Es sah schlecht aus, aber das Leben siegte

NOTFALL ⋅ Seppi Gasser aus Littau erlitt vor knapp drei Jahren einen schweren Herzinfarkt. Er und sein ihn damals behandelnder Kardiologe des Luzerner Kantonsspitals schildern dieses Drama – mit einem glücklichen Ausgang.
16. Mai 2017, 07:42

Hans Graber

8. Juli 2014. Josef «Seppi» Gasser (67) hat eine sehr schwierige Zeit hinter sich. Im Februar 2014 ist seine Frau gestorben. 43 Jahre war er mit Margrit verheiratet gewesen. Als man bei ihr den Lungenkrebs entdeckte, war er schon fortgeschritten. Von der Diagnose bis zum Tod vergingen nur wenige Monate.

In den Jahren davor hat es Gasser auch beruflich nicht leicht gehabt. Ursprünglich Pöstler, war er später lange in der IT-Branche beschäftigt – bis es ihn dort nicht mehr brauchte. Gasser war länger arbeitslos, fand dann eine Stelle im Hausdienst der Kanti Alpenquai, stand danach beim Schlagzeughersteller Paiste in Nottwil an der Drehbank, ehe er zum Schluss seines Berufslebens wieder die Post austrug. «Der Kreis hat sich schön geschlossen», sagt Seppi Gasser, «aber die Zeit der Arbeitslosigkeit hatte mir schon zugesetzt.»

Er und Margrit wollten nun den Ruhestand geniessen. Es sollte nicht sein. Seine Frau starb. Einen solchen Verlust kann man nicht einfach wegstecken. «Ich habe nie psychologische Hilfe beansprucht, aber es nagte schwer an mir.»

Erster Schritt für eine Umorientierung in Gassers Leben ist eine Neu­möblierung der Wohnung. Am Dienstagmorgen des 8. Juli 2014 soll ein Teil der alten Möbel abgeholt werden. Es ist 7.30 Uhr, als Gasser plötzlich schlecht wird. Hundsübel. Schmerzen hat er keine, auch kein Engegefühl in der Brust oder dergleichen. Einfach nur extrem schlecht ist ihm. Während der Leidenszeit seiner Frau hat man ihm im Spital gesagt, dass man den Rettungsdienst 144 lieber einmal zu viel als zu wenig an­rufen soll.

Nach dem Öffnen der Tür verblasst die Erinnerung

Zweieinhalb Kilometer Luftlinie sind es vom Luzerner Kantonsspital bis zum Matthof in Luzern-Littau. Gasser wartet auf dem Balkon im 4. Stock auf die Ambulanz. Gehört hat er sie schon von weitem. Im letzten Moment kommt ihm in den Sinn, dass er Haus- und Wohnungstür öffnen sollte. Das hat er noch gemacht. Danach weiss er nichts mehr.

Florim Cuculi (40) ist Leitender Arzt und Leiter Akutkardiologie im Herzzentrum des Luzerner Kantonsspitals. In dieser Funktion ist er immer wieder mal mit dramatischen Notfällen konfrontiert. So auch an jenem 8. Juli 2014. Seppi Gasser konnte allerdings nicht umgehend ins Spital gebracht werden. Die zwei Leute vom Rettungsdienst erkannten in der Wohnung den Ernst der Lage.

Schwerer Herzinfarkt. Akutes Pumpversagen. Der Körper wird nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Wiederbelebungsmassnahmen werden eingeleitet. Defibrillator. Herzdruckmassage. Ein Notarzt aus dem Spital wird herbeigerufen und die Feuerwehr alarmiert, weil man eine Drehleiter braucht, um den Patienten aus dem 4. Stock in diesem Haus ohne Lift in den Rettungswagen verfrachten zu können. Für die Absperrungen sorgt die Polizei.«Vier Blaulicht-Fahrzeuge, das gab viel Action für die Nachbarn, das haben sie mir später erzählt», sagt Seppi Gasser heute und lacht dazu. Dass er das kann und überhaupt noch hier ist, grenzt an ein Wunder.

Noch in der Wohnung wechseln die Rettungskräfte von manueller auf maschinelle Herzdruckmassage, mit einem Gerät namens Autopulse. Seppi Gasser kann schliesslich ins Herzkatheterlabor im 2. Stock des Kantonsspital-Hauptgebäudes gebracht werden. «Wer als Patient hier lebend ankommt, darf nicht sterben, sonst empfinde ich das als Niederlage», sagt Florim Cuculi.

