Ein Firmensitz wird eisgekühlt

ROTHENBURG ⋅ Zuunterst in einem Geschäftshaus liegt ein riesiger Eisblock. Er sorgt im Sommer für kühle Temperaturen, im Winter aber für Wärme – eine Schweizer Premiere.
20. Juni 2017, 05:00

Natalie Ehrenzweig

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Bevor der Kühlschrank in den 1930er-Jahren zur Standardausrüstung von privaten Haushalten wurde, wurden Lebensmittel mit Eisblöcken gekühlt. Eine altmodische Art der Kühlung? Nicht unbedingt: Im Industriegebiet in Rothenburg stehen seit neustem zwei Bürogebäude, die mit einem riesigen Eisklotz gekühlt oder beheizt werden – eine absolute Neuheit in der Schweiz. Gebaut wurden sie von der Josef Ottiger + Partner AG (JOP), die in der Gebäudetechnik tätig ist, und der Zemp Immobilien AG. Die beiden Häuser am Buzibachring wurden jüngst Leed-Gold-zertifiziert (Leadership in Energy and Environmental Design).

«Das Konzept wurde von einem unserer Mitarbeiter entwickelt, der sich an der Fachhochschule mit so einem Heiz- und Kühlsystem beschäftigt hat – wir fanden das sehr interessant», sagt Verwaltungsratspräsident Franz Zemp. Für die Umsetzung sehr förderlich war, dass Franz Zemp während des Baus sowohl Verwaltungsratspräsident bei JOP als auch bei der Zemp Immobilien AG – und somit Planer und Bauherr gleichzeitig war. «Das war ein grosser Vorteil, da die Entscheidungswege sehr kurz waren», so Zemp.

Angenehmes Klima dank 360 Kubikmeter Eis

Doch wie funktioniert das Ganze? Die beiden Gebäude bilden mit einem Eisspeicher und zwei Wärmepumpen ein geschlossenes System: Während zuunterst im Gebäude, unter der Tiefgarage, der Eisspeicher mit 440 Kubikmeter Volumen und 360 Kubikmeter Eis liegt, befindet sich auf dem Dach ein 16 Kilometer langer Solarabsorber. Dieser leitet den Energieertrag in eine Wärmepumpe oder zur Regeneration in den Eisspeicher im Winter. Im Sommer wird damit rückgekühlt: Der Eisspeicher speichert in der warmen Jahreszeit die überschüssige Sonnenenergie auf niedrigem Temperaturniveau. Wenn es kalt wird, entzieht das System dem Eisspeicher Wärme und führt sie über eine Wärmepumpe dem System zu. Im Bürogebäude herrscht ein angenehmes Klima. «Das kommt vor allem daher, weil wir die Luft entfeuchten», sagt André Himmelrich, Geschäftsleiter von JOP. Dank der zwei Wärmepumpen können die Gebäude zonenweise beheizt oder gekühlt werden. «So vermeiden wir die normalen Probleme in der Übergangszeit», sagt André Himmelrich.

Zu den Kosten einer solchen High-Tech-Anlage sagt Franz Zemp: «Verglichen mit einer Erdsondenheizung ist die Heizung per Eisspeicher – bei einem Neubau – ungefähr gleich teuer.» Durch die Kombination von Kühlung und Heizung ist die Anlage in Rothenburg aber teurer. Insgesamt seien die Betriebskosten allerdings um 50 Prozent tiefer als in einem konventionellen Bürogebäude. Dazu trägt unter anderem auch eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach bei.

Firma plant Folgeprojekt

Das spezielle System sorgt für grosses Aufsehen: «Schulen, Institutionen, Architekten – wir haben viele Besucher, die sich die Häuser ansehen wollen», freut sich Franz Zemp. Mit dem Bau wollte die Firma in neue Technologien investieren und ein umweltfreundliches, nachhaltiges Gebäude bauen. Es ging zudem darum, Erfahrung für zukünftige Bauprojekte zu sammeln. «Ich denke, wir können schon bald das erste Folgeprojekt mit Eisspeicher in Angriff nehmen», sagt Franz Zemp, der aber noch weiter in die Zukunft schaut: «Heiz- und Kühlsysteme mit Wasserstoff wären interessant, da Wasserstoff im Gegensatz zu Strom lagerfähig wäre. Aber da warten wir wohl noch auf die Industrie.»

Bis es so ist, können sich die Firmen an ihrem Eisspeicher erfreuen, in den man durch ein Bullauge sogar hineinsieht. André Himmelrich meint dazu schmunzelnd: «Am Anfang haben wir den Eisstand täglich kontrolliert.»


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