Einstige Arbeiterpartei will sich neu erfinden

EMMEN ⋅ Die SP nimmt ihr 111-Jahr-Jubiläum zum Anlass für eine Standortbestimmung. Die einstige Fürsprecherin der Arbeiter ist auf dem Weg zur urbanen Partei.
20. Juni 2017, 07:03

Auch wenn es ein ziemlich ungerades Jubiläum ist: Die SP Emmen feiert dieses Jahr ihr 111-jähriges Bestehen mit diversen Anlässen. Dass sie es jetzt tut, hat auch damit zu tun, dass man das 100-Jahr-Jubiläum vor 11 Jahren nicht für den richtigen Moment ansah, in die Vergangenheit zu blicken. «Die Freude über die Wahl von Susanne Truttmann-Hauri als erste und bisher einzige Frau in den Gemeinderat liess 2005 keine Gedanken an die Vergangenheit aufkommen», erklärt der heutige SP-Präsident Sigisbert Regli.

Die aktuelle Entwicklung in der Viscosistadt hat die SP nun aber doch dazu bewegt, zurückzublicken. Denn die Gründung der Sozialdemokratischen Partei Emmen im Jahr 1906 hatte auch mit dem Viscosi-Areal zu tun. In jenem Jahr wurde die Kunstseidenfabrik Viscose gegründet. Bereits seit 1853 hatten in der Emmenweid die von Moos’schen Eisenwerke den Betrieb aufgenommen. Die beiden Grossfabriken beschäftigten Hunderte von Arbeitern, darunter viele Italiener. Bald kamen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen in den Fabriken auf. Obwohl von Moos und Viscose früh soziale Zugeständnisse gemacht hatten, wurde auch in Emmen gestreikt, wie in der «Geschichte der Gemeinde Emmen» von Beatrice Schumacher nachzulesen ist. Im Sommer 1917 zogen zweitausend Arbeiterinnen und Arbeiter aus Emmen vor das Regierungsgebäude in Luzern. Nach dem Landesstreik von 1918 konnte die Arbeiterschaft ihre Vertretung im Kantonsparlament fast verdoppeln, von 8 auf 15 Vertreter.

Hier die Arbeiter, dort die Bürgerlichen

«Die Schweiz in den Gründungsjahren der SP Emmen war eine ausgeprägte Klassengesellschaft», sagt der ehemalige ­Emmer SP-Regierungsrat Paul Huber. «Hier die Arbeiter, die Gewerkschaften und die Arbeiterkultur- und Sportvereine, da die bürgerliche Gesellschaft und ihre Organisationen, zu denen die Arbeiterschaft keinen Zugang hatte.» Die Kernanliegen der SP, die auf kommunaler Ebene für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien kämpfte, waren gute Schulen, gute Berufsausbildung und gesunde Wohnverhältnisse. In der Krise der 30er-Jahre ging es um Massnahmen gegen Arbeitslosigkeit und Armut.

Später, in den 70er-Jahren, verschoben sich die Gewichte in der SP-Gemeindepolitik, so Huber: «Umweltanliegen, die Verschandelung der Ortsbilder, Verkehrserschliessung, Freizeitgestaltung und Sport sowie der Umgang mit italienischen Saisonniers wurden wichtige politische Themen.» Damals traten junge Mitglieder aus Arbeiterfamilien der SP bei, die in Emmen aufgewachsen waren und nach ihrer Ausbildung an Hochschulen der SP neuen Schub verliehen. «Wir waren dossierfest und leidenschaftliche Debattierer. Wir trafen mit Bau- und Verkehrsthemen und dem Einsatz für gute Sportanlagen und Schulen den Nerv der Zeit.» Dies schlug sich in einem Stimmenanteil von um die 20 Prozent für die Sozialdemokraten nieder. Mit einer Fraktion von neun Mitgliedern war die SP im 40-köpfigen Einwohnerrat Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre zahlenmässig am stärksten. Doch die einsetzende Desindustrialisierung traf viele Menschen in Emmen hart. «Der Unmut richtete sich gegen die Ausländer, die während Jahrzehnten die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde wesentlich mitgetragen hatten. Die SP wehrte sich gegen die aufkommende Fremdenfeindlichkeit und bezahlte dies mit einem Rückgang des Stimmenanteils bei den Einwohnerratswahlen», sagt Huber.

Heute geht es um Wohnen, Schule und Migranten

Die SP ist nicht mehr die Arbeiterpartei von 1906, ihre Schwerpunkte haben sich aber in den letzten 60 Jahren nicht gross verändert. Sie liegen heute bei Schulraum und Bildung, Quartierentwicklung, Altersbetreuung, Migration und bezahlbarem Wohnraum. «Immer steht der Gedanke der Solidarität mit Benachteiligten und Minderheiten im Vordergrund», sagt Regli. Zu den grössten Erfolgen seiner Partei zählt er die Lancierung des Emmer Busnetzes in den 80er-Jahren sowie die Bodeninitiative, die SP und Grüne jüngst erfolgreich zur Abstimmung brachten.

Die stärkste Partei in Emmen war die SP nie – zu verwurzelt waren liberale und konservative Ideologien im Emmer Bürgertum. «Bemerkenswert ist aber, wie rasch die Sozialdemokraten politisch eingebunden wurden», sagt Kurt Messmer, Emmer Historiker und SP-Mitglied. «Kaum hatten sie 1906 eine Partei gegründet, hielten sie 1907 Einzug im Gemeinderat.» Insgesamt hatte die SP bisher vier Vertreter in der Exekutive: Julius Oehen (1907–1943), Fritz Wolfensberger (1943–1970), Carlo Herbst (1970–2000) und Susanne Truttmann (seit 2005). Laut Sigisbert Regli verzeichnet die Partei derzeit einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs, insbesondere von jungen Menschen. «Infolge der zunehmenden Urbanisierung der Gemeinde erwarten wir mittelfristig eine weitere Stärkung unserer Position», so Regli.

 

Beatrice Vogel

beatrice.vogel@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Informationen über Jubiläumsanlässe der SP Emmen: www. sp-emmen.ch

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