Vorfall an der Fasnacht: Polizist streitet Angriff ab

LUZERN ⋅ In einem roten Kostüm und mit roter Perücke soll der ranghohe Polizist einen verhafteten Mann geschlagen haben. Der Polizist bestritt gegenüber der Staatsanwaltschaft die Tätlichkeit und die Beschimpfung. Auch Alkohol sei wenig geflossen.
20. Juni 2017, 19:01

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Es sind unangenehme Tage für die Luzerner Polizei. Kommandant Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann warten auf das Urteil des Bezirksgerichts Kriens im «Fall Malters» (Ausgabe vom 20. Juni). Ausserdem machte unsere Zeitung letzte Woche eine mögliche Entgleisung eines Kaderpolizisten publik: Am Rüüdigen Samstag, dem 25. Februar 2017, soll er in der Stadt Luzern zwei gefasste, mutmassliche Taschendiebe beschimpft und einen von ihnen tätlich angegriffen haben (Ausgaben vom 16. und 17. Juni).

Am Dienstag erhielt unsere Zeitung Einblick in die Einstellungsverfügung der Luzerner Staatsanwaltschaft. Zur Erinnerung: Die Staatsanwaltschaft stellte ein strafrechtliches Verfahren ein, während der Baarer Rechtsanwalt Roberto Zalunardo im Auftrag der Luzerner Behörden eine Administrativuntersuchung durchführt. Seine Ergebnisse werden im Juli erwartet.

Gemäss der erwähnten Einstellungsverfügung ist am Fasnachtssamstag um 20.20 Uhr Unter der Egg Folgendes passiert: Eine Polizeipatrouille nimmt wegen Verdachts auf Taschendiebstahl zwei Männer fest: den Algerier A. und den Marokkaner N. (Namen der Redaktion bekannt) Während sich N. kooperativ verhält und auf Verlangen seinen Ausweis zeigt, weigert sich A. Beiden werden die Handschellen angelegt, wobei sich der Algerier A. wehrt. Die Polizisten drücken ihn auf den Boden. Nun sind beide Männer unter Kontrolle.

Uniformpolizist erkennt Kadermitglied

Eine zweite Polizeipatrouille kommt hinzu. Während die beiden Gruppenführer über das weitere Vorgehen beraten, wird der Marokkaner N. immer lauter; er muss beruhigt werden. Ein Polizist bemerkt, dass soeben eine Person mit roten Kostümärmeln den zur Kontrolle an eine Wand gestellten N. mit der Faust geschlagen hat. Als sich der Polizist umdreht, erkennt er den Kaderpolizisten S. (Name der Redaktion bekannt), bekleidet mit roter Perücke und rotem Kostüm. Kaderpolizist S. habe ihm die Faust gezeigt und etwas gesagt, was er nicht verstanden habe, gibt der Polizist zu Protokoll. Gemäss einem weiteren uniformierten Polizisten soll der Kaderpolizist in Richtung der beiden festgenommenen Männer gesagt ­haben: «Drecks-Ausländer. Scheiss-Algerier. Sofort festnehmen und ausschaffen. Scheiss-Taschendiebe.» Der Kaderpolizist wurde aufgefordert, sich zu entfernen, was er auch tat.

Der Marokkaner N. sagte bei seiner Einvernahme am 3. März, er habe einen Schlag auf sein Kinn bemerkt und dass jemand wohl wütend auf ihn war. Er wurde nicht verletzt und konnte nicht genau erklären, was passiert war. Darum verzichtete er auf einen Strafantrag. Der Algerier A. sagte am 6. März aus, ein uniformierter Polizist habe «Fuck Ausländer» geschimpft. «Vielleicht» sei A. auch geschlagen worden. Er würde den Kaderpolizisten nicht wiedererkennen, weshalb auch er auf einen Strafantrag verzichtet hat.

Der ranghohe Polizist S. stritt an der Vernehmung vom 7. März sowohl die Beschimpfung als auch die Tätlichkeit ab. Als er die festgenommenen Männer sah, habe er den Polizisten das Handzeichen «Daumen hoch» gegeben. Dann habe er gesagt: «Es ist recht, ihr ‹Saucheibe›, dass man euch erwischt hat.» Weiter habe er nichts gesagt, und er habe auch niemanden geschlagen. Er sei nicht ausländerfeindlich, und er sei auch nicht betrunken gewesen. Er habe ein kleines Bier und einen «Häxekafi» getrunken.

Ein Mann wird entlastet, der andere überstellt

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, weil sowohl N. als auch A. bezüglich der Antragsdelikte auf Strafanzeige verzichteten und weil keine begründeten Anhaltspunkte für ein Offizialdelikt vorlagen, bei dem eine Untersuchung von Amtes wegen geführt werden müsste. Nach erfolgter Kontrolle wurde der Marokkaner N. aus der Polizeikontrolle entlassen. Er wurde von der Polizei nicht zur Anzeige gebracht, da ihm kein strafbares Verhalten nachgewiesen werden konnte, wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage erklärt.

Der Algerier A. wurde den Schaffhauser Behörden überstellt, da dort bereits wegen Diebstahls – und nun auch Hinderung einer Amtshandlung in Luzern – ermittelt wird.


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