Gefährliches Leben im hohen Gras: 140 Rehkitze sterben jährlich durch Mähmaschinen

REHKITZE ⋅ Rund 140 Rehe werden im Kanton Luzern jährlich durch Landmaschinen getötet. Zwar gibt es bereits Hightech-Möglichkeiten, um die Jungtiere zu schützen. Trotzdem setzen Bauern und Jäger auf altbekannte Methoden.
14. Mai 2017, 20:03

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

An den ersten sonnigen Frühlingstagen steht auf vielen landwirtschaftlichen Flächen der erste Schnitt an. Doch wenn die Mähmaschinen durch das hohe Gras fahren, liegt dort oft auch der Nachwuchs der Rehe versteckt. Die raffinierte Tarnung der Kitze ist ihr Fluch und Segen zugleich. «Da die jungen Rehe in den ersten 14 Tagen noch geruchlos sind, sind sie dort für ihre natürlichen Feinde wie Bussarde und Füchse praktisch unauffindbar», erklärt Peter Küenzi, Prä­sident von Revierjagd Luzern. Aber: «Durch ihre Tarnung sind die Rehkitze auch für den Menschen kaum zu entdecken.» Statt wegzurennen, haben die Tiere zudem einen Duckreflex – und deshalb bleiben sie bei drohender Gefahr einfach liegen, auch bei sich nähernden Landmaschinen.

Rund 140 Jungtiere finden so Jahr für Jahr auf Luzerner Wiesen und Feldern den Tod. Bei einem Bestand von 7800 Tieren im Jahr 2015 (aktuellste verfügbare Zahlen) entspricht dies rund 1,8 Prozent des Bestandes. Das ist bedeutend mehr als im Rest der Zentralschweiz (siehe Tabelle).

Christian Hüsler, Wildhüter bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern, erklärt: «Der Unterschied kann zum Teil durch die intensive Bewirtschaftung der grösseren Graslandflächen erklärt werden.» Vor allem im ebenen Mittelland gebe es viele grosse Nutzflächen, auf denen leistungsstarke Mähmaschinen zum Einsatz kommen. «Je grösser die Landwirtschaftsfahrzeuge und die Fläche, desto schwieriger ist es, die jungen Rehe zu entdecken. In Berggebieten, wo oft kleinere Mäher, nicht selten von Hand betrieben, eingesetzt werden, ist die Chance grösser, die Jungtiere aufzuspüren.»

Melden Luzerner Bauern häufiger tote Tiere?

Es gibt womöglich weitere Gründe, warum Luzern im Vergleich zu anderen Zentralschweizer Kantonen einen höheren Anteil an getöteten Rehen ausweist. Wildhüter Christian Hüsler spricht von einem Graubereich in der Zählung. «Wir wissen nicht, wie viele vermähte Rehkitze tatsächlich auch gemeldet werden.» Es wäre möglich, dass Luzerner Landwirte und Jäger gefundene Tiere zuverlässiger melden als in anderen Kantonen. Oft würden die toten Tiere von den Bauern auch nicht entdeckt – oder nicht gemeldet. Auch werden die Kadaver oftmals von Räubern wie Fuchs oder Bussard entfernt.

In den nächsten Tagen und Wochen streifen Jäger gemeinsam mit den Landwirten durch Wald und Wiesen, um die Rehe zu «verblenden» oder zu «verwittern»: Neuralgische Stellen werden durch ein flatterndes Stofftuch oder Alufolie markiert, um die Tiere zu verscheuchen. Auch kommen beim Verblenden Blitzlampen zum Einsatz.

Beim Verwittern wird mit Duftstoffen dasselbe versucht, etwa indem eine Wiese mit Hunden abgegangen wird. Wenn nötig werden die Tiere auch von Hand von der gefährlichen Stelle weggetragen – immer mit einem Büschel Gras zwischen Mensch und Tier, damit es zu keinem direkten Kontakt kommt.

Jäger und Bauern müssen ein eingespieltes Team sein. «Der Jäger kennt die Umgebung des Rehs, der Bauer sein Land. Bei guter Absprache ist das immer noch die effizienteste Methode, die uns zur Verfügung steht», sagt Küenzi. In Luzern klappe dies ausgesprochen gut, betont er. Trotzdem kehren die Rehgeissen regelmässig mit ihren Kitzen zurück an den Ort, wenn die Gefahr sich scheinbar verzogen hat.

Durch Landmaschinen getötete Rehe, 2015

Kanton Rehbestand Getötete Tiere (Anteil in %)
LU 7800 140 (1,8%)
NW 1295 7 (0,5%)
OW 1023 6 (0,6%)
UR 1000 14 (1,4%)
SZ 944 9 (1,0%)
ZG 1034 6 (0,6%)

Quelle: Jagdstatistik des Bundesamts für Umwelt


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