Kreuzstutz-Kreisel: Ein Ort für Kunst und Proteste

LUZERN ⋅ Spätestens seit dem Film «Rue de Blamage» gehört der Kreuzstutz-Kreisel zu den prominentesten des Landes. Doch schon vorher machte der Verkehrsknoten von sich reden.
05. August 2017, 07:33

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Eine Mittelinsel und ein obligates Kreiselkunstwerk obendrauf: Auf den ersten Blick ist der Kreuzstutz-Kreisel zwischen der Basel- und Bernstrasse wohl wie jeder andere; zwar ein Strassenbauwerk der neueren Art, letztendlich aber doch nicht viel mehr als ein Haufen Asphalt. Nicht so aber auf den zweiten Blick, der einiges mehr über den Kreisel preisgibt. So bildet er den Mittelpunkt des multikulturellen Stadtluzerner Quartiers. Er ist ein Ort der Identität und Konfrontation sowie ein Sujet für Kulturschaffende.

Wegen Letzteren stand der Kreuzstutz-Kreisel zuletzt gleich zweimal im Rampenlicht. Zuerst vor knapp einem Jahr, als am 10. September die neue Kreisel-Skulptur des Luzerner Künstlers Christoph Fischer eingeweiht wurde (wir berichteten). Die dreieinhalb Meter hohe Betonfigur stellt den pensionierten Strassenwischer Heinz Gilli dar, der jahrzehntelang in diesem Gebiet gearbeitet hat. «Heinz» steht laut dem Verein Baselstrasse Bernstrasse Luzern (Babel) stellvertretend für den einfachen Arbeiter und soll in Erinnerung rufen, dass das täglich von gegen 25000 Autos, Bussen, Lastwagen und anderen Fahrzeugen durchquerte Quartier auch Lebensmittelpunkt ist. Künstler Christoph Fischer hat seine unzähligen Zeichnungen von Menschen am Kreuzstutz übrigens bereits 2008 im Buch «Teufelskreisel Kreuzstutz» veröffentlicht.

Zum weiten Mal, als Aldo ­Gugolz’ Dokumentarfilm über das Quartier, «Rue de Blamage», erschien. Für Guerino Riva, langjährigen Bewohner der Bernstrasse und heutigen Präsidenten des Vereins Babel, ist dieser nicht ohne Wirkung geblieben: «Ich habe über den Film nur Positives gehört. Gewisse Bilder schockieren natürlich, aber man sieht, dass das Zusammenleben zwischen den verschiedensten Nationen hier im Grunde gut funktioniert. Das hilft, Ängste abzubauen.»

Umgewöhnung an den Linksvortritt

Seinen ersten grossen Auftritt hatte der Kreisel freilich viel früher: in seinem Baujahr 1992. Zwar war es nicht der erste Kreisel im Kanton, aufgrund des ungewohnten Linksvortritts löste der Ersatz der ehemaligen Lichtsignalanlage dennoch ein grosses Echo aus. So wurde der Kreisel zunächst versuchsweise eingeführt. Zwei Monate später, am 4. August 1992, titelte die damalige Tageszeitung LNN: «Am Kreuzstutz gilt definitiv Linksvortritt». Grund: Die Erfahrungen mit dem neuen Verkehrsregime seien äusserst positiv, der Verkehr fliesse besser, die Zahl der Kollisionen sei geringer. Offenbar war das neue Verkehrsregime aber fast zu erfolgreich: Ein Jahr später, am 16. Juni 1993, berichtete die LNN Folgendes: Weil es sich herumgesprochen hat, dass sich das System bewährt, kam es zu einer Verlagerung des Verkehrs auf diese Achse.

An diese Zeit erinnert sich auch Guerino Riva: «Der Kreuzstutz war verkehrsmässig schon immer ein Problem. Vor den Zeiten des Kreisels stand dort die allererste Lichtsignalanlage der Stadt Luzern.» Seiner Ansicht nach hat der Kreisel definitiv eine Verbesserung gebracht. Einziger Wermutstropfen sei, dass im Zuge des Kreiselbaus das Restaurant Kreuzstutz – eine Stammbeiz im Quartier – abgebrochen wurde. Profitiert hätten vom Kreisel auch die umliegenden Strassen, die dank des flüssigeren Verkehrs nicht mehr als Schleichwege benutzt wurden. Beispielsweise wurde die Dammstrasse praktisch wieder zur Quartierstrasse, wie der Quartierzeitung «Wächter am Gütsch» vom Dezember 1992 zu entnehmen ist.

Ökoprotest am Jesus-Kreuz

Dass der Verkehr am Kreuzstutz die Gemüter schon lange vor dem Bau des Kreisels bewegte, zeigt das Beispiel der gebürtigen Littauerin Yvonne Volken, die während ihrer Kindheit täglich den Kreuzstutz passierte.

Heute ist sie Mitarbeiterin der Luzerner Stadtbibliothek. Sie erinnert sich an eine Protestaktion gegen die Verkehrszunahme während der Karwoche im Jahr 1972: «Ich und ein Freund von damals schrieben mit schwarzer Farbe ‹Vater, hier stinkt’s› auf ein Leintuch, das wir mit der Nähmaschine zuvor noch verlängert hatten.» Das Pamphlet wollten sie am Jesus-Kreuz aufhängen, das am Hang beim heutigen Kreisel steht. Dabei wurde ihnen aber fast die Strassenprostitution zum Verhängnis: «Wir hatten nicht mit den Polizisten gerechnet, die wegen der Prostituierten dort patrouillierten. Und so kauerten wir ziemlich lange im Regen in der Böschung und hatten eine Heidenangst, entdeckt zu werden.»

Irgendwann konnten sie das Leintuch dann doch noch aufhängen, die Enttäuschung liess aber nicht lange auf sich warten: Am nächsten Morgen war das Pamphlet bereits entfernt. Gebracht hat ihr Protest letztlich also nichts – Jahre später wurde die Situation mit neuem Kreisel aber doch noch verbessert. «Der Kreisel ist definitiv besser als die frühere Kreuzung mit der Ampelanlage», sagt Yvonne Volken. Seinen Namen hat der Kreuzstutz übrigens von eben diesem Kreuz, das 1954 errichtet wurde, sowie von der steilen Bernstrasse – dem Stutz.

Hinweis

Christoph Fischer stellt seine Arbeit rund um die Kreiselskulptur demnächst in der Kunsthalle Luzern aus. Die Vernissage «Heinz statt Blumen» findet am 24. August statt.

Alle Artikel unserer Kreisel- Sommerserie finden Sie hier: luzernerzeitung.ch/dossier

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