Eine Woche lang im künstlichen Koma

Seppi Gassers Leben hängt an einem dünnen Faden. Einem sehr dünnen. Die linke Arterie ist ganz verschlossen, die rechte fast zu. Der Patient wird in ein künstliches Koma versetzt. In die linke Arterie werden mehrere Stents (Stützen zum Offenhalten von Gefässen) implantiert. Gassers Blutdruckkurve bleibt weitgehend flach, kein Auf und Ab über Tage. Und Komplikationen. Nierenversagen. Schwere Lungenentzündung. Dann muss auch noch die rechte Arterie geöffnet werden. Noch mehr Stents.

Florim Cuculi denkt an eine Niederlage. Er hat kein gutes Gefühl, als er am 16. Juli, acht Tage nach Gassers Einlieferung, für zwei Wochen in die USA reist. «Ich bin im Allgemeinen positiv eingestellt, versuche auch immer, bei Patienten und Angehörigen Zuversicht zu verbreiten, aber als mich Herrn Gassers Sohn vor meiner Abreise fragte, ob es sein Vater schaffe, musste ich ihm leider sagen: ‹Das kommt wohl nicht gut›.»

Als Florim Cuculi zwei Wochen später wieder im Kantonsspital ist, checkt er im Computer die Patientendaten. Auch jene von Seppi Gasser, dessen Geburtsdatum 11. 11. ihm auch in Erinnerung geblieben ist. Gasser ist, zu Cuculis positiver Überraschung, noch im Haus. Nicht mehr Intensiv-, sondern allgemeine Station. In einem grösseren Zimmer. «Ich hatte aber noch immer ein mulmiges Gefühl, denn manchmal werden Patienten in einem solchen Zimmer untergebracht, damit Angehörige Abschied nehmen können.» Cuculi geht nachschauen. Seppi Gasser ist da. An einem Tischchen sitzend. Beim Mittagessen.

Gasser hat keine Ahnung, wer dieser Mann ist, der sich als Dr. Cuculi vorstellt. Cuculi selber ist sich auf Anhieb auch nicht ganz sicher, ob es sich wirklich um jenen Mann handelt, den er über Tage begleitet hat, auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Aber er ist es. Und es geht ihm gut, jedenfalls vergleichsweise. Nach einer weiteren Woche Spital und drei Wochen Reha in Montana VS kann er nach Hause.

Heute, fast drei Jahre später, begegnen sich Cuculi und Gasser wie alte Bekannte. Man spürt gegenseitige Anerkennung, für die medizinische Hilfe inklusive Lebensrettung einerseits, für den Überlebenswillen und das Ersparen einer Niederlage anderseits. «Viele Faktoren spielten mit, dass Herr Gasser überlebt hat», sagt Florim Cuculi, «der Rettungsdienst, das Herzkatheterlabor und die Leute auf der Intensivstation haben eine super Arbeit gemacht, auch Herr Gasser hat mit seinem schnellen Anruf perfekt gehandelt.» Gleichwohl, es braucht immer auch noch Glück.

Auch mit Einschränkungen lässt sich gut leben

Gasser muss nun monatlich zur Kontrolle. Er hat eine schwere Herzinsuffizienz. Die Leistung seines Herzens beträgt noch 25 Prozent (als normal gilt alles, was über 55 ist). 25 Prozent sind bescheiden, eine «hochgradige Einschränkung», aber damit lässt sich immer noch recht leben. Vorausgesetzt, man nimmt regelmässig die Medikamente ein – Gasser benötigt 12 Tabletten am Tag – und passt sein Leben den Umständen an. Als möglicher Rettungsanker wurde ein Defibrillator implantiert.

Aktuell fühlt sich Seppi Gasser so gut wie nie seit den dramatischen Minuten, Stunden, Tagen. Viel gebracht hat ein neues Medikament. «Ich kann nun die Treppen bis zu meiner Wohnung im 4. Stock wieder ohne Zwischenhalte bewältigen.» Auch privat gibt es ein neues Glück. Alles bestens also? Das nicht. Eben erst hat er wieder ein paar Tage Spitalaufenthalt hinter sich, eine kleine Nachoperation war nötig gewesen. Nicht am Herzen, sondern an den Zehen. Eine Folge des 8. Juli 2014.

Weil damals restlos alles darangesetzt werden musste, den Blutfluss durch das Herz zu gewährleisten, blieb die Peripherie unterversorgt. Gassers Zehen wurden schwarz, anderthalb mussten ihm amputiert werden. «Aber damit komme ich zurecht.» Gegen das, was er durchgemacht hat, ist das fast ein Klacks.

«Ich schaue das Leben heute anders an, jeder Tag ist ein Geschenk», sagt Seppi Gasser. Nicht erst seit dem 8. Juli 2014. Aber zuvor habe er dieses Geschenk allzu oft als reine Selbstverständlichkeit erachtet.


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