den Preiszerfall aufzuhalten, sei dabei einfach und allen bekannt, meint Schütz: «Die Anzahl Muttersauen muss reduziert werden.» Wie genau das zu bewerkstelligen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Denn: Kaum jemand will Abstriche in Kauf nehmen. Schütz hofft zwar noch auf ein Umdenken bei den Schweinezüchtern im Hinblick auf das drohende Überangebot an Mastferkeln. «Wahrscheinlicher aber ist, dass den Produzenten keine einvernehmliche Drosselung der Zucht gelingt.» Der Verband ist dabei zum Zuschauen verdammt. «Wir haben keine Mittel, um die Anzahl Zuchttiere zu steuern», bestätigt Schütz. Letztlich werde wohl der einzige allerseits anerkannte Steuerungsmechanismus die Bestände regulieren: der Preis.

Bereits seit 2014 herrsche in der Schweiz eine leichte Überproduktion an Schweinefleisch, bestätigt Adrian Schütz. Das Überangebot sei saisonal und akzentuiere sich jeweils vor allem in der zweiten Jahreshälfte. Das hat auch Auswirkungen auf den Fleischpreis. Der ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Über das ganze Jahr gesehen beträgt der Selbstversorgungsgrad beim Schweinefleisch 97 Prozent. Das heisst: Der Bedarf der Konsumenten nach Schweinefleisch ist fast vollständig über die einheimische Produktion gedeckt. Meinrad Pfister, der Altishofer Verbandspräsident von Suisseporcs, bestätigt gegenüber dem «Schweizer Bauer»: «Wir hätten deutlich bessere Preise, sinke der Selbstversorgungsgrad wie 2013 unter 94 Prozent.»

Durch die Überproduktion sinkt auch der Umsatz der Schweinefleisch-Produzenten. 2008 bekamen sie noch durchschnittlich 4.96 Franken pro Kilogramm Schlachtgewicht. Acht Jahre später lag der Preis dafür noch bei 3.78 Franken. Das zeigen Daten der Branchenorganisation Proviande. Lag der schweizweite Gesamterlös ab Hof 1994 noch bei rund 1,3 Milliarden Franken, ist er inzwischen auf rund 900 Millionen gesunken (Stand 2016). Für den gleichen Zeitraum sind die Margen bei Verarbeitern und Detaillisten indes in etwa gleich geblieben.

Nutzniesser dieser Entwicklung sind hingegen die Konsumenten. 2009 kostete ein Kilogramm Voressen noch 19.56 Franken. 2016 war der Preis auf 17.26 gefallen. Bei den teureren Nierplätzli ist der Preis hingegen sogar ein wenig gestiegen. Bezahlten die Konsumenten dafür 2009 im Schnitt 35.87, waren es im letzten Jahr 36.56 Franken.


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