Gedenktafel erinnert an Kinderleid

KRIENS ⋅ Heute verbringen Kinder im Schulhaus Gabeldingen eine unbeschwerte Schulzeit. Das war nicht immer so. In der «Erziehungsanstalt Sonnenberg» herrschten skandalöse Zustände. Jetzt setzt Kriens ein Zeichen.
18. Oktober 2017, 20:10

Sandra Monika Ziegler

sandra.ziegler@luzernerzeitung.ch

Die Erziehungsanstalt Sonnenberg oberhalb Kriens schrieb zu seiner Schliessung im Jahr 1944 eine menschenunwürdige Geschichte. Damals wurde das stattliche Haus in Gabeldingen als «christliches Erziehungsheim» für katholische Knaben genutzt. Erst als der Zürcher Journalist Peter Surava (siehe Kasten) und der Fotograf Paul Senn die Missstände mit ihrer Reportage im August 1944 aufdeckten, wurde gehandelt. Zuvor schauten Kirche und Behörden weg und duldeten die Situation. Schläge und Essensentzug sowie härteste Arbeit waren an der Tagesordnung.

Aufgrund der Medienberichte wurde das Heim auf dem Sonnenberg wenige Monate später geschlossen. Der letzte Heimleiter wurde gerichtlich verurteilt. Gegründet hatte das Erziehungsheim im heutigen Schulhaus Gabeldingen die Schweizerische Gemeinnutzige Gesellschaft (SGG) im Jahr 1859.

Gedenktafel soll Opfer anerkennen

Dieser dunklen Vergangenheit gedenkt die Gemeinde Kriens nun diesen Samstag. Dabei wird beim Schulhaus Gabeldingen eine Gedenktafel eingeweiht, die «eine Chance bieten soll, mit diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit abzuschliessen», schreibt die Gemeinde Kriens. Mit der Gedenktafel will Kriens ein Zeichen setzen, damit das Leid, das in der Erziehungsanstalt Sonnenberg geschah, nicht in Vergessenheit gerät. Es ist ein Akt der Aufarbeitung, um mit der Vergangenheit Frieden zu schliessen. Ein solcher Akt sei für eine Gemeinde besonders wichtig, weil «die Missstände traumatisierte Menschen hinterliessen, deren Biografie geprägt wurde durch ein völlig verlorenes Vertrauen in die staatlichen Institutionen und Kontrollorgane».

Der ehemalige SGG-Geschäftsleiter Herbert Ammann kennt die Geschichte des Heims ebenfalls und beschreibt die damaligen Ereignisse wie folgt: «Es entwickelte sich eine grosse Kampagne, die Missstände blieben nicht weiter verborgen und konnten auch nicht mehr vertuscht werden. Deshalb haben der damalige Präsident der SGG, Emil Landolt, und der Geschäftsleiter Walter Rickenbacher das Heim innert zwei Wochen geschlossen.»

Herbert Ammann merkt noch an, dass die SGG das Heim Sonnenberg ob Kriens ursprünglich als interkonfessionelles Heim führen wollte. Gegen die Katholiken konnte sich die Gesellschaft jedoch nicht durchsetzen. Das war auch der Grund, weshalb dort ausschliesslich katholische Knaben platziert wurden.

Jahre später hat das Museum Bellpark in Kriens die Medienkampagne von 1944 wieder aufgegriffen und mit einer Ausstellung im Mai 2009 den Missbrauch in der Erziehungsanstalt Sonnenberg thematisiert. Kurator war damals Kilian T. Elsasser. Er sagt über die Ausstellung: «Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und zeigte auf, dass solche Missstände vor der eigenen Haustüre passieren können – und nicht irgendwo.» An der damaligen Vernissage waren auch zwei Betroffene anwesend, erinnert sich Herbert Ammann, der damals eine Eröffnungsrede hielt. «Diese beiden Männer haben sich als Einzige für die Ausstellung bedankt», erinnert er sich.

Hinweis

Dieses Wochenende sind Teile der Ausstellung «Erziehungsanstalt Sonnenberg» des Museums Bellpark im Schulhaus Gabeldingen zu sehen.

Sozialreportagen zeigten Wirkung

 Der Journalist Peter Surava (1912–1995) wurde in Zürich als Hans Werner Hirsch geboren und verwendete für seine Artikel öfters Pseudonyme. Seine Enthüllungen veröffentlichte er in der Wochenzeitung «Die Nation». Die Zeitung war ein antifaschistisches geistiges Bollwerk und machte immer wieder durch kritische Sozialreportagen auf sich aufmerksam. Sie wurde im Jahr 1952 eingestellt. (sam)


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