Unterschlupf für Männer in Not

LUZERN ⋅ Ab 1. Juli erhält die Region Luzern ein Haus für Männer und Väter in Krisensituationen. Damit wird eine wichtige Lücke im sozialen Netz gefüllt.
13. Juni 2017, 15:00

Manuel Burkhard

region@luzernerzeitung.ch

Männer als Opfer häuslicher Gewalt: ein Thema, dem wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Weil die Mehrheit der Gewaltopfer Frauen sind, weil Männer sich schämen, darüber zu reden, oder weil sie von der Gesellschaft nicht als Opfer wahrgenommen werden. Für Oliver Hunziker ist das ein Missstand: «Ein Viertel der Opfer häuslicher Gewalt sind Männer. 4500 pro Jahr, für die es kaum Angebote gibt.» Hunziker ist Präsident des Vereins Zwüschehalt, der im Aargau seit acht Jahren das einzige Männer- und Väterhaus der Schweiz betreibt. Dessen Gründung war eine Pioniertat. Jetzt weitet der Verein sein Engagement aus. Am 1. Juli werden in Luzern und Bern zwei weitere Häuser eröffnet. Hunziker: «Damit steht wohl die Hälfte aller Männerhäuser Europas in der Schweiz», wie Oliver Hunziker stolz feststellt.

Zwüschehalt ist ein Angebot für Männer und ihre Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Für Manfred Schneeberger, Mediator in Luzern mit Schwerpunkt Trennung und Scheidung, ein notwendiges Angebot: «In familiären Krisen kann eine schnelle Trennung deeskalierend wirken.» Statt mehrere Wochen in einer Garage oder im Auto zu übernachten – Beispiele aus Schneebergers Beratungserfahrung –, bietet das Männerhaus eine sichere Unterkunft. Deshalb ergriff Schneeberger die Initiative, in Luzern ebenfalls ein solches Angebot zu verwirklichen. Das Konzept und die Erfahrung lieferte der Verein Zwüschehalt, eine passende Wohnung und die nötigen finanziellen Mittel musste Schneeberger, der nun als Leiter des Luzerner Hauses amtet, selbst auftreiben.

Der Standort des Männerhauses bleibt geheim

Wo genau diese Wohnung liegt, wird aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Sechs Männer können dort gleichzeitig wohnen. Der Alltag gestaltet sich dabei wie in einer WG: Der Haushalt und die Betreuung der Kinder ist Sache der Bewohner. Alle Bewohner nehmen an einer wöchentlichen Diskussion teil, zu der Schneeberger nach Bedarf auch externe Spezialisten beizieht. Auf Wunsch bietet Zwüschehalt eine persönliche Beratung an, etwa bei psychischen Schwierigkeiten oder im Kontakt mit Behörden.

Der Verein Zwüschehalt ist vollumfänglich privat finanziert; von den Behörden gibt es keine Unterstützung. Ein Betriebsjahr kostet pro Haus 100000 bis 150000 Franken. Die finanziellen Mittel, die Schneeberger in Luzern akquirieren konnte, garantieren den Betrieb während sechs bis acht Monaten. Sie stammen vor allem von sozial engagierten Stiftungen und den Kirchen. Dazu leisten die Bewohner einen Unkostenbeitrag von 35 Franken pro Tag. Glück hatte Schneeberger bei der Standortsuche: «Jemand kam auf mich zu und bot mir eine Wohnung an zentraler Lage zur Miete an.»

Das Ziel ist es, für die Betroffenen möglichst schnell eine dauerhafte Lösung zu finden. Die Bewohner bleiben erfahrungsgemäss durchschnittlich zehn Wochen, die längste Aufenthaltsdauer betrug bisher zehn Monate. Im vergangenen Jahr nahmen im Aargauer Männerhaus 19 Männer das Angebot in Anspruch. Das entspricht einer durchschnittlichen Auslastung von 75 Prozent. Manfred Schneeberger erwartet für die Luzerner Wohnung eine ähnliche Nachfrage. Zum Vergleich: Das Luzerner Frauenhaus, das schon seit vielen Jahren besteht, beherbergt pro Jahr zwischen 80 und 90 Frauen und ebenso viele Kinder. Auch wenn die Nachfrage bei den Männern kleiner ist – Schneeberger ist überzeugt von der Notwendigkeit eines Männerhauses. Er sehe in seiner Praxis wöchentlich Leute, denen ein solcher Zwischenhalt helfen könnte.

Weg von zu Hause – und doch im gewohnten Umfeld

Oliver Hunziker ist froh um die neuen Standorte in Bern und Luzern. «Die Arbeitsstelle, die Kinder, Vereine: Aus diesen Gründen müssen Schutzangebote regional sein.» Damit Männer in Krisensituationen nicht nur Unterschlupf finden, sondern in ihrem gewohnten Arbeits- und Freundesumfeld weiterleben können.


Leserkommentare

Anzeige: