Eine Institution macht lautstark von sich reden

SURSEE ⋅ «Uns gibt es noch!» – Die 50-Jahr-Feier der Heilpädagogischen Schule ist auch ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Denn zwei Entwicklungen nagen an der Substanz der Institution.
18. Mai 2017, 08:00

«Die HPS rockt.» So lautet der Slogan für die 50-Jahr-Feier der Heilpädagogischen Schule in Sursee. Am Samstag um 13 Uhr geht es los im Schulhaus der Kottenmatte 2. Unter anderem mit Livemusik, einem Bus für Kinderspiele, kleinen Ausfahrten im Seitenwagen eines Motorrads und zwei Aufführungen eines Musicals, das die geistig behinderten Schüler mit Theaterpädagogin Bernadette Schürmann eingeübt haben. «Es wird gut, es wird spontan. Ich freue mich sehr darauf», sagt Rektor René Carlin.

Wer denkt, es gehe nur ums Zelebrieren eines Jubiläums, liegt falsch. Dafür waren sie zu zäh, die letzten Jahre. «Wir rocken die Schule und zeigen, dass es uns noch gibt – und wie!» – mit diesen Worten wandte sich Carlin im Vorfeld an die Freunde der HPS Sursee. Oft sieht er sich mit Fragen nach der Daseinsberechtigung seiner Institution konfrontiert. Bildungsexperten würden regelmässig über Sinn und Unsinn der separativen Sonderschulung debattieren. Dies bedeutet, dass jeder Schüler – vom Kindergärtler bis zum 18-jährigen Nutzer eines Überbrückungsangebots – individuell gefördert wird.

HPS verliert ihre besten Schüler

«Wir haben bei uns mehrheitlich Kinder, die nicht schulbildungsfähig sind. Uns geht es in erster Linie darum, dass sie glücklich sind», sagt Carlin. «Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Diese Kinder haben ein sensibles Gespür, sie merken, dass sie anders sind und dass sie nicht das Gleiche können wie die anderen Kinder. Wenn sie unter Gleichgesinnten sind, nimmt ihnen das etwas an Druck.»

Carlin liegt nichts daran, die integrative Sonderschulung gegen die Separation auszuspielen. «Je nach Fall kann beides der richtige Weg sein.» Fakt aber ist, dass sie ihm zu schaffen macht, die im Jahr 2000 eingeführte Integration von geistig Behinderten in Regelklassen. «Auf diese Weise verlieren wir unsere starken Schüler. Wir werden kleiner, behalten aber die anspruchsvolle Klientel.» Aktuell schult die HPS 62 Schüler in 11 Klassen, im nächsten Schuljahr werden es noch 46 Schüler in 8 Klassen sein. Was das im Alltag bedeutet, weiss Lehrperson Barbara Fischer (61): «Der Anteil der Kinder, die neben der geistigen Behinderung auch ein sozial auffälliges Verhalten vorweisen, hat zugenommen. Das fordert uns stark heraus. Wir können nicht mehr ein ruhiges Kind zu einem auffälligen setzen, weil alle auffällig sind.»

Und dann sind da die aktuellen Sparmassnahmen des Kantons, die auch vor der HPS nicht haltmachen. Eine Lektion mehr unterrichten bei gleichem Lohn, so sieht die Realität für Luzerner Lehrer ab Sommer aus. Das kommt faktisch einer Gehaltsreduktion gleich. Darüber hinaus gilt wegen des budgetlosen Zustands ein Anschaffungsstopp, der alles betrifft, was nicht als obligatorisches Schulmittel durchgeht – etwa kleine Geschenke als Wertschätzung für jubilierende Mitarbeiter. «Auch Teamsitzungen, an denen ich die Aufgaben an meine Klassenassistentin übergebe, werden nicht mehr finanziert», erzählt Fischer.

Grosses Lob für das Personal

Die einschneidende Umstellung 2011, als alle fünf Heilpädagogischen Zentren unter die Obhut der kantonalen Dienststelle für Volksschulbildung gestellt wurden und ihre Eigenständigkeit verloren, will René Carlin nicht mehr aufwärmen. «Wir beklagen uns nicht, aber wir werden weiterhin für die nötige Betreuung unserer Kinder kämpfen.» Seinem Lehrpersonal und den Therapeuten attestiert er ein hohes Berufsethos. «Nie wälzen sie die Probleme auf ihre Schüler ab. Sie machen bei uns definitiv mehr als nur einen Job!» Wenn die Büroarbeit ihn zu übermannen droht, sitzt Carlin in einen Unterricht, besucht eine Pause oder stellt sich in den Gang, wenn die Schüler eintreffen. Aus den Begegnungen mit Schülern schöpft er Kraft. «Auf der emotionalen Ebene sind sie viel ehrlicher. Wenn sie schlecht drauf sind, poltern sie. Wenn nicht, kann es auch mal zu einer spontanen Umarmung kommen.» Barbara Fischer schätzt derweil die kleinen Erfolge im Klassenzimmer: «Wenn ein 16-Jähriger nicht mehr aus dem Schoppen, sondern aus dem Becher trinkt, oder eine 16-Jährige alleine Zug fahren kann, dann geht mir das Herz auf.»

Am Samstag kann sich das Publikum nun von den künstlerischen Fähigkeiten der HPS-Schüler überzeugen. Selbst der Rektor rockt mit, der ehemalige Musiklehrer leitet in Sempach einen Erwachsenenchor und tritt regelmässig mit ad hoc zusammengestellten Bands auf. Bühne frei also für eine Jubiläumsfeier der besonderen Art.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch


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