Pfarrerin Heidi Müller: Für sie bedeutet die Kirche Freiheit

LUKASZENTRUM ⋅ Pfarrerin Heidi Müller (59) war einst die erste Gymnasiastin ihres Dorfs – und erntete dafür Spott. Rückhalt fand sie damals in der Kirche. Dieser blieb sie bis heute treu. Nun geht sie in Pension.
08. August 2017, 04:38

Simon Bordier

stadt@luzernerzeitung.ch

«Was dürfen Sie denn als Pfarrerin alles machen?» Die Frage wird Heidi Müller, seit 20 Jahren Pfarrerin an der evangelisch-reformierten Lukaskirche in Luzern, hin und wieder gestellt. Gerade für ältere Personen mit katholischem Hintergrund sei es manchmal schwer zu fassen, wie das gehen soll: eine Frau hinter dem Abendmahlstisch. Doch die 59-Jährige hat eine klare Antwort parat: «Ich darf alles!» Pfarrerinnen hätten dieselben Rechte und Pflichten wie ihre männlichen Kollegen.

Müller, die Ende August in Frühpension geht, hat ihre Freiheiten rege genutzt. Sie und ihr Team haben mit katholischen Kollegen Projekte angestossen, die in der Luzerner Kirchenlandschaft ziemlich quer dastehen. Den ökumenischen Gottesdienst «Berührt werden» mit Handauflegen zum Beispiel. Oder Morgenmeditationen für gestresste Pendler und Arbeiter. Beliebt ist auch die «Zwitscherbar», wo sich Studierende, Flüchtlinge, Geschäftsleute und Gemeindemitglieder treffen. «Kürzlich sah ich eine Gruppe Schweizer, Afghanen und Iraner an einem Tisch jassen. Verrückt!»

Das Lukaszentrum, nah beim Bahnhof am sozialen Treffpunkt Vögeligärtli gelegen, hat sich zu einer «City-Kirche» mit vielen sozialen und spirituellen Angeboten entwickelt. Die Lorbeeren dafür möchte Müller aber nicht für sich einheimsen. Dahinter stehe ein Frauenteam, bestehend aus ihr, der Pfarrerin Verena Sollberger, der Diakonin Yvonne Lehmann und Freiwilligen, unterstützt durch die Kirchenpflege. Das Lukas-Team arbeite im flexiblen Jobsharing-Modell. Das sei gerade für Frauen, etwa im Fall einer Schwangerschaft, wichtig.

Von den Katholiken gelernt

Alles gut also? Nein. Denn auch die reformierte Kirche Luzern bleibt nicht von Mitgliederschwund verschont. Sie hat im Vergleich zur katholischen Schwesterkirche sogar überdurchschnittlich viele Mitglieder verloren – warum ist das so? «Das müsste man empirisch untersuchen. Vielleicht liegt es daran, dass wir freier und rationaler sind», vermutet Müller.

Ein reformierter Gottesdienst lebe nun mal mehr von der Predigt und weniger von Ritualen und Sinneseindrücken als bei Katholiken. Entsprechend sei die emotionale Bindung weniger stark ausgeprägt. «Wobei die Lukaskirche das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität, Ganzheitlichkeit und Emotionalität aufgenommen hat», betont sie. Man habe diesbezüglich von der katholischen Kirche gelernt. Überhaupt sei der Austausch zwischen den Kirchen in Luzern «sehr gut».

Die grösste Herausforderung sieht die Pfarrerin in der Indi­vidualisierung der Gesellschaft. Die neue Vielfalt sei erfreulich, doch leider gehe zugleich ein Stück Verbindlichkeit verloren. «Uns muss es noch besser gelingen, die Menschen miteinzubeziehen, beteiligen zu lassen.»

Heidi Müller ist in einer Käser­familie in Diessbach BE aufgewachsen. Als sie aufs Gymnasium ging – als erstes Mädchen im Dorf –, erregte das Aufsehen, oft auch Spott. Auch sonst war es für sie schwierig, in dem konservativen Flecken ihren Platz zu finden.

Die Kirche wurde mehr und mehr zu ihrer Heimat. «Ich ging im Pfarrhaus ein und aus. Dort waren befreiungstheologisch ausgerichtete 68er-Pfarrer am Werk. Die hatten nie einen Talar an, sondern Manchesteranzug mit weissem Wollkragenpullover. Hier habe ich viel Rückhalt erfahren, für mich war die Kirche ein Raum der Freiheit.»

Suche nach «befreiender Frauengeschichte»

Die Aufbruchstimmung liess Heidi Mül­ler nicht mehr los. 1984 kam sie nach Luzern, war in der kirchlichen Sozialarbeit tätig. Zugleich half sie beim Aufbau der ökumenischen Frauenbewegung mit. Relativ spät, mit Anfang 30, entschied sie sich für ein Theologiestudium. «Die feministische Theologie und die Einführung in die Bibel während der Ausbildung zur Katechetin – da hat es mir den Ärmel reingenommen.»

Während des Studiums in Zürich bewegte sie sich allerdings wieder in einer Männerwelt: Die Professorenschaft wollte von Bibelauslegung aus weiblicher Sicht nichts wissen. «Nach dem Studium, als Pfarrerin, habe ich weiterhin nach Spuren einer befreienden Frauengeschichte gesucht, konkret in den ‹Öku­menischen Bibelgesprächen für Frauen›, zusammen mit einer katholischen Kollegin.»

Durch die Frühpensionierung möchte Heidi Müller nun mehr Zeit für sich, ihren Mann, Freunde, Familie sowie neue Projekte haben, die sie allerdings noch nicht verraten möchte. Sie habe zwar im Pfarramt 70 Prozent gearbeitet, doch es habe sich wie ein 100-Prozent-Pensum angefühlt. Auch wenn das schöne Aussichten sind: Der Abschied falle ihr schwer.

Hinweis: Heidi Müllers Abschiedsgottesdienst findet am Sonntag, 27. August, um 10 Uhr in der Lukaskirche Luzern statt.


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